Schule für klare Kommunikation: Kampf dem Kauderwelsch

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Erzählen vom Beruf: "Wer die richtige Sprache findet, wird wirtschaftlich profitieren"

Wenn Experten von ihrer Arbeit erzählen, ernten sie oft gelangweilte Blicke. In einem neuen Institut in Karlsruhe lernen Fachleute, wie sie Laien begeistern. Die heiteren Seminare bringen viele Tipps - doch manche Teilnehmer trauen sich nur heimlich hin.

Karlsruhe/Heidelberg - Immer die gleiche Tragödie. Beim Abendessen, in der Kneipe, nach dem Sport: Ein Mensch erklärt, was er in seinem Beruf macht. Doch sein Gegenüber blickt abwesend. Gespräch gescheitert. Das neue Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation mit Hauptsitz in Karlsruhe, kurz Nawik, will das Dilemma beheben: Die international in ihrer Form wohl einmalige Schule lehrt Experten, wie sie ihre Arbeit interessant erzählen.

Manche gehen heimlich hin. "Wir haben unseren Chefs nichts von dem Seminar erzählt", sagt Anna*, eine Biochemikerin. "Viele ältere Professoren halten es für nutzlos, Kommunikation zu lernen; sie wollen, dass wir unsere Zeit lieber zum Forschen nutzen." Zusammen mit acht anderen Wissenschaftlern übt die 29-Jährige in einem eintägigen Nawik-Seminar in Heidelberg, ihr Forschungsthema verständlich zu beschreiben. Das sei dringend notwendig, erläutert die Neuroforscherin Sandra. Denn selbst Forscher verwandter Fachrichtungen würden die Vorträge ihrer Kollegen oft nicht verstehen. "Ich würde die aber so gerne mal faszinieren."

Es beginnt mit Zwist. Elanvoll liest Tim, ein Physiker, seine Zusammenfassung über das Ergebnis seiner Forschungsarbeit vor. Er findet die deutlichste Sprache aller Teilnehmer im Heidelberger Seminar, aber kann er begeistern? "Selbst im Nichts, also im Vakuum, ist nicht Nichts, sondern Alles. Also alle Sorten von Teilchen. Ich habe Experimente modelliert und vorgeschlagen, die untersuchen, was Alles eigentlich ist." Alles klar?

Genie oder Scharlatan?

Eine energische Diskussion entflammt: "Wie bitte?", ruft Biologin Anna. "Es kann etwas geben im Vakuum?" Vakuum, das sei doch luftleerer Raum. "Und du sagst jetzt plötzlich, da ist so viel drin!" Ja, genau so sei es, erläutert Tim. "Der Knackpunkt ist, dass die Teilchen nur einen winzigen Augenblick existieren, und dann verschwinden sie wieder."

Tims Alles-Nichts-Gegensatz klinge zwar interessant - das sei eine schöne, kreative Idee, lobt die Seminarleiterin. "Wenn Sie aber Ihr Thema anreißen, würde ich raten, möglichst klare Sprache zu verwenden", sagt Beatrice Lugger, wie alle Nawik-Dozenten eine erfahrene Journalistin. Wichtig sei ja, dass es im Vakuum Teilchen gebe, das sollte man erwähnen.

Albert Einstein hätte wohl seine Freude an der Debatte. Wer seine Arbeit Laien nicht erklären könne, hatte das Physikgenie gesagt, der habe sie vermutlich gar nicht verstanden. Klug wäre, wer Kompliziertes einfach sage. Deutlicher wurde Chemie-Nobelpreisträger Irving Langmuir, ein Zeitgenosse Einsteins: Wer sich nicht wenigstens einem 40-Jährigen verständlich machen könne, sei ein Scharlatan.

Seriosität mit Langeweile verwechselt

Es gehe um mehr als um Unterhaltung, betont Klaus Tschira, der Gründer des Nawik. Mit seiner Stiftung hat sich der 72 Jahre alte Mitgründer des Weltkonzerns SAP der Förderung von Wissenschaftskommunikation verschrieben. Unternehmen und Universitäten, die sich nicht erklären könnten, drohten Unterstützung und Kunden zu entgehen. "Wer hingegen die richtige Sprache findet, wird wirtschaftlich profitieren." Kein Wunder also, dass das Nawik besonders viele Anfragen aus der Industrie erhalte.

Auch Kommunikationsforscher aus den USA hätten sich bereits im Nawik umgesehen, erzählt Nawik-Leiter Carsten Könneker. Die Schule würde selbst im Mutterland der allgemeinverständlichen Wissenschaft, dem "Public Understanding of Science", als Vorbild dienen. Tschira also wäre es zu verdanken, wenn ausgerechnet Deutschland zum Pionier für verständliche Kommunikation würde. Das Land, in dem Verworrenheit als Zeichen von Klugheit gilt. Wo Seriosität gerne mit Langeweile verwechselt wird.

Welch geringen Stellenwert die Klarheit der Sprache hierzulande selbst unter Journalisten genießt, zeigt sich zum Beispiel, wenn sie ihre eigenen Artikel beurteilen. Mediendoktor.de etwa bewertet die Qualität von Artikeln über Medizin. Verständlichkeit macht nur einen winzigen Bruchteil der Note aus; Unterhaltsamkeit oder die Schönheit der Sprache fließen überhaupt nicht ein.

