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Schweinegrippe in der Ukraine: Wahlkampf mit Atemschutzmasken und Tamiflu

Von , Moskau

200.000 Kranke, 67 Tote und dramatische Hilferufe an das Ausland: Die Schweinegrippe breitet sich rasend schnell in der Ukraine aus. Präsident Juschtschenko und Premierministerin Timoschenko wurden von der Epidemie überrascht - jetzt wollen sie sich im Wahlkampf als Krisenmanager profilieren.

Schweinegrippe in der Ukraine: Leben mit der Maske Fotos
REUTERS

Wenn Lembergs Bürgermeister Andri Sadowyj Gäste in seinem Kabinett empfangen will, streift er jetzt immer eine weiße Atemschutzmaske über, sicher ist sicher. "Über die Stadt wurde Quarantäne verhängt, das ist das effektivste Mittel, damit sich die Leute nicht mit der Schweinegrippe anstecken", sagt Sadowyj.

Schulen und Kindergärten sind geschlossen. Flugblätter informieren die Bevölkerung, wie sie sich während der Pandemie zu verhalten hat. In Bussen, Bahnen und Taxis werden die Bürger dazu angehalten, Mundschutz zu tragen. "Wir haben jetzt viermal so viele Notrufe wie sonst", sagt Bürgermeister Sadowyi. "Normal sind 300, jetzt sind es 1200 am Tag. Und auch die Ärzte fallen aus, jeder zehnte Mediziner ist krank."

Landesweit haben sich 200.000 Menschen infiziert, melden staatliche Stellen. Mehr als 60 sollen bereits gestorben sein. Am schwersten getroffen: die Region Lemberg ganz im Westen der Ukraine, der von Grippewelle regelrecht überrollt wird. 70.000 Menschen sind hier erkrankt, tausend werden in Krankenhäusern behandelt.

Die von der Wucht der Epidemie überraschte Führung reagiert hektisch: Neun Provinzen wurden unter Quarantäne gestellt, doch die Maßnahme könne "jederzeit auch auf andere Landesteile ausgeweitet werden", mahnt Gesundheitsminister Wassili Knjasewitsch.

In einem dramatischen Appell hat Präsident Wiktor Juschtschenko am Wochenende das Ausland um Beistand gebeten. Die Ukraine könne nicht aus eigener Kraft der Gefahr entgegentreten, die das Virus für die "nationale Sicherheit" darstelle. Polen und die Slowakei haben schon reagiert und 200.000 Atemschutzmasken zugesagt.

Wer dennoch keine Maske mehr ergattern könne, dem empfahl Premierministerin Julia Timoschenko, sich selbst einen Mundschutz zu basteln. Ein Rat, den offenbar viele Ukraine befolgen: So berichtet die Zeitung "Kommersant" von ungewöhnlich leeren Straßen auch in der Hauptstadt Kiew, von Bürgern, die mit Tüchern oder Mullbinden Mund und Nase verhüllen. Schon gibt es auch Überlegungen, das für Mittwoch angesetzte Champions-League-Spiel zwischen dem heimischen Club Dynamo und Inter Mailand vor leeren Rängen auszutragen - damit sich die Zuschauer im Gedränge nicht gegenseitig anstecken.

WHO ist ratlos

"Im Moment kommen zwei Grippewellen zusammen: zum einen die normale, saisonale Grippe, zum anderen die Schweinegrippe", sagt Tatjana Bachtejewa, Vorsitzende des Gesundheitsausschusses des Parlaments in Kiew, zu SPIEGEL ONLINE. "Hunderttausende sind schon erkrankt, 7000 werden in Krankenhäusern behandelt, die Hälfte davon sind Kinder. 67 Menschen sind bereits gestorben, allein sieben am heutigen."

Wie viele der Todesfälle und Infektionen allerdings tatsächlich auf den neuen Erreger H1N1 entfallen, ist schwer nachzuvollziehen. Auch bei der Weltgesundheitsorganisation WHO ist man ratlos. "Wir müssen uns erst ein Bild von der Lage machen", sagte eine Sprecherin zu SPIEGEL ONLINE. Am späten Montagabend wird eine WHO-Delegation in Kiew erwartet und umgehend in die betroffenen Gebiete reisen.

"Der Westen ist deshalb so stark betroffen, weil es dort schon Ende September den ersten Frost gegeben hat", erklärt Bachtejewa, die selbst der vor allem in der Ostukraine verwurzelten "Partei der Regionen" angehört. "Der Kälteeinbruch hat die Menschen unvorbereitet getroffen, viele Zentralheizungen waren damals noch nicht in Betrieb, und selbst heute sind noch viele Wohnungen kalt."

Außerdem verdingten sich viele Westukrainer den Sommer über als Gastarbeiter in Polen und Rumänien, bei ihrer Rückkehr hätten sie den Erreger wohl eingeschleppt, mutmaßt Bachtejewa - und beschwört die nationale Einheit. Jetzt, so die beschwörenden Worte der Abgeordneten, müssten alle politischen Kräfte zusammenstehen. Gleichwohl keilt Bachtejewa wenig später unverdrossen gegen Präsident und Premier in Kiew, die das Land trotz rechtzeitiger Warnungen im Sommer nicht auf die Krise vorbereitet hätten: "Die Regierung ist schuld. Jetzt sind die Apotheken leer."

