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Selbstbräuner: Wurzelsud schützt Mäuse vor Hautkrebs

Von Anke Brodmerkel

Er ist ein natürlicher Selbstbräuner: Das Extrakt einer Zierpflanze lässt die Haut von Labormäusen dunkeln - und schützt sie vor den Folgen heftiger UV-Bestrahlung. Auf eine Art Sonnencreme von innen hoffen die Forscher. Umstritten ist, ob der Schutz auch für den Menschen taugt.

Hellhäutige haben es nicht leicht. Schon eine Mittagspause in der Sonne reicht manchmal aus, um ihre Haut zu verbrennen. Von einer gleichmäßigen Bräune können diese Menschen nur träumen, sofern sie sich nicht regelmäßig mit Selbstbräuner eincremen. Vor allem aber ist ihr Risiko, an Hautkrebs zu erkranken, viel höher als bei jenen Menschen, die schnell und problemlos bräunen.

Mäuse: Unter dem Fell können auch sie Sonnenbrand bekommen - und bräunen. Im Labor schützte sie gar ein Wurzelsud vor Hautkrebs
AP

Mäuse: Unter dem Fell können auch sie Sonnenbrand bekommen - und bräunen. Im Labor schützte sie gar ein Wurzelsud vor Hautkrebs

US-Forscher um David Fisher vom Dana-Farber Cancer Institute & Children's Hospital in Boston berichten in der aktuellen Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift "Nature" (Bd. 443, S. 340) über einen bemerkenswerten Fortschritt im Tierversuch - dessen Geheimnis selbst nach einem alten Hausmittelchen klingt: Mit einem Extrakt aus den Wurzeln der Buntnessel (Coleus forskohlii) ist es gelungen, die Haut zur Selbstverteidigung zu animieren. In den Hautzellen habe der Sud die Melaninproduktion angekurbelt.

Die Neigung zu Sonnenbrand ist den meisten Menschen angeboren. Durch einen genetischen Fehler ist bei ihnen ein Rezeptor beschädigt, an den spezielle Hormone andocken. Die Melanozyten stimulierenden Hormone (MSH) kurbeln unter dem Einfluss von Sonnenlicht in bestimmten Zellen der Haut - den Melanozyten - die Produktion des Farbstoffs Melanin an. Er bietet der Haut einen gewissen Schutz vor UV-Strahlen - eine Art natürliche Sonnencreme. Ist der Rezeptor defekt, wird nur sehr wenig oder gar kein Pigment gebildet. Und darum ist es so interessant für die Forscher, dass die Farbstoffproduktion im Experiment nach der Extraktbehandlung in die Höhe schnellte.

Der Wurzelsud wirkte bei Mäusen wie Selbstbräuner

Auch Mäuse mit einem fehlerhaften MSH-Rezeptor haben ein helleres Fell und eine hellere Haut als genetisch nicht veränderte Artgenossen. Daran, das konnte das Team um Fisher zeigen, ändert auch intensive Sonnenbestrahlung nichts. Gesunde Mäuse hingegen bräunen ganz ähnlich wie Menschen.

Rieben die Forscher die genveränderten Tiere jedoch drei Wochen lang täglich mit dem Buntnesselextrakt ein, dunkelten sie am ganzen Körper nach – egal ob sie der Sonne ausgesetzt waren oder nicht. Mikroskopische Aufnahmen von Hautzellen zeigten zudem, dass sich in den Zellen zahlreiche Pigmentmoleküle gebildet hatten.

"Buntnesseln enthalten große Mengen einer Substanz namens Forskolin", sagte Fisher zu SPIEGEL ONLINE. "Diese steigert im Körper die Produktion des Botenstoffes cAMP, der die Produktion der Hautfarbstoffe unabhängig vom Sonnenlicht ankurbelt."

18 Labortiere unter der (simulierten) Sonne Floridas

Um zu untersuchen, ob die per Forskolin gebräunten Versuchstiere eher vor Hautkrebs gefeit sind als ihre bleichen Artgenossen, setzten die Wissenschaftler 18 genetisch veränderte Exemplare mehrere Monate lang täglicher UV-Strahlen aus. Nur die Hälfte der Tiere wurde in dieser Zeit mit Forskolin eingerieben. Die tägliche Strahlendosis entsprach einem ein- bis zweistündigen Mittagssonnenbad am Strand von Florida im Juli.

Die Haut der bleichen Tiere begann sich bereits nach wenigen Tagen zu entzünden, vier Wochen später bildeten sich die ersten Tumore. Am Ende der Versuchsdauer litten alle neun unbehandelten Mäuse an Hautkrebs. Bei den täglich mit Forskolin eingeriebenen neun Mäusen waren es sechs - das Forskolin bot also keinen Komplettschutz. Jedoch traten bei ihnen die ersten Tumore im Mittel erst nach sechs Monaten auf, erheblich später als bei den bleichen Tieren. Daraus schließen die Forscher auf eine zeitweilige Schutzwirkung.

Die "Nature"-Studie berichtet zwar lediglich den Befund eines Tierversuchs, doch lasse sich die Erkenntnis möglicherweise übertragen. "Die Stoffwechselreaktionen der Haut sind bei Mäusen und Menschen sehr ähnlich", sagte Fisher. Er schränkte aber ein, die obere Hautschicht des Menschen sei dicker als bei Mäusen. Deswegen könnten hier viele Substanzen tiefere Schichten nur schwer erreichen.

Ob Menschen gleichermaßen von einer forskolinhaltigen Creme profitieren würden, vermag David Fisher noch nicht zu sagen. "Niemand sollte sich zum jetzigen Zeitpunkt mit Forskolin einreiben", sagt er. So sei etwa über mögliche Nebenwirkungen derzeit erst wenig bekannt.

Anwendung beim Menschen - Experte zweifelt

Auch Eggert Stockfleth vom Haut-Tumor-Zentrum der Berliner Charité warnt vor verfrühter Euphorie: Erst einmal müsse bewiesen werden, dass Forskolin die Melaninproduktion auch beim Menschen steigere, sagte er zu SPIEGEL ONLINE. "Und dann bleibt abzuwarten, ob die gebräunten Menschen tatsächlich besser vor Hautkrebs geschützt sind."

Gerade bei hellhäutigen Menschen sind noch eine Reihe weiterer Faktoren an der Entstehung von Hautkrebs beteiligt. "Zum Beispiel sind bei ihnen Enzyme, die UV-bedingte Erbgutschäden reparieren, oft in ihrer Funktion beeinträchtigt", sagte Stockfleth.

Eines der wichtigsten Gene, das den Krebs in Schach halten kann, das Tumor-Supressorgen P53, ist bei verschiedenen Menschen ebenfalls unterschiedlich aktiv. "In Familien, in denen Hautkrebs gehäuft auftritt, ist dieses Gen eher träge", sagt Krebsmediziner Stockfleth. Er lehnt die Hypothese, dass gebräunte Haut vor Hautkrebs sicher ist, ab. Sonst "müssten auch Selbstbräuner vor Tumoren schützen". Das ist erwiesenermaßen nicht der Fall.

Fisher kündigte an, als nächstes die Wirkung von Forskolin in der menschlichen Haut zu untersuchen. Mit Buntnesselsud eingeriebene Menschen will der Forscher aber noch nicht in die Mittagssonne schicken: "Das werden wir zunächst an Hautproben im Labor testen."

Korrektur: Von der in der beschrieben Forschungsarbeit verwendeten Buntnessel-Art haben wir im ursprünglich Text einen falschen Artnamen angegeben. Korrekt ist die Bezeichnung Coleus forskohlii. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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