Seid ihr genauso begeistert wie ich?

Eine Hauptregel am Nawik lautet: "Vorwissen und das Interesse anderer am eigenen Thema werden meist überschätzt." Experten sollten sich zunächst das Ziel ihrer Botschaft klarmachen und sich dann fragen, welche Aspekte ihres Themas Anschluss zur Allgemeinheit herstellen könnten, rät Dozent Axel Wagner: Ein Ameisenforscher etwa sollte eingangs nicht über sein Spezialthema, etwa den Hormonhaushalt der Tierchen sprechen, sondern über allseits bekannte Eigenschaften: Ameisen als Ungeziefer zum Beispiel, das Phänomen kenne jeder.

Die Teilnehmer des Heidelberger Nawik-Seminars achten nach fünf Stunden bereits drauf, anschauliche Sprachbilder zu verwenden. Astrophysiker Klaus liest die Kurzerklärung seiner Forschung vor: "Meine Aufgabe war die Suche nach vorhergesagten Bausteinen der Materie. Dafür habe ich Computerprogramme entwickelt, um die Bruchstücke aus Teilchenkollisionen wieder zusammenzufügen. Damit konnten wir bestimmte Theorien zum Aufbau des Universums ausschließen." Fragender Blick an die anderen Teilnehmer - seid ihr jetzt so begeistert wie ich?

Seminarleiterin Lugger drängt auf Prägnanz: "Welche Bruchstücke sind es denn? Sollten die Bruchstücke die Bausteine sein?" "Ok, mmh" - Klaus überlegt. "Darf ich 'nen kleinen Moment ausholen?" Lautes Gelächter im Kurs. Klaus schiebt dennoch eine lange Erklärung hinterher. "Vielleicht sollte ich's also so schreiben", sagt er schließlich: "Damit konnten wir bestimmte Theorien zum Aufbau des Universums rekonstruieren"?

"Man kann es auch übertreiben!"

Jetzt platzt es aus dem Physiker heraus: Mit einfachen Worten könne man es ja auch übertreiben. "Also, es ist ja oft auch so, wenn man so kurze knackige Sätze liest, dass sich die Leute dann zu sehr bemüht haben, das zu weit zu vereinfachen", sagt Klaus. "Also ich finde, 'rekonstruieren' versteht doch jeder."

Ein paar Minuten später referiert Klaus seine korrigierte Fassung: "Neue Präzisionsrechnungen legen nahe, dass wichtige Bausteine der Materie stabiler sind als zuvor gedacht. Durch diese Berechnungen konnten Theorie und Experiment wieder in Einklang gebracht werden." Das ist recht klar formuliert, ein deutlicher Fortschritt.

"Hätte ich die Kenntnisse vorher gehabt", sagt Anna nach dem Seminar, "wären meine Artikel und Blogs besser geworden." Und bei Vorträgen, hofft sie, werde sie nun nicht mehr in abwesende Gesichter blicken, sondern in staunende.

*Die Namen der Seminarteilnehmer wurden auf deren Wunsch hin geändert.

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insgesamt 28 Beiträge
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1. studiert! na und!
CHANGE-WECHSEL 06.04.2013
Studierte sind nur gelernte, privilegierte ihres "studierten" Bereichs und Spektrums. Mehr nicht. Und als Beweis steht dieser Artikel. Denn trotz ihres Studiums, können sie sich nicht normal ausdrücken. Studieren heißt abgrenzen. Und wer Abgrenzung lernt, wird diese auch so weitergeben. Wie soll diese Person lernen, sich normal und intelligent auszudrücken!
2. Der Wurm ...
das-schwert 06.04.2013
... muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler! Das ist eine alte Kommunikationsweisheit! Entweder will ich etwas mitteilen oder nicht. Die Amerikaner waren in dieser Hinsicht schon immer vorbildlich - die Wissenschaftler in der ehemaligen DDR übrigens häufig auch.
3. Mein 20-EUR-Tipp
spon-48t-823r 06.04.2013
ist immer wieder dieses Buch: Peter Rechenberg "Technisches Schreiben". Es vermittelt in hervorragender Weise, wie man komplexe Sachverhalte verständlich in Sprache packt. "verständlich" bedeutet nämlich nicht "vereinfachend", sondern dass der zu vermittelnde Inhalt beim Empfänger ankommt. Die für das geschriebene Wort nützlichen Regeln können eins zu eins auf das gesprochene Wort übertragen werden.
4.
a_friend 06.04.2013
Zitat von sysopWenn Experten von ihrer Arbeit erzählen, ernten sie oft gelangweilte Blicke.
Wichtiger wäre noch, nicht nur technische Experten auf solche Seminare zu schicken, sondern die Mitarbeiter aus "Management", "Marketing" und "Sales". Diese zumeist BWL-/VWL-Verblödeten können idR keinen vollständigen Satz ohne Anglizismen und "Buzzwords" mehr herausbringen. Bei solchen Vorträgen spiele ich dann entweder "Bullshit Bingo" oder frage anschließend: "Können Sie das noch mal auf Deutsch wiederholen?"
5.
naeltard 06.04.2013
ist doch irgenwie traurig dass englisch als Fremd- oder Teilweise Fachsprache für Jobs an der Uni vorrausgesetzt wird, aber die Forscher ihr eigenes Feld nicht mal in ihrer Muttersprache kommunizieren können.
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