"Die Regierung ist schuld"

Gut zwei Monate vor den anstehenden Präsidentschaftswahlen ist es mit der nationalen Geschlossenheit in der Ukraine nicht weit her. Zwar wurden wegen der Ansteckungsgefahr auch viele Auftritte der Kandidaten abgesagt. Doch die setzen den Wahlkampf, der bislang eher einer Schlammschlacht denn einer politischen Auseinandersetzung glich, ungeachtet der dramatischen Lage im Land fort.

Timoschenko habe noch Ende Oktober ihre Anhänger verantwortungslos zu Parteikundgebungen gerufen, obwohl sie bereits von der Ansteckungsgefahr gewusst habe, poltert der Wiktor Janukowitsch, aussichtsreicher Kandidat der "Partei der Regionen". Präsident Juschtschenko und die Premierministerin, die selbst nach dem höchsten Staatsamt strebt, suchen sich derweil selbst als tüchtige Krisenmanager zu profilieren.

Timoschenko eilte in der Nacht auf Montag zum Kiewer Flughafen Borispol, um eine Antonow-Frachtmaschine persönlich in Empfang zu nehmen, die tonnenweise das Grippe-Medikament Tamiflu aus der Schweiz lieferte. Prompt zog Staatschef Juschtschenko nach - und ließ auf seiner Web-Seite verbreiten, er "gratuliere heute der Ukraine dazu, dass es uns in einer sehr knappen Zeit gelungen sei, die Fracht zu liefern, die wir sehr dringend benötigen".

Manche Beobachter glauben hingegen, den wahlkämpfenden Lagern komme die Aufregung um die massenhafte auftretende Erkrankung durchaus gelegen. Vermutlich sei die derzeitige Krankheitswelle kaum schlimmer als die normale saisonale Grippe, zitiert die russische Zeitung "Trud" Konstantin Bondarenko, Politologe und Leiter des Kiewer "Instituts für Verwaltungsprobleme". Es gebe allerdings viele politische Kräfte, so Bondarenko, die danach strebten, sich als Retter der Nation zu profilieren.

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Forum - Grippeimpfung - ist die Schweinegrippe eine reale Bedrohung?
insgesamt 2572 Beiträge
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1.
Genta Micin 24.10.2009
Zitat von sysopBundesweite Impfaktionen, heftige Diskussionen um Impfstoffe und die Möglichkeit einer Pandemie beschäftigen seit Monaten Politik, Medien und Öffentlichkeit in Sachen Schweinegrippe. Wie real ist die Bedrohung durch die Krankheit wirklich?
Momentan ist sie sicher gering, aber ob und wann sich das ändern wird, weiß niemand.
2.
Orthogräfin, 24.10.2009
Zitat von sysopBundesweite Impfaktionen, heftige Diskussionen um Impfstoffe und die Möglichkeit einer Pandemie beschäftigen seit Monaten Politik, Medien und Öffentlichkeit in Sachen Schweinegrippe. Wie real ist die Bedrohung durch die Krankheit wirklich?
Warum dieser neue Thread? Reichen mehr als 1000 Antworten (http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=8487) im Forum "Gesellschaft" nicht für die Page Impressions? Wozu das alles nochmal durchkauen?
3.
Maschinchen, 24.10.2009
Zitat von sysopBundesweite Impfaktionen, heftige Diskussionen um Impfstoffe und die Möglichkeit einer Pandemie beschäftigen seit Monaten Politik, Medien und Öffentlichkeit in Sachen Schweinegrippe. Wie real ist die Bedrohung durch die Krankheit wirklich?
Wie real die Bedrohung ist, kann noch nicht einmal von Expertenseite bemessen werden. Bislang verlaufen die Fälle - zum Glück - glimpflich. Das muss aber nicht zwangsläufig so bleiben. Um gemäß des Vorsorgeprinzips den pandemischen worst case zu verhindern, ist es daher unbedingt notwendig, flächendeckend zu impfen. Wer sich einer Impfung gegen die neue Grippe aus welchen Gründen auch immer entzieht, gefährdet seine und die Gesundheit seiner Mitmenschen.
4. Wenn
saul7 24.10.2009
Zitat von sysopBundesweite Impfaktionen, heftige Diskussionen um Impfstoffe und die Möglichkeit einer Pandemie beschäftigen seit Monaten Politik, Medien und Öffentlichkeit in Sachen Schweinegrippe. Wie real ist die Bedrohung durch die Krankheit wirklich?
man die mediale Geschäftigkeit um das Thema zugrunde legt, drängt sich einem der Eindruck auf, dass bereits eine reale Bedrohung vorliegen könnte. Das ist aber mitnichten so. Die Zahlen der weltweit Erkrankten und an der Infektion Verstorbenen sprechen eine andere Sprache. Es gibt derzeit keinen Anlass zur Panik oder Hysterie.
5. nein
isnogud75 24.10.2009
Zitat von sysopBundesweite Impfaktionen, heftige Diskussionen um Impfstoffe und die Möglichkeit einer Pandemie beschäftigen seit Monaten Politik, Medien und Öffentlichkeit in Sachen Schweinegrippe. Wie real ist die Bedrohung durch die Krankheit wirklich?
Die Bedrohung durch die Schweinegrippe existiert zur Zeit zum Glück nur in den Köpfen der Politiker und Pharmalobbyisten. Von einer Pandemie dagegen kann man nur sprechen, wenn man weltweit mit Millionen von Toten rechnen muß. Solange aber durch die sogenannte Schweinegrippe nur genauso wenige Leute sterben wie durch die "klassische" Grippe, haben wir es hier nur mit Panikmache und Hysterie zu tun.
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