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28. Mai 2007, 10:18 Uhr

Sechs Gretchenfragen

Monsignore, gibt es Gott?

Es ist ein Kreuzzug der Gottlosen. Eine neue Generation von Skeptikern und Wissenschaftlern will die Welt vom Glauben befreien. Gott, so ihre Überzeugung, gibt es nicht. Der SPIEGEL hat Monsignore Walter Brandmüller, den Chefhistoriker des Vatikans, gefragt, warum er trotzdem glaubt.

DER SPIEGEL: Ist Gott einem Nichtglaubenden zu beweisen?

Brandmüller: Ihre Frage fordert die Gegenfrage heraus: Was verstehen Sie unter "Beweis" - was meinen Sie, wenn Sie "Gott" sagen? Sollten Sie unter "Beweis" ein Verfahren verstehen, das mit mathematischer Stringenz zu seinem "quod erat demonstrandum" führt - dann kann es einen solchen Beweis nicht geben. Auch Thomas von Aquin hat seine bekannten Gottesbeweise nicht so verstanden. Denn: Im Bereich der Geisteswissenschaften gelten andere Gesetze, nicht die der Mathematik oder der Empirie. Was die katholische Kirche hingegen immer vertreten hat - so zuletzt das 1. Vatikanische Konzil von 1869/70 - ist, dass Gott mit Hilfe der menschlichen Vernunft mit Gewissheit erkannt werden kann. Das heißt also, nicht mit Zwangsläufigkeit erkannt werden muss. Es gibt aber eine Reihe von Überlegungen, die - eine prinzipielle Offenheit des Denkens einmal vorausgesetzt - die Existenz Gottes einsichtig zu machen vermögen. Der Glaube an Gott ist kein Sprung vom Sieben-Meter-Brett mit verbundenen Augen in ein vielleicht volles Becken.

DER SPIEGEL: Bei wem liegt die Beweislast für die Existenz oder Nichtexistenz Gottes?

Brandmüller: Die liegt nun in der Tat beim Atheisten. Sie staunen? Ich meine, aber, doch! Denn: Wenn ich die Existenz eines unendlichen Geistes aus dessen Gedanken und Willen die gesamte Wirklichkeit hervorgegangen ist, leugne, dann muss ich doch wohl erklären können, wieso dann Welt und Mensch überhaupt existieren. Damit kommen Sie in erhebliche Erklärungsnöte, denn Urknall, Evolution, Selbstorganisation einer (nicht vorhandenen!) Materie - im Übrigen ziemlich leere Worthülsen - anzunehmen, erfordert weit größere (und dazu noch blinde) Gläubigkeit als die Kirche für ihre Dogmen verlangt. Wie sollte das Nichts auf einmal knallen? Insbesondere aber müssten Sie erklären, wie es denn kommt, dass menschliche Vernunft und Makro- wie Mikrokosmos so aufeinander beziehungsweise ineinander passen wie Schloss und Schlüssel. Das heißt, wie es möglich ist, dass Astronauten zu einem präzisen Zeitpunkt auf einem genau bestimmten Planquadrat des Mondes landen können.

DER SPIEGEL: Wenn Glauben sich rationaler Begründung verweigert, muss die Kirche sich dann nicht aus dem Streit der Welt zurückziehen?

Brandmüller: Glaube verweigert sich rationaler Begründung? Vielleicht tut das eine existenzialistische oder fundamentalistische Variante des Glaubens. Der katholischen Kirche hat man doch von solcher Seite eher bibelfremden Rationalismus vorgeworfen. Aber nun ernsthaft zur Sache: "Glaube" kann doppelt verstanden werden. Einmal kann der Akt des Glaubens gemeint sein, sodann kann man den Inhalt des Glaubens, die Glaubenslehre darunter verstehen. Je nachdem ist Ihre Frage zu beantworten. In der Tat gibt es keinen Vernunftbeweis für die Existenz eines Gottes in drei Personen, oder für die wirkliche Gegenwart Jesu Christi in der konsekrierten Hostie. Auch kann man die Existenz des Bösen rational nicht erklären. All das ist nur auf Grund göttlicher Offenbarung erkenn- beziehungsweise verstehbar. Was ich aber sehr wohl zu zeigen vermag, ist, dass ich den Glaubensakt intellektuell verantwortbar vollziehen kann, weil Gott sich tatsächlich, nachweisbar, den Menschen mitgeteilt hat.

