Seniorenheime Ärzte wollen Wiederbelebung von Alten einsparen

Sollten Seniorenheim-Bewohner nach einem Herzinfarkt nicht mehr wiederbelebt werden, um Kosten zu sparen? Britische Mediziner haben diese These jetzt in einem renommierten Fachblatt vorgestellt.

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Hantiert man mit einem explosiven Argument, können nüchterne Zahlen zur Entschärfung beitragen, müssen sich Simon Conroy und seine Kollegen gedacht haben. Höchstens sechs Prozent der Bewohner von Altenheimen, das besage die Statistik, überleben eine Herz-Lungen-Wiederbelebung. Die meisten litten anschließend an Hirnschäden. In Krankenhäusern betrage die Überlebensquote immerhin 14 Prozent.

Altenheim-Bewohnerin mit Pfleger: Kann auf Wiederbelebung verzichtet werden?
DDP

Altenheim-Bewohnerin mit Pfleger: Kann auf Wiederbelebung verzichtet werden?

Deshalb müsse man ernsthaft überlegen, ob man in den Seniorenheimen überhaupt noch generell Opfer eines Herzstillstands wiederbeleben sollte - oder das dafür erforderliche Geld und Personal nicht besser anderswo einsetzt, schreiben Conroy und seine Kollegen im renommierten "British Medical Journal".

Conroy, der am Queen's Medical Centre in Nottingham lehrt, und seine Kollegen schlagen eine Doppelstrategie vor, die sich einerseits auf Pflegeeinrichtungen und andererseits auf deren Bewohner bezieht. In manchen Seniorenheimen etwa könne man darüber nachdenken, grundsätzlich keine Wiederbelebungsmaßnahmen mehr anzubieten. Denn das Personal und die entsprechende Ausbildung kosteten die Institutionen Geld, das an anderer Stelle zur Steigerung der Qualität eingesetzt werden könne.

Den potenziellen Bewohnern des Heims könne man die "Hauspolitik der Nicht-Wiederbelebung" vorher mitteilen. "Sie könnten sich dann überlegen, ob sie akzeptieren oder ablehnen", heißt es in dem Artikel. Wie man sich das in der Praxis vorstellen soll, erläutern die Mediziner freilich nicht - etwa die möglichen juristischen Folgen, sollte eine Pflegekraft in einem Seniorenheim einem sterbenden Bewohner die Hilfe verweigern.

In manchen Einrichtungen wie etwa städtischen Krankenhäusern könne man natürlich nicht grundsätzlich Wiederbelebungsmaßnahmen ausschließen, räumen auch Conroy und seine Kollegen ein. Deshalb sollten Mediziner vor der Lebensrettung die Erfolgschancen abschätzen, auch wenn es dabei, wie die Autoren einräumen, an Präzision mangeln könnte.

Komme man aber zu dem Schluss, dass die Erfolgschancen niedrig seien - "vielleicht weniger als zwei oder fünf Prozent" - könne man "ohne weitere Diskussion" entscheiden, auf eine Wiederbelebung zu verzichten, "es sei denn, der Heimbewohner oder Patient verlangt danach". Nur wenn die Erfolgsaussichten höher seien, solle man grundsätzlich wiederbeleben. Aber dies auch nur, wenn der Patient sich nicht vorher dagegen ausgesprochen habe.

Der Tübinger Medizinethiker Urban Wiesing bringt nur wenig Verständnis für die Argumentation seiner britischen Kollegen auf. Ob ein Mensch wiederbelebt wird, könne sich nicht danach richten, in welchem Seniorenheim er wohne. "Das ist völlig inakzeptabel", sagt Wiesing im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Damit würde man die individuellen Bedürfnisse der Patienten missachten."

Eine grundsätzliche Diskussion darüber, welche Behandlungsformen angebracht sind und welche nicht, hält Wiesing für durchaus wünschenswert - auch wenn es um die Frage der Wiederbelebung geht. "Das muss man aber äußerst behutsam und einfühlsam mit den Patienten besprechen", betont der Vorsitzende der Zentralen Ethikkommission der Bundesärztekammer. "Ob jemand in einem staatlichen oder privaten Heim liegt, darf kein Kriterium sein."



