Schwäbische Alb Älteste Elfenbeinfigur der Welt entdeckt

In einer Höhle auf der Schwäbischen Alb ist Archäologen erneut ein spektakulärer Fund gelungen: fünf Elfenbeinfiguren, die mit einem Alter von 35.000 Jahren zu den ersten Kunstwerken der Menschheit gehören - darunter die älteste vollständig erhaltene Plastik der Welt.

Von Thomas Brock


Die Vogelherdhöhle auf der Schwäbischen Alb ist eine Berühmtheit, seit dort 1931 elf kleine Elfenbein-Schnitzereien entdeckt wurden. Die kleinen Wildpferde, Mammuts und Bären, so stellte sich heraus, stammten aus der Dämmerung der Menschheit in Europa und gehörten zum Ältesten, was jemals an Kunstwerken gefunden wurde.

Im vergangenen Jahr haben Studenten der Universität Tübingen im damals angefallenen Abraum aus der Höhle erneut nach Verborgenem gesucht: Sie spülten und siebten sich durch 112.000 Liter Dreck aus 7000 Säcken. Schon als das Wasser die ersten kleinen Fragmente von Mammut-Elfenbein freilegte, hatte sich die Mühe gelohnt. Dann aber hielt einer der Studenten eine vollständige, 3,7 Zentimeter große und 7,5 Gramm leichte Mammutfigur in der Hand - eine Sensation, wie Forschungsleiter Nicholas Conard schwärmt. "Die Aufregung und Begeisterung war groß", sagte der Urgeschichtler zu SPIEGEL ONLINE.

Älteste vollständige Elfenbeinplastik der Welt

Wie Conard und Maria Malina jetzt in einem Beitrag für das Jahrbuch "Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg" schreiben, handelt es sich bei dem Fund um die älteste vollständige Elfenbeinplastik der Welt. Die kleine Mammutfigur ist sehr schlank, weshalb Conard ein üppig behaartes Mammut ausschließt. Im Gegensatz zu den meisten bereits bekannten Figuren trägt es verhältnismäßig wenige Verzierungen. Die Sohlen sind mit einem feinen Kreuzmuster markiert, der Kopf trägt sechs Einschnitte.

Insgesamt entdeckte das Team fünf neue kleine Elfenbeinplastiken. Von dreien existieren nur noch Bruchstücke. Sie könnten vor Jahrtausenden zu einem Pferd und einem Mammut gehört haben. Aus einem anderen Fragment ist ein Löwe mit gerecktem Hals und Kopf zu erkennen. Es ist entlang der Längsachse gespalten und hat eine Länge von 5,6 Zentimetern.

Somit sind inzwischen wenigstens 26 Plastiken aus vier Höhlen der Schwäbischen Alb – Vogelherd, Hohlenstein-Stadel, Geißenklösterle und Hohle Fels – bekannt. Darunter befinden sich mehrere Mammuts, ein Nashorn, ein Wildpferd und ein Wasservogel. Zwei Mischwesen stellen Löwen mit menschlichen Gesichtern dar.

28.000 bis 36.000 Jahre alt

Zwar ist das Alter der Elfenbeinplastiken nicht direkt bestimmt worden, doch die Radiokohlenstoffdatierungen der Fundschichten auf der Schwäbischen Alb haben ein Alter von 28.000 bis 36.000 Jahren ergeben. Andere Methoden ergeben sogar ein noch höheres Alter. Es könne deshalb "mit Gewissheit davon ausgegangen werden, dass Kunst in Schwaben vor etwa 35.000 Jahren etabliert war", sagt Conard. Damit sind die Figuren die ältesten figürlichen Darstellungen der Welt - und das Mammut die erste vollständig erhaltene.

In dieser Epoche, die Archäologen als Aurignacien bezeichnen, entstand nicht nur in großer Zahl erstmals figürliche Kunst, sondern kulturelle Modernität insgesamt. Denn auch die ältesten bekannten Musikinstrumente, aufwändiger Grabschmuck und moderne Steinbearbeitungstechniken haben ihren Ursprung offenbar in dieser Epoche.

Kunst von Neandertalern oder modernen Menschen?

Ob Neandertaler oder moderne Menschen die Figuren geschnitzt haben, ist nach wie vor umstritten. Zu dieser Zeit lebten beide gleichzeitig in Europa. Conard glaubt eher an moderne Menschen als Urheber der Kunstwerke von der Schwäbischen Alb. Doch es sei nicht mit Sicherheit auszuschließen, dass es Neandertaler waren.

Klarheit könnte vielleicht die Zukunft bringen, denn bislang wurde nur ein Fünftel des gesamten Aushubs aus der Vogelherdhöhle bearbeitet. Bis 2009 soll auch der Rest aus den Grabungen von 1931 durchsucht werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass dabei weitere Kleinkunstwerke gefunden werden, hält Conard für groß.

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.