Schwarmintelligenz Wie falsche Antworten zur Wahrheit führen

Ein Schwarm ist nicht zwingend intelligent. Insbesondere bei Ja-Nein-Fragen liegen Gruppen immer wieder daneben. Nun berichten Psychologen über einen Trick, mit dem sie trotzdem die richtige Antwort finden.

Symbolfoto: So stimmt hoffentlich niemand ab
Getty Images

Symbolfoto: So stimmt hoffentlich niemand ab

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Die Intelligenz der Masse zeigte sich erstmals auf einer Mastvieh-Ausstellung im Jahr 1907. Bei einem Gewinnspiel sollten die Teilnehmer das Gewicht eines Ochsen schätzen. Der Forscher Francis Galton wertete später die Schätzungen aus und stellte verblüfft fest: Im Mittel tippten die Leute 1207 Pfund; tatsächlich wog das Tier 1198 Pfund, also nur neun Pfund weniger.

Das klappt nicht nur mit Ochsen. Eine Gruppe von Laien beantwortet Fragen in vielen Fällen besser als Experten. Der Effekt ist als "Crowd Wisdom" bekannt, also als Weisheit der Masse. Und er ist keinesfalls nur Theorie: Manche Firmen befragen im Intranet ihre Mitarbeiter zu wichtigen strategischen Entscheidungen - weil die Crowd besser entscheidet als der Vorstand alleine.

Doch diese Weisheit der Gruppe versagt, wenn man Ja-Nein-Fragen oder andere Multiple-Choice-Fragen stellt. Das ist ärgerlich, denn viele Fragen lassen sich nicht mit Zahlen beantworten.

Forscher wollen nun einen Weg gefunden haben, um auch in diesem Fall die Intelligenz der Masse anzapfen zu können. Dazu müsse man eine zweite Frage stellen, berichten Drazen Prelec und seine Kollegen vom Massachusetts Institute of Technology in den USA im Fachblatt "Nature".

Wieso ist Multiple-Choice so schwierig?

Zunächst einen Schritt zurück: Wie kann es überhaupt sein, dass eine Gruppe von Laien den Experten schlägt? "Die Mittelung ist das Entscheidende", sagt Marc Keuschnigg, Soziologe an der Linköping University in Schweden.

Am Beispiel des Ochsen erklärt: Ein Teil der Gewinnspielteilnehmer schätzte den Ochsen als zu leicht ein. Andere wiederum tippten auf ein zu hohes Gewicht. Doch im Mittel kam dann ziemlich genau das Richtige raus.

Das Problem der Ja-Nein-Fragen ist nun, dass sie sich nicht mitteln lassen. Auf die Frage "Ist Rostock die Hauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern?" kann man eben nur mit Ja und Nein und nicht mit 5 und 7 antworten und demnach auch keinen Mittelwert ausrechnen.

Letztlich handelt es sich damit um eine einfache Mehrheitsentscheidung. "Unsere Simulationen zeigen, dass in diesen Fällen die Experten wieder bessere Antworten geben als die Laien", sagt Keuschnigg.

Was schlagen die US-Forscher vor?

Doch die Forscher haben einen Trick gefunden, um trotz falschen Mehrheitsentscheids die Wahrheit finden zu können. Neben der Ja-Nein-Frage sollten die Teilnehmer nun noch die folgende Frage beantworten: "Was glauben Sie: Wie viel Prozent der Befragten antworten genauso wie Sie?"

Diese zweite Prognosefrage funktioniert wie eine Art Sicherheitsüberprüfung: Nur wenn der Anteil der Ja-Stimmen mindestens so groß ist wie die Prognose für die Ja-Stimmen ist Ja tatsächlich die Lösung. Sonst ist Nein richtig.

Finden Sie kompliziert? Machen wir zwei Beispiele.

Fiktives Beispiel 1: Die Hose

DPA

Ist diese Hose blau? Ja oder Nein?

Die Frage ist leicht zu beantworten: Natürlich ist die Hose blau.

Dementsprechend werden 100 Prozent der Befragten mit Ja antworten. Gleichzeitig werden sie auch tippen, dass alle anderen ebenfalls mit Ja antworten - weil die Antwort so offensichtlich ist. Der Mittelwert der Prognose für Ja wird damit auch bei 100 Prozent liegen. Damit ist Ja die Antwort.

Fiktives Beispiel 2: Die Hauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern

Ist Rostock die Hauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern? Ja oder Nein?

Hier wird es schon kniffeliger. Bei ähnlichen Fragen für Hauptstädte von US-Staaten lag die Mehrheit immer wieder falsch, wie die MIT-Forscher berichten.

Das Problem: Rostock ist die größte Stadt Mecklenburg-Vorpommerns, sodass viele Menschen glauben, dass Rostock auch die Hauptstadt ist. Tatsächlich ist jedoch Schwerin die Landeshauptstadt.

Bei dieser Frage stimmt die Mehrheit also mit Ja - und liegt damit falsch. Die Menschen, die wissen, dass Schwerin die Hauptstadt ist, sind in der Minderheit und werden überstimmt.

Diese kollektive Fehleinschätzung können die Forscher nun aufspüren: Nehmen wir an, 60 Prozent der Befragten stimmen mit "Ja, Rostock ist die Hauptstadt". Dann werden diese 60 Prozent auch angeben, dass der Rest der Befragten so stimmt wie sie - ihre Antwort scheint ihnen ja plausibel, ähnlich wie bei der Hose in Beispiel 1.