Forum - Sterbehilfe - Wer entscheidet über den Tod?
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Marlin, 12.04.2005
1.
"Sollte Sterbehilfe generell verboten bleiben? Ist der Wille des Patienten immer maßgeblich?" Sterbehilfe sollte generell nicht verboten bleiben. Und der Wille des Patienten muß bindend werden. Es geht ja um niemand anderen, als den Patienten. Es betrifft nur ihn. Deshalb ist es grotesk, daß einige Ärzte selbst schriftliche Verfügungen mißachten konnten. Was im Moment gilt, ist, glaube ich völlig unzureichend dem Patienten gegenüber.
M. Michaelis 12.04.2005
2.
---Zitat von Marlin--- "Deshalb ist es grotesk, daß einige Ärzte selbst schriftliche Verfügungen mißachten konnten. Was im Moment gilt, ist, glaube ich völlig unzureichend dem Patienten gegenüber. ---Zitatende--- Leider ist das nicht so einfach. Willensäusserungen die Dritte umsetzten müssen bedürfen bestimmter Gültigkeitskriterien bevor sie ausgeführt werden, vor allem dann wenn es um Leben oder Tod geht. Es gibt auf sauberen rechtssystematischen Grundlagen durchaus einige Konstellationen in denen Patentenverfügungen ungültig sind. Das Wachkoma ist haufig eine solche Sitation da die Betroffenen nicht im Sterben liegen sondern lediglich auf unabsehbare Zeit versorgungsabhängig sind und ihr momentaner Elementarwille nicht ermittelt werden kann.
Jörn Bünning 13.04.2005
3. Was stört mich mein Geschwätz von gestern?
Eigentlich schade, dass der Diskurs von ca 900 Beiträgen 'über Bord gekippt' wurde. (Ein Upgrade ohne Datenübernahme aus dem Altsystem könnte ich mir beruflich nicht leisten ;-). Damit sich jetzt nicht alles wiederholt, wäre es vielleicht ganz interessant, hier einmal Alternativen zur praktizierten Regelung zu diskutieren.
Cisco, 13.04.2005
4.
---Zitat von sysop--- Oder muss intensiver und ganz neu über humane Sterbehilfe nachgedacht werden? ---Zitatende--- Meines Erachtens sind es die Folgen von aktiver Sterbehilfe, die überdacht werden müssen. Ich konstruiere mal einen Fall: Ein Mensch hat eine Patientenverfügung unterschrieben, dass sein Leben nicht künstlich verlängert werden soll, wenn er z.B. einen schweren Autounfall hat und hirntot ist. Okay, der Mensch hat einen Unfall oder wie im Falle von Terri Shiavo wird sein Gehirn über mehrere Minuten nicht mit Sauerstoff versorgt und ist hirntot. Was aber, wenn er doch nicht hirntot ist und die Möglichkeit besteht, er könne irgendwann aus dem Koma wieder mit vollem Bewußtsein aufwachen? Weiter mit dem Fallbeispiel: Der Mensch liegt nun auf der Intensivstation, es gibt diese Patientenverfügung und ein Mediziner schaut sich den Menschen so an und denkt sich, dass die Nieren, Leber, Herz usw. durchaus noch bei einem anderem Menschen zu verwerten wären. Und man könne einen finanziellen Nutzen daraus ziehen. Also wird der Patient für hirntot erklärt, die Geräte werden abgeschaltet, der Körper kommt in die Pathologie zum Ausschlachten, die Organe werden gewinnbringend vermittelt. Was? So einen Fall gibt es doch gar nicht! Wird jetzt sicherlich eingewendet. Antwort: Warum nicht? Die Welt und die Menschen sind schlecht, ausschließen kann man es nie. Das Recht auf persönliche Freiheit und Individualität ist in der westlichen Welt fest verankert. Warum sollte man nicht das Recht auf die Selbstbestimmung des eigenen Todeszeit, notfalls mit aktiver Sterbehilfe, festlegen können? *ABER:* Dann müssen vom Gesetzgeben genug Prüfinstanzen eingebaut werden, um den oben beschriebenen Fall ausschließen zu können. Weil letztendlich sind es doch gerade solche Visionen, was aber keine zugegen möchte, die die Diskussion um Sterbehilfe oder nicht auf der Stelle treten lassen.
M. Michaelis 13.04.2005
5.
---Zitat von Cisco--- dass sein Leben nicht künstlich verlängert werden soll, wenn er z.B. einen schweren Autounfall hat und hirntot ist. Okay, der Mensch hat einen Unfall oder wie im Falle von Terri Shiavo wird sein Gehirn über mehrere Minuten nicht mit Sauerstoff versorgt und ist hirntot. Was aber, wenn er doch nicht hirntot ist und die Möglichkeit besteht, er könne irgendwann aus dem Koma wieder mit vollem Bewußtsein aufwachen ---Zitatende--- Entscheidend ist ob die Person irreveribel sterbend d.h. dauerhaft nicht lebensfähig ist. Der Hrintod ist lediglich hilfreich in der Feststellung ob eine dauerhafte unfähigkeit zur Willensäusserung zu erwarten ist. Handelt es sich um einen hirntoten irreveribel Sterbenden so kann eine Patentenverfügung herangezugen werden wenn es um die Beendigung der Lebensverlängerung geht. Ist die Person hingegen lebensfähig oder das sterben reversibel so muss der Momenaten Patientenwill ermittelt werden. Ist dies nicht möglich muss die Pflicht zur Lebenserhaltung gelten. Eine Patientenverfügung muss hier unwirksam sein da das Einleiten eines Sterbevorgangs bzw. das Unterlassen von Hilfeleistung nur mit dem unmittelbaren, freien und bewussten Einverständnis des Betroffenen erfolgen kann.
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