Schweinegrippe Experten befürchten Verteilungskämpfe um Impfstoff

Wer wird geimpft, falls sich die Schweinegrippe zur weltweiten Bedrohung entwickelt? Die WHO-Direktorin für Impfstoffe, Marie-Paule Kieny, warnt im SPIEGEL: Im Pandemiefall werden Milliarden Dosen zur Immunisierung fehlen. Vor allem Entwicklungsländer bleiben außen vor.


Hamburg - Engpass Impfstoff: Marie-Paule Kieny, Direktorin für Impfstoffe der Weltgesundheitsorganisation WHO, befürchtet, dass der globale Bedarf an Impfstoff gegen das Schweinegrippe-Virus nicht zu decken sein wird. Im Gespräch mit dem SPIEGEL sagte sie: Selbst wenn die Impfstoffproduktion gegen das neuartige Virus bald weltweit in Gang komme, würden im Falle einer Pandemie "Milliarden von Impfdosen fehlen". Gerade für die armen Länder werde "absolut nichts übrig sein".

Im neuen SPIEGEL 21/2009:

Die Komplizen
Hitlers europäische Helfer beim Judenmord
Walter Frentz Collection Berlin, BPK, USHMM
Die Pharmafirmen der Welt werden ihren Angaben zufolge innerhalb des nächsten Jahres maximal ein bis zwei Milliarden Impfdosen herstellen können, so Kieny. Michael Pfleiderer, Leiter des Fachgebiets Virusimpfstoffe am Paul-Ehrlich-Institut, bezifferte die maximale Produktionskapazität im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE auf eher nur eine Milliarde Dosen. Etwa 80 Prozent der gesamten Impfstoff-Produktion finde dabei in den USA und Europa statt, so der Experte. Um eine erfolgreiche Immunisierung gegen ein Pandemievirus zu gewährleisten, muss ein Mensch jedoch zweimal geimpft werden. Somit ließen sich maximal 500 Millionen bis eine Milliarde Menschen schützen - weniger als ein Sechstel der Weltbevölkerung.

Kieny kritisierte, dass der Hauptteil des Impfstoffs bereits verkauft sei. Nach Informationen des SPIEGEL besitzen Länder wie Deutschland lange bestehende Verträge mit Impfstoffherstellern. Dadurch seien diese verpflichtet, genügend Impfstoff zu liefern, um die gesamte Bevölkerung, wenn medizinisch erforderlich, zweifach zu impfen.

Kieny regt nun an zu prüfen, ob die entwickelten Länder ihre Impfprogramme auf Risikogruppen beschränken könnten. Auf diese Weise könnte mehr Impfstoff auch für ärmere Länder abgezweigt werden. Auf der am Montag beginnenden Weltgesundheitsversammlung in Genf will WHO-Chefin Margaret Chan einen Aufruf zur Solidarität an die versammelten Gesundheitsminister richten.

Das Schweinegrippe-Virus H1N1 breitet sich unterdessen weiter aus: Nach Angaben der WHO gab es weltweit 7520 offiziell bestätigte Fälle von Ansteckung mit H1N1 und 65 Todesfälle. 60 davon in Mexiko, drei in den USA, einer in Kanada und einer in Costa Rica. Derweil meldete die oberste US-Gesundheitsbehörde CDC noch zwei weitere Todesfälle: Ein etwa 30 Jahre alter Mann in Texas und eine Frau aus Arizona seien in der vergangenen Woche an dem Virus gestorben. Die CDC schätzt, dass etwa 100.000 US-Amerikaner mit H1N1 infiziert sind. Zugleich lockerte sie die Reisewarnungen für Mexiko: Die meisten Erkrankten hätten gesundheitliche Komplikationen besessen. Reisewarnungen würden daher nur noch gezielt an Menschen ergehen, die sich in ärztlicher Behandlung befänden.

Der Londoner Epidemiologe Neil Ferguson veröffentlichte mit seinem Forscherteam im Fachmagazin " Science" kürzlich eine erste Analyse zu dem Virus. Darin kommen die Forscher zu dem Schluss, dass das Virus "mit ziemlicher Sicherheit eine globale Epidemie auslösen wird". In sechs bis neun Monaten werde es weltweit verbreitet sein, ein Drittel der Menschheit werde sich infizieren. Dennoch glaubt Ferguson nicht an apokalyptische Entwicklungen: "Aber es ist nicht das Katastrophenszenario, das Menschen im Fall der Vogelgrippe befürchtet hatten", sagte Ferguson dem Online-Dienst Nature News.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

In den überwiegenden Fällen führten Infektionen mit dem neuen Schweinegrippe-Virus zu leichten Krankheitsverläufen. Forscher kennen dieses Phänomen: Bei den Grippe-Pandemien von 1918, 1957 und 1968 verliefen Infektionen der ersten Welle überwiegend mild. Erst in einer zweiten oder dritten Angriffswelle verwandelte sich das Virus in eine aggressivere Form, die Millionen tötete.

