"Science Slam" Wie eine Liebesnacht den Raum krümmt

Ein schmerzfreier Wissenschaftler, ein hoffentlich schlaues Publikum, eine Bühne und zehn Minuten Zeit - los geht's: Der "Science Slam" ist die etwas andere Art, Forschung an den Laien zu bringen. Die Show kann enorm spaßig sein - man darf nur nicht auf große Erkenntnisse hoffen.

Science Slam in Berlin (Siegerin Uri Hart): "Was redet die da eigentlich?"
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Science Slam in Berlin (Siegerin Uri Hart): "Was redet die da eigentlich?"

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Kinder-Unis, Lange Nächte, Themenjahre - viele Wissenschaftler mühen sich, ihrer Profession den Ruf einer geschlossenen Gesellschaft auszutreiben. Kontakte zu Journalisten sind für viele Forscher längst Routine, der mit 50.000 Euro dotierte Communicator-Preis ehrt einmal im Jahr darstellungsstarke Akademiker.

Besonders publikumsnah soll die Wissensvermittlung bei sogenannten "Science Slams" vonstatten gehen. Das Konzept ist denkbar simpel und von den Auftritten junger Literaten entlehnt: Ein enthusiastischer Vertreter seines Fachs, manchmal mit leichtem Hang zur Selbstdarstellung, stellt sich auf die Bühne und versucht, das Publikum zehn Minuten lang zu bespaßen. Egal wie, nur mit Wissenschaft muss es zu tun haben. Am Ende küren dann das Publikum oder eine Jury den Sieger.

Deutschlandpremiere feierte das Schaulaufen der akademischen Entertainer im Sommer 2008 im Braunschweiger Haus der Wissenschaften. Seitdem haben sich unter anderem in Hamburg enthusiastische Forscher einem meist jungen Publikum präsentiert. Und nun also Berlin. Im "Café Edelweiß", einem ehemaligen Güterschuppen des längst verschwundenen Görlitzer Bahnhofs im Stadtteil Kreuzberg, ging am Dienstagabend der erste "Science Slam" der Hautstadt über die Bühne.

Der Andrang dürfte selbst die Organisatoren überrascht haben: Die Wissensdurstigen drängen sich schon im Treppenhaus, das zum Veranstaltungsraum im ersten Stock hinaufführt. "Der nächste Jesus wird ein Mädchen sein", steht dort in goldener Schrift auf einer roten Wand. Drin wird fleißig Club Mate, Bionade und Bier geordert an einer Bar, über der ein ausgestopfter Fasan thront. So weit, so cool.

Sitzplätze sind rar, Frischluft auch, als Moderator Marc Zeugner nach einigen technischen Anlaufschwierigkeiten die erste Teilnehmerin auf die kleine, spärlich ausgeleuchtete Bühne ruft: Carla Cederbaum, Doktorandin am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Potsdam, referiert über Theorien zwischen Newton und Einstein. Sie stellt sich dem Publikum als "Reiseleiterin auf einer Reise durch Raum und Zeit" vor - und bemüht sich sichtlich darum, ihre Zuhörer nicht zu überfordern. Die Relativitätstheorie können sie "gern einzelnen Leuten in der Pause erklären".

Liebesnacht im Wasserbett als Erklärhilfe

Cederbaum, didaktisch bereits als Autorin eines populärwissenschaftlichen Mathematikbuchs geschult, illustriert das Gravitationsgesetz, indem sie einen perlenbestickten Ball zu Boden fallen lässt. Später bringt sie auch noch ein Lineal, ein überdimensionales Zeichendreieck und einen beklebten Luftballon zum Einsatz. Die Krümmung des Raums durch Masse erklärt die Mathematikerin mit den Korkenzieherlocken anhand einer Liebesnacht im Wasserbett. Am Schluss ihres Vortrags folgt langer Applaus. So kann es weitergehen.

