Von Cinthia Briseño
Die neuen genetischen Analysen, die Krause und seine Kollegen jetzt im Fachmagazin "Nature" veröffentlicht haben, bilden ein neues Puzzleteilchen im Bild der Evolution des Menschen. Nachdem die Wissenschaftler ihre Daten und alle anderen bisher bekannten Fakten zusammengetragen hatten, konnten sie einen neuen menschlichen Stammbaum skizzieren (siehe Grafik in der Fotostrecke). Dieser beschreibt die evolutionären Beziehungen zwischen dem frühen modernen Menschen, dem Neandertaler und dem bisher unbekannten Denisova-Homininen.
Demnach können sich die Forscher die Entdeckung einer bisher völlig unbekannten DNA-Sequenz aus Mitochondrien nur so erklären: Denisova-Homininen und die Vorfahren des modernen Menschen sowie der Neandertaler müssen ihrerseits vor etwa einer Million Jahren einen gemeinsamen Vorfahr gehabt haben. Dieser Vorfahr ist etwa doppelt so alt wie der gemeinsame Vorfahr von anatomisch modernen Menschen und Neandertaler.
Zudem, das schließen die Anthropologen aus dem Alter des Mitochondrien-Erbguts, könnte diese unbekannte Menschenform in Südsibirien parallel zu Neandertalern und modernen Menschen gelebt haben.
Nur so viel können die Forscher mit völliger Sicherheit zu diesem Zeitpunkt sagen: Erstens, sie haben es mit einem bisher völlig unbekannten Mitochondrien-Erbgut zu tun, was stark auf eine neue Homininen-Form hindeutet. Zweitens, es muss eine weitere, vierte Auswanderungswelle aus Afrika gegeben haben.
Nach der Veröffentlichung ihrer sensationellen Ergebnisse müssen sich die Max-Planck-Forscher den gleichen Fragen stellen, mit denen sie seinerzeit bombardiert wurden, als sie die erste Fassung des Neandertaler-Genoms ans Tageslicht brachten: Wie hat diese unbekannte Homininen-Form gelebt? Warum ist sie verschwunden? Hat der moderne Mensch sie verdrängt? Und hatten Neandertaler oder der moderne Mensch möglicherweise gar Sex mit dem Unbekannten aus Sibirien?
Sie nennen ihn X-Woman
Um eine mögliche Antwort zu bekommen, wird man sich gedulden müssen, bis die Leipziger Wissenschaftler das gesamte Erbgut des rätselhaften Homininen analysiert haben. Hilfreich wäre es auch, die Forscher würden weitere fossile Knochenstücke dieser Art finden, um den Körperbau des Homininen studieren zu können.
Bisher, das betonten Krause und Pääbo auf der Telefon-Pressekonferenz am Dienstag immer wieder, seien jegliche weitere Aussagen reine Spekulation. Die Forscher wagen sich noch nicht mal so weit vor, als dass sie der Welt einen neuen Namen für den Homininen präsentieren wollen. Noch können sie nicht zu hundert Prozent sagen, ob es sich tatsächlich um eine neue Spezies handelt. "Die Terminologie von menschlichen Spezies ist wirklich eine heikle Angelegenheit", sagt Pääbo.
Intern im Labor aber nennen sie den Homininen "X-Woman". "X" steht für das Unbekannte und "Woman" für die Tatsache, dass die mitochondriale-DNA von der Mutter an die Nachkommen vererbt wird. Pääbo gibt sich zurückhaltend: "Ob wir Akademiker von einer neuen Spezies sprechen und ihr einen neuen Namen geben oder nicht, ist letztlich nur eine Frage von Stolz, sonst nichts."
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