Berlin - Im großen Stil hatte sich die Bundesrepublik gegen die aufkommende Schweinegrippewelle schützen wollen. 50 Millionen Dosen des Impfstoffs hatte sie deshalb beim Pharmahersteller GlaxoSmithKline geordert - vertraglich festgelegt. Jetzt, einige Wochen nach Beginn der Massenimpfkampagne zeichnet sich ab: Die Bundesländer drohen auf großen Impfstoff-Mengen sitzenzubleiben. Der Hauptgrund: Eine statt zwei Schutzimpfungen reicht in der Regel für die Immunisierung.
Nun wollen die Gesundheitsministerien der Länder und des Bundes mit Vertretern von GlaxoSmithKline verhandeln. Ziel des Treffens in Berlin sei es, die Lieferungen zur Hälfte zu stornieren, sagte die niedersächsische Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann. "Wir vertrauen auf Kulanz des Herstellers", erklärte die derzeitige Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz.
Nach Angaben des Sozialministeriums in Hannover werden an dem Treffen Staatssekretäre oder Abteilungsleiter aus Bremen, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Thüringen und des Bundes teilnehmen. Es handele sich um ein erstes Gespräch über eine Vertragsänderung, dem möglicherweise weitere Verhandlungen auch auf Ministerebene mit dem Impfstoffhersteller folgen müssten, sagte ein Ministeriumssprecher. Ross-Luttmann zeigte sich zuversichtlich, in den Verhandlungen "eine für alle Beteiligten annehmbare Lösung zu finden". Man müsse in der Bevölkerung auch Akzeptanz für künftige Vorsorgemaßnahmen gegen mögliche weitere Pandemien schaffen, erklärte sie.
Bund soll Impfstoff ins Ausland verkaufen
Mit der Hälfte des bestellten Impfstoffs habe man nach den neuesten Empfehlungen genug, um 30 Prozent der Bevölkerung vor der Schweinegrippe zu schützen, sagte Ross-Luttmann weiter. Es gebe andere Staaten, die Impfstoff aus Deutschland haben wollten. "Der Bund hat die Aufgabe, den möglichen Verkauf von Impfstoff ins Ausland zu koordinieren", verlangte sie. Dies könnten die Länder nicht übernehmen. Dabei seien neben dem Bundesgesundheitsministerium auch das Entwicklungshilfeministerium und das Auswärtige Amt in der Pflicht. Der Bund sei beim Kauf des Impfstoffs Vertragspartner gewesen, betonte die Ministerin. Die bisherigen Bemühungen des Bundes, in Deutschland nicht mehr notwendigen Impfstoff zu verkaufen, seien jedoch nicht ausreichend.
Sieben Euro verlangen die Bundesländer beim Verkauf pro Dosis. Pandemrix kostet etwa acht Euro in der Anschaffung. Die Krankenkassen zahlen aber nur den Impfstoff, der tatsächlich verabreicht wird.
Die erste Schweinegrippewelle flaut weiterhin ab. Der Verlauf der Erkrankung liege derzeit auf dem Niveau einer normalen saisonalen Grippe, sagte ein Sprecher des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums. Aber auch die Impfmüdigkeit der Bevölkerung hat zu einer sehr geringen Nachfrage nach der Impfung mit Pandemrix geführt. In Hamburg hätten sich bisher nur knapp 100.000 Bürger impfen lassen, sagte der Sprecher der Gesundheitsbehörde, Rico Schmidt. Noch 200.000 Impfdosen würden in der Behörde gelagert. Bundesweit haben sich bisher etwa nur fünf bis sechs Prozent gegen H1N1 impfen lassen.
Rund 210.000 bundesweite Schweinegrippefälle gibt derzeit das Robert Koch-Institut in Berlin an. Im Zusammenhang mit einer Infektion seien bislang in Deutschland 132 Menschen gestorben, weltweit laut WHO 12.220 Menschen. Entwarnung wollen die Experten noch nicht geben.
lub/dpa
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