Schweinegrippe Pharmakonzerne wetteifern um Influenza-Impfstoff

Die Vorbereitungen laufen: Pharmakonzerne machen sich bereit für die Herstellung eines Impfstoffs gegen die Schweinegrippe. Doch das Projekt ist nicht ohne Risiken - und erfordert eine Entscheidung, die im schlechtesten Fall Menschen gefährden könnte.

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Virus-Subtyp A/H1N1: "Unsere Forscher sind sehr zuversichtlich, es ist alles nur eine Frage der Zeit"
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Virus-Subtyp A/H1N1: "Unsere Forscher sind sehr zuversichtlich, es ist alles nur eine Frage der Zeit"


Die infektiöse Fracht wird mit dem Flugzeug kommen. Wann, das wissen Hartmut Ehrlich und Noel Barrett noch nicht. Doch beide Forscher, die jeweils im Rang eines Vizepräsidenten beim Phramakonzern Baxter arbeiten, sind schon ungeduldig. "Wir gehen davon aus, dass wir innerhalb von sieben bis zehn Tagen Virusproben bekommen", sagt Barrett im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Etwa ein Milliliter Flüssigkeit wird in der speziell verpackten Plastikampulle sein, die auf Trockeneis in einem robusten Container transportiert wird, mehr nicht. In dem Röhrchen schwimmen hochgefährliche Viren: ein H1N1-Stamm, isoliert von einem Referenzlabor der Weltgesundheitsorganisation WHO. Mit seiner Hilfe könnte die Produktion eines Impfstoffs gegen eine drohende Pandemie beginnen. Denn bisher gibt es keinen für den Menschen zugelassenen Impfstoff gegen die Schweinegrippe.

Mehrere Pharmafirmen stehen derzeit in den Startlöchern. Auch bei Novartis sieht man gute Chancen, einen Impfstoff gegen die Krankheit zu entwickeln. "Unsere Forscher sind sehr zuversichtlich, es ist alles nur eine Frage der Zeit", sagt Konzernsprecher Eric Althoff. Das Schweizer Unternehmen ist mit seiner Tochterfirma Novartis Behring und deren Werk in Marburg nach eigenen Angaben der größte Impfstoffhersteller Deutschlands.

Bei der Impfstoffentwicklung will Novartis mit dem Institut für Virologie an der Universität Marburg zusammenarbeiten. Das sei am Montag bei einem Treffen vereinbart worden, sagte Institutsdirektor Stephan Becker. Man habe bereits Erfahrungen aus der gemeinsamen Arbeit nach dem Auftreten der Lungenkrankheit Sars.

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt Becker, warum seine Forscher die Arbeit sogar ohne ein Probe vom aktuellen Virusmaterial beginnen können: "Die WHO hat das Genom veröffentlicht. Wir lassen die Gene nun synthetisieren und stellen daraus ein rekombinantes Virus her." Dieser Erreger wird über die Oberflächenproteine der neuen Variante verfügen, der Rest wird von einem bereits bekannten Virentyp stammen. Das infektiöse Zwitterwesen soll dann bei der Impfstoffentwicklung helfen. Man gehe von einer Entwicklungszeit von drei bis sechs Monaten für einen Schweinegrippe-Impfstoff aus, sagt Novartis-Sprecher Althoff. Virologe Becker mag nicht darüber spekulieren, wann ein Impfstoff fertiggestellt sein könnte. Eine konkrete Zeitangabe würde zu viel Druck aufbauen, so der Forscher. Die Mitarbeiter arbeiteten auf Hochtouren: "Das ist für uns alle eine neue Situation."

Die großtechnische Produktion eines neuen Impfstoffs dauert in der Regel zehn bis zwölf Wochen, sagt Susanne Stöcker, Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) im südhessischen Langen. Doch bis diese Frist beginnt, müssen noch zahlreiche Dinge geklärt werden. Zunächst fehlt der vermehrungsfähige Impfstamm. Doch es gibt noch zahlreiche weitere offene Fragen. So werden sich die Pharmafirmen wohl schon bald entscheiden müssen, ob sie für die Produktion eines speziellen H1N1-Impfstoffs ihre normale Grippeimpfstoff-Herstellung für den kommenden Winter stoppen wollen.

Kurzfristige Vorteile würden dann im schlechtesten Fall mit langfristigen Nachteilen erkauft - wenn in der neuen Grippesaison nicht mehr genügend Dosen des saisonalen Impfstoffs zur Verfügung stehen. "Wir werden so lange nicht mit der saisonalen Herstellung aufhören, bis die WHO eine Pandemie ausruft", sagt Baxter-Forscher Barrett. Innerhalb der nächsten vier bis sechs Wochen müsse man über eine Umstellung entscheiden.

Grundsätzlich gibt es bei der Herstellung des Vakzins zwei Ansätze: Beim klassischen Verfahren kommen Unmengen von Hühnereiern zum Einsatz, die mit einer modifizierten Version des Erregers infiziert werden. Die Eier werden drei Tage lang gebrütet. Später wird das virushaltige Eiklar geerntet und zu verschiedenen Impfstoffen weiterverarbeitet.

Bei einem anderen Ansatz wird das unmodifizierte Virus in Zellkulturen herangezüchtet. Baxter setzt dieses Verfahren ein, bei dem sogenannte Vero-Zellen aus Nierenzellen von Grünen Meerkatzen mit dem gefährlichen Virus vermischt werden. Für einen Impfstoff gegen H1N1 hat die Firma von der Europäischen Arzneimittelbehörde Emea (European Medicines Agency) eine Zulassung erhalten.

Von einem Impfstoff gegen das bereits länger grassierende Vogelgrippe-Virus H5N1 könne man mit diesem Verfahren 1,5 bis zwei Millionen Dosen pro Woche herstellen, sagen Ehrlich und Barrett. Sie verweisen auf die Geschwindigkeitsvorteile, weil bei ihrem Ansatz im Gegensatz zum klassischen Verfahren auch unmodifizierte Viren zum Einsatz kommen können. Das spare acht bis zehn Wochen im Vergleich zum anderen Verfahren. Im "New England Journal of Medicine" (Ausg. 358, Nr. 24) hatten beide Forscher ihre Entwicklung im vergangenen Sommer vorgestellt.

Baxter sagt, dass die Zulassung für den H5N1-Impfstoff im Pandemiefall auch für ein H1N1-Medikament auf seiner Basis gelte. "Das ist ein Kompromiss, den die Zulassungsbehörden eingehen", sagt Ehrlich. Die möglichen Nebenwirkungen bei einer Impfung sind allerdings nicht zu unterschätzen. Baxter musste im Jahr 2004 den Zulassungsprozess für einen ersten Impfstoff auf Zellkulturbasis stoppen: Ein Teil der Geimpften hatte zu hohes Fieber bekommen.

Mit Material von dpa und ddp

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