Schwarze Löcher in Genf Angst vor Weltuntergang - Amerikaner klagt gegen Teilchenbeschleuniger

Walter Wagner hat Angst. Er fürchtet, dass Schwarze Löcher entstehen könnten, wenn im Herbst der Teilchenbeschleuniger LHC in Genf die Arbeit aufnimmt - und dass dies das Ende der Welt bedeutet. Das will der Amerikaner gerichtlich verhindern.

Von


Wenn im Herbst dieses Jahres der Large Hadron Collider (LHC) in Genf seinen Betrieb aufnimmt, dann versprechen sich die Wissenschaftler am Cern, dem Europäischen Labor für Teilchenphysik, Einblicke in neue Welten: noch nicht entdeckte Elementarteilchen, neue Raumdimensionen, bislang unbekannte Materiebausteine. Wenn im LHC Protonen und später auch Bleikerne aufeinanderprallen, dann könnte das Zustände wie in der Frühphase des Universums erzeugen. Ein Schatz der Erkenntnis für die Wissenschaftler. Um diesen Schatz zu heben, müssten die Forscher allerdings noch am Leben sein.

Teilchenbeschleuniger LHC: Zustände wie in der Frühphase des Universums
AFP

Teilchenbeschleuniger LHC: Zustände wie in der Frühphase des Universums

Doch genau daran zweifelt Walter Wagner, der sich selbst als Kernphysiker bezeichnet. Er fürchtet, dass neben dem Teilchenregen auch Schwarze Löcher, sogenannte seltsame Materie oder einpolige Magnete entstehen könnten - und die Menschheit in den Abgrund reißen.

Kurzum: Wagner sieht mit dem Start des Teilchenbeschleunigers in Genf das Ende der Welt nahen. Auf seiner Website mahnt Wagner: Die Wissenschaftler gingen mit ihren Experimenten ein Risiko ein, das sie nicht einschätzen könnten. Deswegen fordert er, dass alle "bislang nicht adäquat untersuchten theoretischen potentiellen Gefahren" einer umfassenden Sicherheitsanalyse unterzogen werden.

Kläger in Honolulu, Beklagter in Genf

Um sein Anliegen durchzusetzen, hat Wagner deshalb zusammen mit Kritikerkollegen Luis Sancho Klage bei einem Bezirksgericht im US-Bundesstaat Hawaii eingereicht: gegen das US-Energieministerium, das Fermilab, die National Science Foundation und das Cern. Ziel des juristischen Vorstoßes: die Inbetriebnahme des LHC zu verzögern, bis die Sicherheit des Beschleunigers bewiesen oder widerlegt ist. Wissenschaftlich soll das nach Meinung vieler Forscher kein größeres Problem sein. Doch warum sollte sich das Cern auf das juristische Hickhack einlassen? Juristisch ist der europäische Betreiber des Teilchenbeschleunigers eine internationale Organisation - und an die Urteile eines US-Bezirksgerichts nicht gebunden.

Außerhalb der Wissenschaftsgemeinde könnte Wagner mit seiner Kritik allerdings auf offene Ohren stoßen: Ziel der LHC-Experimente ist in der Tat, neue Teilchen, bislang unbekannte Zustände zu erzeugen. Könnte es also theoretisch möglich sein, dass die Wissenschaftler eine Gefahr in ihren Beschleunigerröhren heranzüchten?

Karsten Büßer, Physiker am Desy, dem Deutschen Elektronen-Synchrotron in Hamburg, bleibt ganz gelassen, wenn man ihn nach mikroskopischen Schwarzen Löchern, magnetischen Monopolen oder seltsamer Materie befragt. Die Theorien der Physik-Kritiker kennt er und entkräftet sie aus dem Handgelenk: Schwarze Löcher in Genf? Sehr unwahrscheinlich; würden aber sowieso sofort zerfallen. Seltsame Materie? Exotische Theorie, durch nichts bewiesen. Magnetische Monopole? Rein theoretisch, sucht man schon sehr lange.

Und überhaupt: Was da in Teilchenbeschleunigern passiert, selbst in so großen wie dem Large Hadron Collider, ist im Vergleich zum Universum energetisch gesehen ein Witz, sagt Büßer. Die Energien, mit denen Teilchen durchs Weltall rasen, können 1017 Mal so groß wie im LHC sein. Alle Horrorvorstellungen vom Weltuntergang hätte man längst im Weltraum beobachten müssen, sagt Büßer, wenn sie denn wahr geworden wären. So wird die Erdatmosphäre ständig von Teilchen so unter Beschuss genommen, dass reihenweise Schwarze Minilöcher entstehen müssten. Aber die Erde gibt es noch, die Gefahr existiert also nicht. Das gleiche gelte für die Seltsamen Materie oder die gefürchteten Monopole.

Trotzdem sollte man Sorgen von Menschen wie Walter Wagner ernst nehmen, meint Büßer. Der Large Hadron Collider sei schließlich das komplizierteste Stück Technik, das die Menschheit jemals gebaut habe. Darüber müsse man natürlich diskutieren. Am 6. April begrüßt das Cern interessierte Gäste zu einem Tag der offenen Tür und einer Gesprächsrunde. Angeblich wurden die LHC-Forscher dazu angewiesen, sich besonders auf kritische Fragen von vermeintlichen Physik-Außenseitern vorzubereiten.

"Kein Grund, von einer Bedrohung auszugehen"

Die Betreiber des Teilchenbeschleunigers bemühen sich zu zeigen, dass es ihnen ernst ist mit den Sorgen der Bevölkerung. Auf der Webseite des LHC gibt es eine spezielle Sicherheitsrubrik. Und schon im Februar 2003 veröffentliche eine vom Cern beauftragte, unabhängige Forschergruppe eine Risikoeinschätzung der "potentiell gefährlichen Ereignisse während der Kollision von schweren Ionen". Ihr knackiges Fazit: "Wir sehen keinen Grund, von einer Bedrohung auszugehen."

Dass das Leben im Teilchenbeschleuniger trotzdem seine Gefahren bergen kann, musste auch Physiker Büßer erfahren. Als er unter dem Strahlführungssystem hindurchklettern wollte, stieß er sich den Kopf. "Beule. Deswegen gibt es die Helmpflicht." Nur eine von vielen Sicherheitsregeln für Teilchenbeschleuniger. Auf diese Weise sind TÜV & Co. sozusagen die Hüter der Welt.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.