Schwangerschaft: Unerwünschte Kinder haben mehr Angst

Von Petra Thorbrietz

Bereits in der Schwangerschaft werden viele Krankheiten und Persönlichkeitszüge von Kindern programmiert. Traumatische Erlebnisse im Uterus können noch Enkel und Urenkel beeinflussen - die Fähigkeit zu lieben kann über Generationen weitervererbt werden.

Ziemlich rot und zerknittert begann das Leben des kleinen Arne, als er nach einem langen Tag voller Geburtswehen schließlich doch von der Hand eines Chirurgen ans Tageslicht befördert wurde. Die Kontraktionen der Gebärmutter hatten seinen Lebensraum bedrohlich eingeengt, Stresshormone seinen kleinen Körper überschwemmt, die Hebamme hatte ihm und seiner Mutter sogar mit heißen Kräuterpäckchen eingeheizt. Doch irgendwie steckte er fest, der Kopf wollte einfach nicht in Richtung Ausgang rutschen, und dann musste es eben sein: ein Schnitt, ein Griff, grelles Licht, ein Schrei – und Sauerstoff drang in seine Lungen.

Schwangerschaft: "Keine Erfahrung wird je vergessen"
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Schwangerschaft: "Keine Erfahrung wird je vergessen"

Doch auch, wenn Arne von nun an selbst atmen und essen muss und schon bald auf eigenen Füßen stehen wird, war seine Geburt kein Anfang, sondern nur ein Übergang. Längst ist er im Bauch durch Bewegungen und Gefühle seiner Mutter, durch Geräusche, Stress und verschiedene Umweltreize geprägt worden. Wann das Leben wirklich beginnt, das war lange Zeit Gegenstand von Spekulationen, überlagert von ethischen und politischen Debatten wie der Abtreibungsfrage. Jetzt zeigen neueste Forschungsansätze, dass gerade in der Zeit vor der Geburt Weichen für das ganze Leben gestellt werden.

Manche der Thesen klingen unglaublich: Kann es wirklich sein, dass die Essgewohnheiten des Großvaters bei seinem Enkelkind zu einem Herzinfarkt führen? Produzieren dicke Schwangere mehr essgestörte Kinder als andere Frauen? Führt Stress im Uterus zu Homosexualität? Fest steht bisher nur, dass die Verbindung von innen und außen, von körperlichen Anlagen und Umwelteinflüssen viel enger ist als bisher angenommen. "Keine Erfahrung wird je vergessen", so der Heidelberger Psychoanalytiker Ludwig Janus, ehemaliger Präsident der Internationalen Studiengemeinschaft für Pränatale und Perinatale Psychologie und Medizin. Ärzte und Psychologen, Hebammen und Geburtshelfer versuchen hier in interdisziplinärer Zusammenarbeit, das Geheimnis des Lebens vor der Geburt zu entschlüsseln.

Dass vorgeburtliche Einflüsse im späteren Leben krank machen können, lässt sich in einigen Fällen schon ganz plausibel erklären: Andreas Plagemann, Endokrinologe am Institut für Experimentelle Geburtsmedizin an der Berliner Charité, versucht mithilfe von klinischen Studien, Tierversuchen und Experimenten nachzuweisen, dass dicke Schwangere ihrem Kind eine Neigung zu Diabetes vererben. Mit den Genen selbst hat das jedoch nichts zu tun: Vielmehr führe ihr Stoffwechsel dazu, dass der Hormon- und Botenstoffhaushalt des Fötus bereits vor seiner Geburt auf Übergewicht und Krankheit programmiert wird.

Glukose, also Zucker, ist der wichtigste Nährstoff für das in der Gebärmutter heranwachsende Kind. Damit es auch genug davon bekommt, entwickelt der Organismus der Mutter eine steigende Resistenz gegenüber Insulin, dem Botenstoff, der den Zucker in die Körperzellen schleust. In einigen Fällen kann der Blutzucker dabei so gefährlich ansteigen, dass es zu einem Schwangeren-Diabetes kommt.