Es folgen ein ambitionierter Lebensmitteltechnologe, eine Judaistik-Studentin mittleren Alters, ein Papierkünstler mit Weißbierglas und eine Kulturwissenschaftlerin mit zwei Playmobilfiguren. Sie erklären, warum einem nach dem Genuss von Bohnen Winde entweichen, wie ein schlüpfrige Bibelstelle richtig auszulegen ist, warum ein Würfel in Sachen Papierverbrauch das ökonomischste Buch ist, und wie man am besten über das Politische in der Kunst nachdenken kann.

"Was redet die da eigentlich?", fragt ratlos ein Gast. Denn irgendwann wird die Zeit doch ein wenig lang. Wer länger als zehn Minuten spricht, wird nicht angezählt - und langsam wird der Sauerstoff im überfüllten Raum knapp. Die ersten Zuhörer gähnen verstohlen.

"Das ist geil", "das ist scheiße"

Bis auf den Bohnen-Vortrag des promotionssuchenden Absolventen Thilo Berg ("Wenn jemand eine Stelle für mich hat, immer her damit") kratzen die - allesamt vergnüglich vorgetragenen - Präsentationen inhaltlich eher an der Oberfläche. Niemand will die Gäste überfordern, auch sprachlich geht es manchmal eher einfach zu: "Das ist geil", "das ist scheiße".

Irgendwann werden dann alle fünf Referenten auf die Bühne gebeten - und der Applaus des Publikums verhilft Uri Hart zum souveränen Sieg. "Ich bin Hebräisch-Tutorin. Da muss man sich einen abhampeln, um die Leute bei der Stange zu halten", sagt sie, nachdem sie einen Blumenstrauß, einen Büchergutschein und eine Wachskerze in Form des Berliner Fernsehturms in Empfang genommen hat.

Was bleibt? Zunächst einmal die Erkenntnis, dass ein "Science Slam" aus wenig Science und viel Slam besteht: Es geht nicht unbedingt um Wissensvermittlung, das Publikum ist nachher nicht viel schlauer als vorher. Die zweite Erkenntnis: macht nichts. Man wird wohl wiederkommen, der Unterhaltung wegen. Zumal der nächste "Science Slam" schon in zwei Wochen stattfinden soll. Eine Konkurrenzveranstaltung, initiiert von den Organisatoren der Shows in Hamburg, hat sich im benachbarten Club "Lido" eingemietet.

Auf dem Programm: die "Progressive Umsatzsteuer als Mittel der Steuergerechtigkeit", die "Antigen-Antikörper-Interaktion" - und "strafrechtliche Aspekte in den Liedern von Johnny Cash".



insgesamt 3 Beiträge
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Wolfgang Jung 03.02.2010
1. Gute Idee
Dem Spiegel-Forum täten einige der Science-Slam-Aktivisten anstatt selbst ernannter Oberlehrer ganz gut.
Retroversiv 05.02.2010
2. ScienceSlam.org
Wer weitere Informationen und Städte in seiner Umgebung finden möchte die Science Slams durchführen kann das tun unter www.scienceslam.org. Wissenschaft soll Spass machen und mit Science Slams können auch neue Leutesich zusammen finden die bislang mit dem Thema Wissenschaft nur fade und öde Welten assoziierten. Auf der Seite findet man auch zahlreiche Links zu Bildern und Videos und erster Mitschnitte (Youtube) da kann man sich selber ein Bild machen.
hanshotter 08.02.2010
3. Science Slam in Braunschweig
Übrigens: Wer den Slam in Berlin verpasst hat - am 26. Februar kann man das Ganze in Braunschweig im Haus der Wissenschaft verfolgen. Da wird bereits der 5. Braunschweiger Science Slam organisiert. Die Videos des letzten Slams dort gibts auch in YouTube. Vor allem der Gewinnerbeitrag ist es wert, mal reinzuschauen. In Frankfurt gibt es davor noch einen am 20.2. Mehr dazu unter www.hausderwissenschaft.org oder www.scienceslam.org
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