Selbstwahrnehmung Wie eine Attrappe zur eigenen Hand wird

Menschen können ihre eigene Hand mit einer künstlichen verwechseln, wenn man sie nur ein bisschen täuscht. Wissenschaftler haben nun die Hirnregion identifiziert, die die Schlüsselrolle bei der Selbstwahrnehmung spielt.


Versuchsaufbau: Oben die Gummihand, darunter die echte
Henrik Ehrsson

Versuchsaufbau: Oben die Gummihand, darunter die echte

Das Experiment der Forscher am University College London war relativ simpel. Die Testpersonen mussten ihre echte Hand unter einem Tisch verstecken, während auf dem Tisch die Gummiattrappe einer menschlichen Hand lag. Diese falsche Hand lag so vor ihnen, dass die Probanden den Eindruck gewannen, es könnte auch die eigene Hand sein.

Anschließend berührten die Psychologen die falsche und die echte Hand mit einem Pinsel - und zwar gleichzeitig. Dadurch erlagen die Testpersonen nach durchschnittlich elf Sekunden der Sinnestäuschung, die Kunsthand sei Teil ihres eigenen Körpers, berichtet das Forscherteam um Henrik Ehrsson im Wissenschaftsmagazin "Science" (Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1126/science.1097011).

Bei dem Experiment fanden die Wissenschaftler heraus, welche Hirnregion die Schlüsselrolle bei der Selbstwahrnehmung spielt: der so genannte prämotorische Cortex. Er setzt Informationen von mehreren Sinnen zusammen, um zu entscheiden, ob ein Körperteil zum eigenen Körper gehört oder nicht. Daraus ergibt sich dann das Bild des eigenen Körpers.

Während des Experiments beobachtete das Team um Ehrsson die Gehirne der Probanden mit einem Magnetresonanztomographen, der die Aktivität verschiedener Gehirnbereiche darstellt. Dabei zeigten die Gehirne der Versuchsteilnehmer eine umso stärkere Aktivität im prämotorischen Cortex, je intensiver die Sinnestäuschung war.

Als die Probanden nach dem Versuch gebeten wurden, auf ihre echte Hand zu zeigen, irrten sich die meisten und zeigten auf die Attrappe. Das Gehirn erkenne Teile des Körpers nicht mit einem einzelnen Sinn, sondern durch die Auswertung mehrerer Sinne wie Sehen, Tasten und dem so genannten Orts-Sinn, folgern die Wissenschaftler. Dabei glaubt das Gehirn bevorzugt, was die Augen sehen. Das gilt auch dann, wenn der Orts-Sinn, wie im Experiment gezeigt, eine widersprüchliche Information zur Position der Hand liefert.

Die Selbstwahrnehmung und die Unterscheidung zwischen "selbst" und "fremd" sei im täglichen Leben unverzichtbar, schreiben die Forscher. Fehlerhafte Wahrnehmung des eigenen Körpers tritt bei einer Reihe von Erkrankungen auf. So ist sie beispielsweise bei Schizophrenie und nach Schlaganfällen, die den prämotorischen Cortex betreffen, nicht ungewöhnlich.

Irritationen der Selbstwahrnehmung können auch nach Amputationen in Form des so genannten Phantomschmerzes auftreten. Bei dieser Form des Leidens empfindet der Patient Schmerzen in einer Extremität, die gar nicht mehr vorhanden ist.



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