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Schweinegrippe: USA lösen nationalen Gesundheitsalarm aus

86 Tote und 1300 Verdachtsfälle in Mexiko, 20 Erkrankte in den USA und möglicherweise Infizierte in Frankreich, Spanien, selbst Neuseeland: Die Schweinegrippe breitet sich aus - die Angst wächst. Jetzt haben die Amerikaner die Behörden in Alarmbereitschaft versetzt.

Mexiko-Stadt/Berlin - Höchste Alarmbereitschaft bei der US-Regierung: Am Sonntagabend hat die Heimatschutzbehörde die tödliche Schweinegrippe zum nationalen Risiko erklärt. Mittlerweile wurden laut des Center of Disease Control (CDC) 20 Fälle der Schweinegrippe in fünf US-Bundesstaaten bestätigt - bei allen Infizierten sei die Erkrankung mild verlaufen.

Trotzdem warnte die Heimatschutzministerin Janet Napolitano, die USA müssten sich auf eine neue Grippeepidemie einstellen - selbst wenn die aktuelle Welle bald wieder abebben sollte. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sprach von einem Gesundheitsnotfall internationalen Ausmaßes.

Die US-Regierung hat nun Gesundheitskontrollen für Einreisende angekündigt. Alle, die aus Ländern mit bestätigten Fällen von Schweinegrippe in die USA kommen, sollen bei der Einreise über ihren Gesundheitszustand befragt werden. In Zweifelsfällen können weitere Tests angeordnet werden.

Weltweit wächst die Angst vor der Schweinegrippe, immer mehr Länder erhöhen die Vorsichtsmaßnahmen: Italien, Polen, Russland und Venezuela haben ihren Bürgern empfohlen, Reisen in die betroffenen Gebiete in Mexiko und den USA aufzuschieben. Hongkong und Südkorea warnten vor Reisen in die Hauptstadt Mexiko-Stadt und die drei betroffenen mexikanischen Provinzen.

Die deutsche Regierung hat noch keine Reisewarnung ausgesprochen, rüstet sich aber für den Fall, dass das Virus eingeschleppt wird. Ein Sprecher des Auswärtigen Amts sagte, die Botschaft und ein Regionalarzt beobachteten die Lage in Mexiko sehr genau.

Das Virus trägt den Namen A/H1N1. Das Tückische an dem Erreger ist, dass er Influenzaviren vom Schwein, von Vögeln und vom Menschen verbindet, dass es gegen ihn noch keinen eigenen Impfstoff gibt - und dass er auch von Mensch zu Mensch übertragen wird.

In Deutschland gibt es bislang keine Verdachtsfälle von Schweinegrippe. Wie gefährlich der Erreger ist, sei aber noch nicht zu bewerten, bekräftigte das Robert-Koch-Institut am Sonntag in Berlin. RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher verwies auf die Einschätzung der WHO, dass der Erreger zu einer Pandemie - also einer weltweiten Epidemie - führen könnte.

In Zentralmexiko, wo das Virus zuerst ausgebrochen ist, stieg die Zahl der Grippetoten am Sonntagabend auf 86. Bei 20 dieser Todesfälle ist der mutierte Schweinegrippeerreger vom Typ H1N1 bereits nachgewiesen worden. Mehr als 1300 Grippekranke werden auf das Virus untersucht - Mexikos Präsident Felipe Calderón bemühte sich zu beruhigen. Nach seinen Angaben sollen die meisten Erkrankten nicht durch das Virus infiziert sein. Seine Botschaft: Ruhe bewahren. Die Regierung hatte am Wochenende mit drastischen Maßnahmen gegen einen Seuchenausbreitung reagiert. Teilweise spürten Suchtrupps mögliche Grippekranke in Wohnungen und auf Bahnhöfen auf. Auch Soldaten waren im Einsatz.

Erste Verdachtsfälle wurden inzwischen aus Spanien gemeldet, dort waren es drei, in Frankreich vier. Die Patienten waren mit leichten Grippesymptomen aus Mexiko gekommen, der Erreger wurde bei ihnen aber noch nicht exakt bestimmt. Im Fall eines Flugbegleiters der British Airways in London bestätigte sich eine Infektion nicht.

