Seehunde Barthaare weisen den Weg

Auch in dunklen und trüben Gewässern können Seehunde ohne größere Probleme auf Fischjagd gehen. Das Geheimnis ihres Erfolges verbirgt sich offensichtlich im Bart der Tiere.


Sie verfügen weder über Radar noch Echolot, und doch können Seehunde im Dunkeln gezielt ihrer Beute nachjagen. Möglich machen dies die Barthaare, die so genannten Vibrissen, der schlauen Tiere. Wie Forscher der Universitäten Bochum und Bonn in der aktuellen Ausgabe des US-Wissenschaftsmagazins "Science" berichten, registrieren die Haare feinste, von Fischen ausgehende Wasserbewegungen.

Haarige Angelegenheit: Seehunde orientieren sich mit ihrem Bart
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Haarige Angelegenheit: Seehunde orientieren sich mit ihrem Bart

Biologen vermuteten schon länger, dass die Seehunde kleine Wasserturbulenzen, die ein naher Fisch erzeugt, mit Hilfe ihres Bartes ertasten. So hatten finnischer Forscher entdeckt, dass die Barthaare von Seehunden etwa zehn Mal mehr Rezeptoren besitzen als die einer Katze.

Die neuen Erkenntnisse gehen allerdings einen Schritt weiter: "Jetzt haben wir gezeigt, dass Wasserbewegungen, die von weit entfernten Fischen oder anderen bewegten Objekten stammen, von Seehunden genutzt werden", sagt der Bochumer Forscher Guido Dehnhardt. Distanzen bis zu 40 Metern können von den intelligenten Tieren offensichtlich problemlos ausgelotet werden.

Zwei Seehunde haben den Wissenschaftlern bei ihren Experiment geholfen: Nick und Henry. Trotz verbundener Augen fanden die Tiere ihre Beute schnell und sicher. Allerdings verfolgten sie dabei keinen echten Fisch, sondern ein kleines U-Boot.

Ein Fisch hinterlässt, ebenso wie das verwendete U-Boot, bei seinen Bewegungen eine Spur von Wirbeln, die über eine längere Zeit bestehen bleibt. "Die Strömungsspur eines Goldfischs lässt sich selbst mit relativ einfachen Methoden im Labor noch nach fünf Minuten nachweisen", sagt Horst Bleckmann von der Universität Bonn.

Im Zuge ihrer Experimente ließen die Forscher das Mini-U-Boot die Bewegungen eines Fisches im Wasser simulieren. Henry, der in einem Becken der Seehundstation Friedrichskoog schwamm, wurde eine undurchsichtige Strumpfmaske übergezogen. Zu Beginn der Versuch setzten ihm die Forscher zudem noch einen Kopfhörer auf.

Doch er fand auch blind den Weg zur Beute. 256 von insgesamt 326 Versuchen - rund 80 Prozent - endeten erfolgreich. Sobald das Tier die Spur des U-Boots kreuzte, nahm es Witterung auf und folgte dem potenziellen Fang. Wurden die Barthaare allerdings mit einer Strumpfmaske außer Gefecht gesetzt, konnte der Seehund seine metallische Beute nicht aufspüren.

Anders ohne Kopfhörer: War Nick in der Lage, den Geräuschen des U-Boots zu lauschen, nahm er direkten Kurs auf sein Ziel. "Die Orientierung erfolgt in der Realität multimodal", sagt Bleckmann. "Also mit den Ohren, der Nase und den Vibrissen." Die Forscher wiederholten das Experiment zur Absicherung mit dem Seehund Nick im Kölner Zoo. Die Ergebnisse waren ähnlich.

Quasi als Belohnung für ihre Dienste dürfen die beiden Seehunde ihre Fertigkeiten zukünftig auch unter authentischen Bedingungen beweisen. Dehnhardt plant zusammen mit seinem Team die gewonnen Ergebnisse im offenen Meer zu testen. Von der weiten (Unterwasser-)Welt werden die beiden Tiere dabei allerdings nicht viel sehen. Auch im Meer müssen sie wieder eine Augenbinde tragen.



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