Manchmal muss die Welt stehen bleiben, damit wir zu uns selbst finden. So erging es einem jungen Franzosen in einem Dorf in Süddeutschland, wo ihn ein heftiger Wintereinbruch wochenlang festhielt. In seiner Unterkunft, umgeben von Schnee und Eis, begann er, die Quellen des menschlichen Wissens zu erforschen - eine Beschäftigung, die ihn Jahre später zu dem berühmten Satz "Cogito ergo sum" führte. Ich denke, also bin ich.
Der junge Mann war kein anderer als der Mathematiker und Philosoph René Descartes (1596 - 1650), der Ende 1619 in Neuburg an der Donau festsaß. Das unfreiwillige Exil mag seinen Schluss gefördert haben, dass nichts sicher sei außer der Existenz des eigenen Denkens. Damit hatte Descartes, wie der Autor Richard David Precht schreibt, "das Ich ins Zentrum der Philosophie gerückt".
Den Optimismus des französischen Rationalisten hinsichtlich unserer Fähigkeit, uns selbst zu durchschauen, teilen Psychologen und Hirnforscher heute allerdings nicht mehr. Zu ihnen zählt Timothy Wilson von der University of Virginia in Charlottesville. Er argumentiert, dass die geistige Innenschau des Menschen - die Introspektion (siehe Kasten "Umstrittene Innenschau") - ungeeignet sei, dem Ich auf die Spur zu kommen. Der Grund: Die meisten Prozesse, die es formen, werden uns nicht bewusst.
Wir fällen Entscheidungen, erkennen Gefahren und interagieren mit anderen auf Grundlage einer mentalen Maschinerie, die im Verborgenen arbeitet, so Wilson. Wie ein Autopilot navigiere uns dieses "adaptive Unbewusste" durchs Leben. Um uns selbst zu ergründen, müssten wir daher hinter die Kulissen des Bewusstseins blicken. Nur, wie geht das? Bleiben wir noch einen Moment beim Augenschein: Ob ich den Wind auf der Haut fühle, an meine Großmutter denke oder mir vorstelle, wie schön der nächste Sommerurlaub wird - in jedem dieser Momente weiß ich, dass ich es bin, der fühlt, denkt, sich etwas vorstellt. Diesem Ich, dem Bezugsrahmen des subjektiven Erlebens, stellte schon der amerikanische Psychologe William James (1842 - 1910) das "Mich" gegenüber (englisch I versus me). Letzteres umfasse jene Überzeugungen, die wir über uns selbst bilden.
Introspektion als Forschungsmethode
Lange galt die geistige Innenschau, die Introspektion, als Königsweg zur Ergründung der Seele. Wie Generationen von Philosophen schöpften auch Vertreter der frühen experimentellen Psychologie, die Ende des 19. Jahrhunderts entstand, ihre Erkenntnisse vor allem aus dem exakten Beobachten eigener Wahrnehmungen, Gedanken und anderer psychischer Vorgänge. Wer wüsste schließlich besser über seine innere Welt Bescheid als der Betreffende selbst? Die Vorstellung, dass wir über einen privilegierten Zugang zu uns selbst verfügen, geriet allerdings bald ins Wanken. Wahrnehmungsforscher wie der Physiker und Sinnesphysiologe Ernst Mach (1838 – 1916) erkannten, dass auf den subjektiven Augenschein häufig kein Verlass ist, wie etwa bei optischen Illusionen oder anderen Fehlurteilen. Auch die Wissenschaft, so Mach, sei von "metaphysischen Obskuritäten" durchsetzt. Der von Mach beeinflusste Behaviorist Burrhus F. Skinner (1904 – 1990) erklärte daher das äußerlich beobachtbare Verhalten von Mensch oder Tier zum alleinigen Gegenstand der Psychologie. Diese radikale Haltung fand ab Mitte des 20. Jahrhundert immer mehr Kritiker.
Bis heute liefern Psychologen eine Fülle von Belegen dafür, dass unser Blick auf das eigene Ich getrübt ist – sei es, weil unsere Selbsteinschätzung vom tatsächlichen Handeln abweicht ("Ich bin willensstark – aber das Rauchen aufgeben? Unmöglich! "), sei es, weil wir sozial Erwünschtes schlecht von unseren eigentlichen Überzeugungen trennen können. Um Verzerrungen bei Persönlichkeitstests zu reduzieren, enthalten diese oft Fangfragen, auf die es nur eine Antwort geben kann, etwa: "Haben Sie jemals gelogen?" Auch die so genannte Blindtestung, bei der den Versuchspersonen das eigentliche Ziel einer Studie unklar bleibt, gehört zum Arsenal der Vorsichtsmaßnahmen. Trotz aller Zweifel sind Psychologen in vielen Experimenten auf subjektive Einschätzungen von Probanden angewiesen. So lässt sich das Erleben eines Menschen nicht allein aus Reaktionszeiten oder den Assoziationen beim Betrachten bestimmter Bilder erschließen, ebenso wenig wie aus Mustern der Hirnaktivität. Die Introspektion bleibt daher vorerst eine feste Größe im Instrumentarium der Seelenkunde.
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