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Sensationsfund: Forscher präsentieren älteste Tonaufnahme der Welt

Es rauscht, es vibriert - und ist doch als Melodie erkennbar: US-Forscher haben eine Klangaufnahme aus dem Jahr 1860 wiederhergestellt. Das französische Kinderlied ist 20 Jahre älter als alle bisher bekannten Tonaufzeichnungen. SPIEGEL ONLINE gibt eine Hörprobe.

Er wollte um jeden Preis berühmt werden. Im Paris des 19. Jahrhunderts verdiente Edouard-Léon Scott de Martinville sein Geld als Drucker und Korrekturleser wissenschaftlicher Werke. Doch sein Herz hing an einer anderen Beschäftigung: dem Tüfteln.

Der Gipfel seiner Erfinderkarriere ist zweifelsohne das französische Patent mit der Nummer 17,897/31,470, das Scott im März 1857 anmeldete. In der dreiseitigen Patentschrift beschreibt er ein Gerät zu grafischen Aufzeichnung von Schall, den sogenannten Phonautografen. Vorbild für die Erfindung waren die Kameras von Scotts Landsmann Louis Jacques Mandé Daguerre, dem es zum ersten Mal gelungen war, optische Eindrücke auf Papier zu bannen.

Tatsächlich schaffte es Scott, das Prinzip auf Schallwellen zu übertragen: Mit einem großen Trichter fing der Tüftler die Klänge auf, eine Membran übertrug die Schwingungen dann auf eine Schweineborste, die ihrerseits Muster in eine rußgeschwärzte Walze kratzte. Das erste Bild des Schalls war aufgefangen. Ein Klang-Foto, sozusagen. Später ersetzte Scott die Rußwalze durch Papier, doch das Prinzip seiner Maschine blieb unverändert.

Klänge nach 150 Jahren doch noch hörbar gemacht

Weil Scott ein Mann des geschriebenen, nicht aber des gesprochenen Worts war - und weil er sich wohl zu sehr an Daguerre orientierte -, war sein Phonoautograf nicht dazu gedacht, den aufgezeichneten Schall auch wiederzugeben. Das erledigte erst die Erfindung eines Amerikaners: der im Jahr 1878 von Thomas Alva Edison patentierte Phonograf. Edison wurde weltberühmt, während es um Scott schnell still wurde - im wahrsten Sinne des Wortes.

Ein Forscherteam, dem unter anderem der US-Radiohistoriker David Giovannoni und Mitarbeiter der Plattenfirma Archeophone Records angehören, hat sich nun die Klangaufzeichnungen Scotts vorgenommen - und nach rund 150 Jahren doch noch abspielbar gemacht. Dazu scannten sie alte Schallbilder, die in den Archiven des Pariser Patentamts und der Französischen Akademie der Wissenschaften schlummerten.

Diese Aufgabe übernahmen Carl Haber und Earl Cornell vom Berkeley National Laboratory in Kalifornien. Nachdem die beiden Scotts Phonoautogramme gescannt hatten, spielten sie sie im Computer ab. Dafür nutzten sie ein Programm mit einer Art digitaler Grammofon-Nadel, die sie vor einigen Jahren für die Schalplattensammlung der US-Kongressbibliothek entwickelt hatten. Besonders kompliziert war dabei die Frage der Abspielgeschwindigkeit. Scott hatte die Aufzeichnungswalze per Hand gedreht, wodurch das Aufzeichnungstempo stark geschwankt hatte. Doch die Forscher in Berkeley konnten diesen Effekt in zahlreichen Einzelschritten kompensieren.

So gelang es ihnen, eine Aufzeichnung aus dem Jahr 1860 hörbar zu machen. Das Tondokument stammt damit aus einer Zeit, in der Edisons Erfindung noch fast 20 Jahre in der Zukunft lag. Zu hören ist ein verrauschter Ausschnitt aus dem französischen Kinderlied "Au Clair de la Lune".

Offiziell vorgestellt werden soll die Aufnahme am Freitag. Dann wollen Giovannoni und sein Team im kalifornischen Palo Alto die Teilnehmer einer Konferenz in Verzückung versetzen. Damit haben ausgerechnet US-Forscher dem verblichenen Tüftler Scott wieder zu Ehren verholfen. Eine späte Genugtuung für den Franzosen. Der hatte seinen amerikanischen Konkurrenten Edison mehrfach öffentlich beschuldigt, ihm den Ruhm gestohlen zu haben, auf den er so versessen war.

chs

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