DER SPIEGEL: Wie können Sie als Historiker sicher sein, dass Jesus als Gottessohn gelebt hat?

Brandmüller: An eben diesem Punkt tritt der Philosoph ab und der Historiker auf den Plan. Denn: Offenbarung Gottes muss, wenn sie denn stattgefunden haben soll, in einem historischen Geschehen erfolgt sein, da der Mensch in Raum und Zeit – also in der Geschichte anzutreffen ist. Ein Historiker weiß über historische Ereignisse nur dann etwas und nur soviel, wie ihm seine Quellen sagen,. Damit sind wir bei der Bibel, natürlich beim Neuen Testament. Dafür, dass dessen Schriften - 27 an der Zahl - nicht irgendwann, sondern zu Lebzeiten der Augen- und Ohrenzeugen des Jesus von Nazareth verfasst wurden, liefert die neuere und neueste Bibel- beziehungsweise Altertumswissenschaften zunehmend neue solide Argumente. Das heißt, dass in diesen Schriften nicht vorderorientalische Märchen erzählt, sondern von den Hörern und Lesern machprüfbare Tatsachen berichtet werden Wäre dem nicht so, wäre die christliche Predigt am Ort und vor Zeugen des Geschehens im Hohngelächter der Zeitgenossen untergegangen, anstatt im Verlauf von wenigen Jahrhunderten die damals bekannte Welt zu überzeugen - allen Repressionsversuchen zum Trotz.

DER SPIEGEL: "Wozu ist ein Gott gut, ohne Wunder zu tun und ohne auf Gebete zu hören?", fragt die Alice von Lewis Carroll. Hat es Wunder gegeben? Sind Gebete mehr als nur Meditationen?

Brandmüller: Alice fragt ganz richtig. Aber die Antwort lautet: Es hat Wunder gegeben und es gibt sie noch immer. Ohne die Wunder, die das Neue Testament von Jesus und den Aposteln berichtet, wäre kaum jemand auf die Idee gekommen, in Jesus den menschgewordenen Gott zu sehen. Und - um nur ein bekanntes Beispiel zu nennen - die etwas mehr als 50 Heilungen aussichtsloser Kranker, die in Lourdes geschehen sind, sind von einer unabhängigen Ärztekommission als wissenschaftlich nicht nachvollziehbar erklärt worden, ehe die Kirche sie als Wunder anerkannt hat. Wer dennoch behauptet, Wunder seien unmöglich, macht sein Vorurteil zum Maßstab für "möglich" beziehungsweise "unmöglich". Mit welchem Recht? Gott ist also da und am Werk, und Alice kann mit ihm reden.

DER SPIEGEL: Wo ziehen Sie als Wissenschaftler die Grenze zwischen Glauben und Wissen?

Brandmüller: Die Grenze zwischen Glauben und Wissen verläuft entlang den Grenzen der Leistungsfähigkeit der menschlichen Vernunft - und die sind bekanntermaßen enger, als man gern zugibt. Man sollte endlich jenen naiven Vernunftoptimismus des technisch-industriellen Zeitalters etwas relativieren. Es gibt doch Realitäten, die für die Streichholzschächtelchen unserer Begriffe zu groß sind. Wie viel mehr die Wirklichkeit Gottes? Gott ist größer als unsere Vernunft.

Die Fragen stellte Alexander Smoltczyk

Mehr zum Thema finden Sie in der Titelgeschichte des aktuellen SPIEGEL: "'Gott ist an allem Schuld'- Der Kreuzzug der neuen Atheisten". Auch ein Interview mit dem französischen Philosophen Michel Onfray über Glaube, Lügen und Gewalt lesen Sie in dem Heft.

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