Ferguson kommt in seiner Studie zu dem Ergebnis, dass der aktuelle Influenza-Erreger H1N1 ansteckender sei als die normale, saisonale Grippe an der jährlich geschätzte 500.000 Menschen weltweit sterben. Etwa 0,4 bis 1,4 Prozent der H1N1-Infizierten sterben an der Schweinegrippe. Damit scheine das Virus in etwa genauso gefährlich zu sein wie die H1N1-Variante von 1957. Allerdings, und das ist die gute Nachricht, wäre es deutlich weniger aggressiv als die Spanische Grippe von 1918/19. Ihr fielen schätzungsweise 40 bis 50 Millionen Menschen zum Opfer.

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Forum - Schweinegrippe – Müssen wir Angst vor dem Virus haben?
insgesamt 6202 Beiträge
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Seite 1
IsArenas, 02.05.2009
1.
Nein, niemand *muss* Angst haben, unabhängig von allem, was geschieht. Angst ist sowieso ein schlechter Ratgeber, zuweilen zwar wichtig als Selbstschutz, wird aber schnell selbst krankmachend und/oder eine Krankheit. Ich schließe nicht aus, gewaltsam (Flugzeugabsturz, Verkehrsunfall, Terrorakt), durch Krebs oder noch früher durch Herzinfarkt oder Schlaganfall oder was weiß ich oder eben durch eine Virus- odere Bakterieninfektion ums Leben zu kommen, bevor ich mich der durchschnittlichen Lebenserwartung nähere. Zur angeblichen Hauptrisikogruppe zähle ich auch noch, na wunderbar. Nein, die Grippe macht mir definitiv keine Angst, wenn ich den nächsten Monaten daran sterben soll, dann war's das halt. Ich glaube aber nicht daran, meine Schulden werde ich wohl zahlen müssen -- sprich, ich habe andere Sorgen und erfreue mich ansonsten des Lebens in der Gegenwart ;-)
Crackerjack 02.05.2009
2.
Zitat von IsArenasNein, niemand *muss* Angst haben, unabhängig von allem, was geschieht. Angst ist sowieso ein schlechter Ratgeber, zuweilen zwar wichtig als Selbstschutz, wird aber schnell selbst krankmachend und/oder eine Krankheit. Ich schließe nicht aus, gewaltsam (Flugzeugabsturz, Verkehrsunfall, Terrorakt), durch Krebs oder noch früher durch Herzinfarkt oder Schlaganfall oder was weiß ich oder eben durch eine Virus- odere Bakterieninfektion ums Leben zu kommen, bevor ich mich der durchschnittlichen Lebenserwartung nähere. Zur angeblichen Hauptrisikogruppe zähle ich auch noch, na wunderbar. Nein, die Grippe macht mir definitiv keine Angst, wenn ich den nächsten Monaten daran sterben soll, dann war's das halt. Ich glaube aber nicht daran, meine Schulden werde ich wohl zahlen müssen -- sprich, ich habe andere Sorgen und erfreue mich ansonsten des Lebens in der Gegenwart ;-)
Hierzu ein von Herzen kommender Applaus.
descartes101, 02.05.2009
3.
Zitat von sysopDie Schweinegrippe hat auch Europa erreicht, die EU rechnet mit Todesopfern. Wie berechtigt ist die Angst vor dem Virus?
Lächerlich. Das Grippevirus rekombiniert sich jede Saison neu, weshalb die Impfungen auch dann nicht mehr wirksam sind. Mal ist es virulenter, mal weniger. Jedenfalls sterben immer auch Menschen daran. Das ganze ist eine haltlose Hysterie, wahrscheinlich damit unsere tüchtigen Regierungen mal behaupten können, sie hätten eine Situation im Griff. Das ist natürlich besonders leicht bei einer Situation, die so oder so nicht eskaliert. Wenn ein hemorrhagisches Fieber wie Ebola durch die Ballungszentren zieht, dann lohnt es sich zuhause zu bleiben. Aber eine dämliche Papiermaske schützt niemanden vor Ansteckung. Das gleiche Prinzip wurde von den USA im kalten Krieg angewendet, wo man den Leuten erzählte, dass es helfe, sich im Falle eines Nuklearangriffs unter den Tisch zu hocken mit einer Zeitung über dem Kopf. Aua, aua. Seit damals hat sich wirklich nichts verändert.
Hans58 02.05.2009
4.
Zitat von sysopDie Schweinegrippe hat auch Europa erreicht, die EU rechnet mit Todesopfern. Wie berechtigt ist die Angst vor dem Virus?
Nein, wir müssen keine Angst haben, selbst wenn hier zum x-ten Male eine Diskussion über das Thema eröffnet wird.
firefly 02.05.2009
5.
Sie können sich ja gleich mal mit dem Papst zusammentun. Für den ist HIV auch kein Problem und alles nur Panik mache. Und Medikamente im Falle einer HIV-Infektion würde ich ihnen auch nicht empfehlen. Die wirken nämlich garnicht und dienen nur zum Geldschäffeln der Pharmaindustrie. /Ironie
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