Die Masse glaubt die Antwort zu kennen - und sitzt in Wahrheit nur einem kollektiven Missverständnis auf.

Mittelt man über die ganzen "Ja"-Sager werden sie stark die Antwort "Ja" erwarten; nehmen wir beispielhaft an, sie erwarten, dass 90 Prozent so abstimmen wie sie. Die "Nein"-Sager werden natürlich eher "Nein" erwarten - aber da sie in der Minderheit sind, können den Gesamtschnitt nicht unter 60 Prozent ziehen.

Damit ist die Prognose für Ja aber größer als 60 Prozent - und die Sicherheitsüberprüfung schlägt an. Entsprechend der Regel der Forscher ist dann "Nein, Rostock ist nicht die Hauptstadt" die Antwort, die die Masse gibt - und das ist tatsächlich die richtige Antwort.

Klappt das?

"In der Theorie ist diese Regel unfehlbar", meint MIT-Forscher Prelec. Sie sollte also immer die tatsächlich richtige Antwort liefern, wie die Forscher mathematisch zeigen.

In der Praxis sieht es anders aus. Die Forscher testeten ihre Regel mit unterschiedlichen Gruppen und Fragen zu den Hauptstädten von US-Staaten, Allgemeinwissen, Hautkrankheiten und Preisen von Gemälden. Dabei schauten sie, ob die Antworten besser sind als mit einer reinen Mehrheitsentscheidung.

Bei den Hauptstädten konnte die neue Regel die Mehrheitsentscheidung schlagen. In den anderen Kategorien sind Unterschiede zur Mehrheitsmethode weniger deutlich. "Es gibt sicher auch Fälle, wo die zusätzliche Frage einen auf die falsche Fährte führt", schreibt Jan Lorenz, Mathematiker und Sozialwissenschaftler an der Jacobs University Bremen, in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE.

Und ein weiterer Punkt ist aus seiner Sicht noch offen: Was ist mit Fragen, deren Antwort noch gar nicht bekannt ist? Funktioniert die Regel dann besser oder schlechter? Auf den ersten Blick lässt sich das nicht beantworten. Das müsse man wohl in einer Studie klären, so Lorenz.

Vorteilhaftes Nichtwissen
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insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
Ringmodulation 26.01.2017
1. Zu diesem Artikel wird es sicherlich Proteste hageln
Am meisten ärgert mich, dass behauptet wird, etwas sei mathematisch bewiesen, aber durch die Praxis widerlegt worden. Wenn da stünde "statistisch bewiesen", wäre mir das egal. Aber mathematisch, das akzeptiere ich nicht. Mathematik ist kein Glücksspiel. Zum anderen finde ich, Beispiel 2 wird zu einfach abgearbeitet. Jene, die Rostock für die Hauptstadt halten, werden zum größten Teil eine schlechte Begründung für ihr "Wissen" haben, und das spüren die meisten Menschen, auch die weniger intelligenten. Sie werden also nicht annehmen, dass alle dasselbe antworten wie sie.
krautrockfreak 26.01.2017
2. Die Hose ist nicht nur blau
Sie ist auch weiß und kupferfarben und ... Sie ist überwiegend blau, aber nicht nur blau. Und nun? Eine korrekte Fragestellungen ist also wichtig.
j.christinck 26.01.2017
3.
das ganze funktioniert natürlich nicht für fragen, deren antwort niemandem bekannt ist. dort werden die sicherheiten der befragten genau wie die antwort der grundfrage nur geschätzt und sind damit ebenso statistisch verteilt um einen mittelwert. aber macht es eine antwort nun richtiger, wenn die menschen denken, dass der großteil der anderen menschen das selbe schätzen wie sie? das ergibt keinen sinn.
cassandros 26.01.2017
4. Statimatik
Zitat von RingmodulationAm meisten ärgert mich, dass behauptet wird, etwas sei mathematisch bewiesen, aber durch die Praxis widerlegt worden. Wenn da stünde "statistisch bewiesen", wäre mir das egal. Aber mathematisch, das akzeptiere ich nicht. Mathematik ist kein Glücksspiel. Zum anderen finde ich, Beispiel 2 wird zu einfach abgearbeitet. Jene, die Rostock für die Hauptstadt halten, werden zum größten Teil eine schlechte Begründung für ihr "Wissen" haben, und das spüren die meisten Menschen, auch die weniger intelligenten. Sie werden also nicht annehmen, dass alle dasselbe antworten wie sie.
Und seit wann ist die Statistik kein Teilgebiet der Mathematik mehr?
flupso 26.01.2017
5. Die Mathematik dahinter
so wie sie erklärt wird, ist Unsinn. Bleiben wir bei der Hauptstadt: 60% sagen "ja" und glauben es zu wissen (sagen wir zu einem Wert zwischen 80 und 100%). Es könnte ja genau umgekehrt sein und 60% sagen "nein", was richtig wäre - und glauben es ebenfalls zu wissen. Dann würde dieselbe Logik diese Frage ebenfalls negieren. Womit es dasselbe reine Glückspiel wäre, wie in der Ausgangssituation. Es könnte funktionieren, wenn es eben darum geht, dass die Leute wissen, dass sie raten - und einen Wert angeben, der ihre Sicherheit sinnvoll belegt. Dann kann man die Antworten mit diesem Wert wichten und es könnte in der Menge etwas sinnvolleres herauskommen. Kann also durchaus funktionieren, aber bestimmt nicht so, wie es im Artikel erklärt wird.
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