In Kanada wurde in sechs Fällen eine Ansteckung mit der Schweinegrippe bestätigt. In Neuseeland ist die Lage weiter unklar: Zehn Schüler wurden nach der Rückkehr aus Mexiko zu Hause unter Quarantäne gestellt und warten nun auf Testergebnisse.

Russland und Serbien verhängen Fleischverbote

Immer mehr Länder verbieten mit Blick auf eine Epidemie den Import mexikanischer Fleischprodukte - dabei gibt es nach Angaben der WHO noch immer "keinen Beweis" dafür, dass Menschen krank werden, weil sie mit Schweinen oder Schweinefleisch in Berührung gekommen seien.

Russland verhängte dennoch ein Importverbot für Fleischprodukte sowie Regionen, wo es bestätigte Krankheitsfälle gibt. Serbien verbot alle Fleischeinfuhren aus Nordamerika.

Die italienische Agrarlobby Coldiretti warnte vor Panikreaktionen. Die Landwirte hätten schon 2001 und 2005 aufgrund von Verbraucherboykotten wegen des Rindeswahnsinns und der Vogelgrippe Hunderte Millionen Euro verloren.

Auch die WHO bemühte sich, eine Panik einzudämmen. Trotz der angespannten Lage sei die Welt "besser denn je" gegen den Ausbruch einer Epidemie gerüstet. Dazu hätten die Vogelgrippe-Erfahrungen der vergangenen Jahre beigetragen, erklärte der amtierende WHO-Generaldirektor für Gesundheitssicherheit und Umwelt, Keiji Fukuda, in Genf.

Die Weltbank gewährt Mexiko unterdessen einen Notkredit über 25 Millionen Dollar (19 Millionen Euro) für den Kampf gegen die Folgen der Schweinegrippe. Die Mittel sollen für dringend benötigte Ausrüstung und Medikamente verwendet werden, sagte der mexikanische Finanzminister Agustin Carstens am Sonntag am Rande der Frühjahrstagung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds Washington. Darüber hinaus sei Mexiko ein weiterer Weltbank-Kredit von 180 Millionen Dollar in Aussicht gestellt worden, um seine Institutionen besser für Ereignisse wie den Ausbruch der Schweinegrippe vorzubereiten.

Experten warnen seit Jahren vor einer Grippe-Pandemie, der weltweiten Ausbreitung eines Virus, gegen den keine Impfmöglichkeit besteht. Für den Fall haben auch deutsche Behörden aufwendige Vorsorge- und Krisenablaufpläne erarbeitet und große Mengen antiviraler Medikamente eingelagert.

Alarmplan am Münchner Flughafen

Bund und Länder stimmten am Sonntag einheitliche Empfehlungen ab, wie man mit Verdachtsfällen umgehen solle. Die Fluggesellschaften seien bereits grundsätzlich vorbereitet, ebenso die Gesundheitsämter.

"Allerdings sind bestimmte Situationen nicht bis ins Detail planbar", betonte RKI-Sprecherin Glasmacher. Für eine Prognose, wie sich die Schweinegrippe entwickeln werde, sei es noch zu früh. "Es ist zu wenig über die Situation bekannt", sagte sie und warnte davor, Horrorszenarien herbeizureden. Nach ersten Tests der US-Seuchenkontrollbehörde spricht das Virus auf Grippemedikamente der neuen Generation an.

Der Flugbetrieb lief am Sonntag zunächst wie gehabt. Am Flughaften Frankfurt am Main landet am Nachmittag eine Maschine aus Mexiko-Stadt. Besondere Vorkehrungen seien nicht getroffen worden, sagte ein Sprecher des Flughafenbetreibers Fraport. Es gebe Notfallpläne - gerade zur Infektionsabwehr. Sie träten aber erst auf Anordnung der Gesundheitsbehörden in Kraft. Das AA weist auf seinen Internet-Seiten auf den Ausbruch der Krankheit hin und empfiehlt Reisenden, "die Medienberichterstattung aufmerksam zu verfolgen".

ssu/fsc/AP/AFP/dpa/ddp/Reuters

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