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Münzen aus der Römerzeit: Schweizer Bauer findet Schatz unter Kirschbäumen

Von Marion Werner und Jo Siegler

Kantonsarchäologie Aargau

Ein Schweizer Landwirt hat auf seiner Kirschbaumplantage einen spektakulären Schatz entdeckt: mehr als 4000 römische Münzen, außergewöhnlich gut erhalten und mit hohem Silbergehalt. Archäologen sind verblüfft.

Bei einem Kontrollgang durch seine Kirschbaumplantage fällt dem Landwirt etwas grün Schimmerndes auf einem Maulwurfshügel auf: Es sind grün angelaufene Münzen - aber keine Schweizer Franken. Der Landwirt stutzt. Was sind das für Münzen? Sind sie neu oder alt?

Weil im vier Kilometer entfernten Frick nur wenige Monate zuvor eine römische Siedlung ausgegraben wurde, vermutet der Landwirt, dass es sich um römische Münzen handelt. Er tut das, was Archäologen sich wünschen: Er gräbt nicht selbst, sondern wendet sich an die Kantonsarchäologie Aargau. Die Experten aus dem Norden der Schweiz können ihr Glück kaum fassen: Die Münzen sind tatsächlich römisch und verblüffend gut erhalten - fast prägefrisch. Wie kann das sein?

Kantonsarchäologe Georg Matter und seine Mitarbeiter machen sich sofort daran, die Fundstelle zu sichern und genauer unter die Lupe zu nehmen. Sie wollen dem Geheimnis der Münzen auf die Spur kommen. Im September 2015 beginnt die Ausgrabung.

15 Kilogramm Hartgeld

Die Archäologen holen immer mehr Münzen aus dem Boden. Der Fund ist viel größer, als sie vermutet haben. Es ist ein Schatz - und zwar ein ziemlich großer. "So etwas erlebt man als Archäologe selten mehr als einmal im Berufsleben", sagt Matter. Auf wenigen Quadratmetern entdecken die Forscher insgesamt 4166 römische Münzen - mit einem Gesamtgewicht von 15 Kilogramm. Der Fund von Ueken zählt damit zu den größten bisher in der Schweiz entdeckten Münzschätzen.

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Münzfund: Geldanlage aus Silber
Der Münzexperte Hugo Doppler wird hinzugezogen. Auch er ist, nach einer ersten Sichtung von gut 200 Münzen, überrascht: Die Prägungen auf den Münzen sind kaum abgegriffen und lassen sich sehr gut lesen. Es handelt sich um sogenannte Antoniniane aus der Zeit nach 274 nach Christus. Doppler identifiziert unter anderem Prägungen der Kaiser Aurelianus (270-275), Tacitus (275-276), Probus (276-282), Carinus (283-285), Diocletianus (284-305) und Maximianus (286-305). Die jüngsten Münzen stammen aus dem Jahr 294 nach Christus.

Die Antoniniane sind aus Bronze mit einem ungewöhnlich hohen Silbergehalt von fünf Prozent. Sie müssen also schon in römischer Zeit besonders wertvoll gewesen sein. Warum aber wurden diese wertvollen Münzen kaum benutzt und stattdessen vergraben? Doppler glaubt, dass die Münzen unmittelbar nach ihrer Prägung aus dem Verkehr gezogen wurden. "Der Besitzer muss sie gezielt ausgesucht haben, um sie zu horten, denn das in ihnen enthaltene Silber garantierte in der damals wirtschaftlich unsicheren Zeit wohl einen gewissen Werterhalt."

Hohe Inflation

Der damalige Besitzer hat seinen Schatz vermutlich über mehrere Jahre hinweg zusammengetragen und um 294 nach Christus im Erdboden vergraben. Wahrscheinlich in der Hoffnung, so sein Vermögen zu sichern. Ein zu dieser Zeit durchaus verständliches Bemühen, denn Ende des dritten Jahrhunderts war die Inflation beträchtlich. Aus diesem Grund können die Archäologen auch den damaligen Wert der Münzen nicht genau beziffern. Sie glauben jedoch, dass es sich auch seinerzeit um ein beträchtliches Vermögen in der Größenordnung von einem bis zwei durchschnittlichen Jahreseinkommen eines Legionärs gehandelt haben muss.

Abgesehen von dem monetären Wert des Schatzes ist sein wissenschaftlicher Wert kaum zu überschätzen. Das bestätigt auch der Numismatiker David George Wigg-Wolf vom Deutschen Archäologischen Institut in Frankfurt am Main. Es gebe bislang nur sehr wenige solcher Münzfunde aus dieser Zeit in den nordwestlichen Provinzen des Römischen Reiches. Grund dafür sei die Schließung der Trierer Münzstätte im Jahr 274 nach Christus. In der Folge ging die Versorgung mit Münzen in diesen Provinzen stark zurück. "Es ist zu erwarten", so Wigg-Wolf, "dass ein solcher Hortfund neue Erkenntnisse über bisher unbekannte Prägungen und Münztypen bringen wird."

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Archäologische Methoden der Datierung
Radiokarbondatierung
Das radioaktive Kohlenstoffisotop C-14 wird in der Atmosphäre ständig durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Form von Kohlendioxid (CO2) in die Biosphäre. Pflanzen, die CO2 aufnehmen, werden von Tieren und Menschen gegessen. Sie enthalten eine niedrige Aktivität, die überall und über lange Zeiträume gleich ist. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf und die Aktivität klingt in 5730 Jahren um die Hälfte ab. Je älter ein Fund, desto geringer seine Aktivität. Man kann damit bis zu einem Alter von circa 50.000 Jahren datieren.
Lumineszenzdatierung
Sie beruht auf einem Strahlenschaden durch die fast überall vorhandenen radioaktiven Elemente Uran, Thorium und Kalium. Die Halbwertszeiten der Radionuklide dieser Elemente sind so lang, dass man von einem konstanten Radioaktivitätspegel ausgehen kann. Als Sensoren für die Strahlenschäden verwendet man meist Quarz und Feldspäte, die in Keramik und in Sedimenten immer vorhanden sind. Diese Minerale senden Licht aus, wenn sie erhitzt werden (Thermolumineszenz) oder beleuchtet werden (optisch stimulierte Lumineszenz). Je älter die Keramik, desto stärker das Leuchten.
Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.


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