Gefährdet sind vor allem dicke Frauen, ihr Risiko ist 20-mal größer als das von Normalgewichtigen. Das wachsende Übergewicht in der Gesellschaft, glaubt Plagemann, hat deshalb den Schwangerschaftsdiabetes von fünf Prozent im Jahr 1999 auf ein Vielfaches erhöht: "Inzwischen ist bereits jede dritte werdende Mutter zu dick", sagt Plagemann, "und die Dunkelziffer der Zuckerkrankheit ist enorm hoch." Denn ein Diabetestest ist trotz vieler Bemühungen immer noch nicht Standard bei der Schwangerenvorsorge.

60 Prozent der nicht behandelten Schwangeren entwickeln in den acht Jahren nach der Geburt einen echten Diabetes Typ 2. Dabei ließe sich, so Plagemann, mit einem Test nicht nur diese langfristige Gefahr für die Frauen mindern, sondern auch das aufs Ungeborene übertragene Risiko. Versuche an Ratten hätten gezeigt, wie dieses Risiko entsteht: Der Hypothalamus des Fötus werde durch den Stoffwechsel der Mutter falsch programmiert, und das fehlgeleitete Regelzentrum im Gehirn führe langfristig zu einem metabolischen Syndrom, dem explosiven Gemisch der Risikofaktoren Zucker, Übergewicht, Bluthochdruck und gestörtem Fettstoffwechsel. "So ein Test kostet nur etwa 20 Euro", sagt der Endokrinologe Plagemann, "und man könnte damit auch bei kommenden Generationen Leiden verhindern."

Übergewicht hat bereits epidemische Ausmaße: Nicht nur 15 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen in Deutschland wiegen zu viel. Fast jedes zehnte Neugeborene wiegt mehr als 4000 Gramm – "eine Last fürs Leben", sagt Plagemann. Eine neue Studie der New Yorker Rockefeller-Universität zeigt überdies, dass Föten, die durch ihre Mutter fettreich ernährt werden, im Gehirn Nervenzellen entwickeln, die später die Sucht nach Fett fördern.

Langfristig gefährdet sind aber auch die untergewichtigen Frühgeburten. Dass Alkohol und Nikotin als Zellgifte das Wachstum des Fötus stören, ist seit Langem bekannt: Trinkt eine Schwangere regelmäßig, reduziert sich das Geburtsgewicht um durchschnittlich 1000 Gramm. Raucht sie, büßt das Kind an die 300 Gramm ein. Doch wie weitreichend die Folgen sind, machen erst jetzt Studien deutlich: Selbst wenn der Säugling nach der Geburt aufgepäppelt wird, behält er demnach ein doppelt so hohes Risiko, Jahrzehnte später eine Herz-Kreislauf-Krankheit zu erleiden. Die Ursache dafür könnte sein, dass die Frühgeborenen im Mutterleib weniger Nierenkörperchen ausbilden konnten, die eine wichtige Rolle bei der Filterung des Bluts spielen. Und auch die zu kleinen Babys haben paradoxerweise ein sechsfach erhöhtes Risiko, zuckerkrank zu werden und sind wie die dicken Säuglinge vom "metabolischen Syndrom" betroffen – 18-mal häufiger als Normalgewichtige.

Ein Teil dieser Daten basiert auf der Auswertung des niederländischen Hungerwinters 1944/45, als viele Menschen an den Folgen mangelnder Versorgung starben. Die damals geborenen Kinder liefern heute wichtige Erkenntnisse für das EU-Forschungsprojekt "LifeSpan" (Integrating Research into Development and Ageing), das untersucht, welche Rolle frühe Ereignisse für die Lebenserwartung spielen. Evelyna Derhovanessian vom Universitäts-Klinikum Tübingen ist eine der beteiligten 130 Wissenschaftler aus zehn Ländern. Sie versucht herauszufinden, wie sich die Körperabwehr durch fötalen Stress verändert. Es gibt Anzeichen dafür, dass sich das Verhältnis der Immunzellen zueinander verändert: "Forschung an lebenden Blutzellen", sagt sie, "ist besonders aufwendig. Wir können erst mal nur analysieren, bevor wir Schlussfolgerungen daraus ziehen." Das Projekt läuft zunächst für fünf Jahre, bis 2011.

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