Selbstmordversuch Mann überlebte zwölf Nägel im Kopf

Es war einer der bizarrsten medizinischen Fälle der vergangenen Monate: Ein US-Bürger hatte sich zwölf Nägel in den Kopf geschossen, spazierte anschließend in ein Krankenhaus, wurde operiert und überlebte. Jetzt haben Wissenschaftler den Fall dokumentiert.


Bis heute ist unklar, ob es ein Beziehungsproblem, eine psychische Erkrankung oder das Methamphetamin war: Im April vergangenen Jahres setzte sich ein Mann aus dem US-Bundesstaat Oregon eine Nagelpistole an den Kopf und schoss - immer und immer wieder. Zwölf Nägel trieb er in seinen Schädel. Zwischendurch musste er nachladen.

Am Tag darauf tauchte der 33-Jährige in einem Krankenhaus auf und klagte über Kopfschmerzen. Auf den ersten Blick sahen die Ärzte nichts Ungewöhnliches, wie die Lokalzeitung "The Oregonian" berichtete. Die Enden der Nägel hätten unter der Haut gesteckt; die meisten der kleinen Einschusswunden seien von Haaren verdeckt gewesen.

"Er war wach, aufmerksam und gesprächig"

Dann ließen die Mediziner Röntgenbilder anfertigen - und konnten kaum fassen, was sie sahen: Zwischen dem rechten Augen und dem rechten Ohr steckten sechs Nägel. Die Köpfe waren in den Schädelknochen getrieben, die bis zu fünf Zentimeter langen Schäfte steckten im Hirn. Zwei weitere Nägel hatte sich der Mann unterhalb des rechten Ohres in den Kopf geschossen, vier steckten in der linken Seite seines Gesichts.

"Er war wach, aufmerksam und gesprächig", sagte der Neurochirurg Alexander West, der die anschließende Operation leitete. "Aber er verneinte vollkommen, was er sich angetan hatte." In einem dreistündigen, komplizierten Eingriff entfernten die Ärzte der Oregon Health & Science University in Portland die Metallstifte. Sie zogen die Haut über den Einschusslöchern zurück und schnitten die Nägel mit einer Knochensäge so weit frei, dass sie die Enden mit einer Zange greifen konnten.

Der Eingriff war bisher einzigartig - weil noch nie ein Mensch eine solche Anzahl von Fremdkörpern im Kopf überlebt habe, heißt es in einem Artikel im Fachblatt "Journal of Neurosurgery". Zuvor habe der Rekord bei neun Objekten gelegen, die sich ein Japaner - ebenfalls bei einem Selbstmordversuch mit einer Nagelpistole - in den Kopf gejagt habe.

Um Millimeter am Tod vorbei

Der Mann aus Oregon habe sich inzwischen vollkommen erholt, sagte West. "Er hatte unglaubliches Glück." Nur Millimeter hatten über Leben und Tod entschieden. Mehrere Nägel kratzten zwar an den Hirnlappen, hinterließen aber nach Angaben der Ärzte keine bleibenden Schäden.

Ein Nagel drang durch den Nacken ein, durchbohrte einen Muskel und ging haarscharf am Hirnstamm vorbei. "Es fehlte vielleicht ein Zentimeter, und alles wäre vorbei gewesen", sagte West. Während eine Pistolenkugel schon mit ihrer kinetischen Energie töte, komme es bei einer Nagelpistole eben darauf an, wo genau die Nägel im Hirn steckenblieben.

In einem späteren Telefonat hat der Mann laut West zugegeben, vor dem Selbstmordversuch Methamphetamin genommen zu haben. Die euphorisierend wirkende Droge könne Menschen unter anderem dazu bringen, sich selbst zu verletzen, sagte West. Der Mann mit den Nägeln im Kopf sei nicht der erste Patient gewesen, bei dem er dies gesehen habe.

mbe/dpa



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