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Schwäbische Alb: Forscher entdecken ältestes Musikinstrument der Welt

Spektakulärer Fund aus der Eiszeit: In einer Höhle auf der Schwäbischen Alb haben Archäologen eine mehr als 35.000 Jahre alte Flöte aus Gänsegeierknochen ausgegraben. Es ist nicht die erste aufsehenerregende Entdeckung des Tübinger Forscherteams.

Tübingen - Für spektakuläre Funde aus der Eiszeit ist der Tübinger Urgeschichtler Nicholas Conard inzwischen weltweit bekannt. Erst vor wenigen Wochen hatte er mit der Präsentation der "Venus vom Hohle Fels" einen archäologischen Coup gelandet. Am Mittwoch zauberte der Forscher einen weiteren Sensationsfund seines Teams aus einem kleinen Alukoffer: eine höchstwahrscheinlich mehr als 35.000 Jahre alte Knochenflöte. Sie gilt als bislang ältester Beleg für ein Musikinstrument weltweit. Und weil sie nicht die einzige Eiszeit-Flöte ist, die auf der Schwäbischen Alb gefunden wurde, sehen die Wissenschaftler es als erwiesen an, dass Musik schon damals zum Alltag gehörte.

Mehr als 35.000 Jahre alt: Flöte aus der Eiszeit Zur Großansicht
dpa

Mehr als 35.000 Jahre alt: Flöte aus der Eiszeit

Wie die "Venus", die als älteste Menschendarstellung der Welt gilt, wurde auch die Knochenflöte in der Höhle "Hohle Fels" bei Schelklingen ausgegraben, etwa 20 Kilometer von Ulm entfernt. Zwölf Teile des Musikinstruments fanden sich in der untersten Schicht aus der Zeit des sogenannten Aurignacien - der ältesten mit dem modernen Menschen in Verbindung gebrachten Kultur in Europa. Zusammengesetzt bilden sie das mit Abstand am vollständigsten erhaltene Musikinstrument, das bisher in den schwäbischen Höhlen gefunden wurde. Und weil andere Flötenfunde etwa in Südfrankreich oder Österreich jüngeren Datums sind, ist es laut Conard zugleich das älteste Instrument überhaupt und der Beleg für die "ersten nachgewiesenen Musiker auf Erden".

Bereits im Sommer 2008 wurde die Flöte gefunden und seither zusammengesetzt. Sie besteht aus einer Speiche eines Gänsegeiers, der mit einer Spannweite von 2,30 bis 2,65 Metern ideale Knochen für Flöten liefern kann. Die Flöte ist 22 Zentimeter lang, besitzt fünf Löcher und eine Einkerbung am Ende. Spielen kann man die Flöte aber nicht, weil das untere Ende fehlt. "Wir würden es aber auch nicht tun - das wäre mit der Feuchtigkeit unverantwortlich", betonte Conard am Mittwoch. Deshalb hat er die alte Flöte so originalgetreu wie möglich aus einem Gänsegeierknochen nachschnitzen lassen. Das Imitat klingt etwas hohl, modernen Flöten aber erstaunlich ähnlich.

Bei den Grabungen stießen Conards Mitarbeiter außerdem sowohl im "Hohle Fels" als auch an der Fundstelle Vogelherd auf einzelne Fragmente von drei Elfenbeinflöten. Schon in den Jahren zuvor waren an mehreren Stellen auf der Schwäbischen Alb Musikinstrumente aus der Eiszeit entdeckt worden. Alles in allem haben die Tübinger Wissenschaftler inzwischen vier Knochenflöten und mehreren Elfenbeinflöten ausgegraben.

"Die Funde sind also gar nicht so selten, wie mal gedacht", betont Conard und schließt daraus, dass Musik auch damals schon "ein Teil des Lebens war". Damit gebe es eine "nachgewiesene musikalische Tradition" schon zu den Anfängen des modernen Menschen. "Die Musik gehörte zu dieser Periode", ist sich der Urgeschichtler sicher.

Öffentlich ausgestellt wird die Original-Knochenflöte erstmals bei einer Eiszeit-Landesausstellung in Stuttgart, die von 18. September 2009 bis 10. Januar 2010 läuft. Dort ist dann auch die "Venus" zu sehen, die ebenfalls von Conards Mitarbeitern entdeckt wurde. Warum ausgerechnet er und sein Team auf eine Sensation nach der anderen stoßen, vermag auch der Urgeschichtler nicht so richtig zu erklären. Es gebe halt "gute Entdeckungsbedingungen" auf der Schwäbischen Alb und eine "gute Grabungstechnik", sagt er. Er sei sich aber ganz sicher, dass auch in anderen Teilen der Welt damals schon Musik gespielt wurde.

wit/ddp/dpa/AP/AFP

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