Seuche in Sachsen Ein Meer toter Vögel

Die Mitglieder des Krisenstabes im Muldentalkreis haben rote Augen und fahle Gesichter. Doch die Arbeit wird härter: Inzwischen steht die Tötung des gesamten Nutzgeflügels im Sperrbezirk um den ersten infizierten Betrieb an.

Aus Grimma berichtet Eva Lodde


"Ja, was macht eigentlich das THW hier?" Gerhard Gey, Landrat im Muldentalkreis, blickt fragend in die Runde. Ein großer blauer Laster steht in der technischen Einsatzzentrale, die für die Koordinierung von Polizei und Feuerwehr vor Ort zuständig ist. Doch deren Mitarbeiter dürfen keine Auskunft geben. Dafür ist Landrat Gey oder seine Namensvetterin Margit Gey, die Pressesprecherin, zuständig. Beide scheinen aber nichts vom Technischen Hilfswerk zu wissen. Die Antwort des Landrats: "Wenn Hilfe angeboten wird, ist das gut. Dann nehmen wir das Angebot an." Es fällt ihm offensichtlich schwer, dass er auf einmal jede Frage beantworten können muss. "Durchführen" ist zurzeit sein Lieblingswort. Schließlich gibt es in seinem Landkreis derzeit viel durchzuführen.

Gerhard Gey muss sich nämlich nicht nur um die Menschen und Geflügelzüchter im Muldentalkreis kümmern, sondern sich auch mit dem angrenzenden Landkreis Torgau-Oschatz absprechen. Zu dem gehört die andere Hälfte des Sperrbezirks, der sich im Radius von drei Kilometern um den mit H5N1-infizierten Geflügelhof von Lorenz Eskildsen zieht. Die beiden Landkreise müssen jetzt zusammen organisieren, wie nach den Tieren auf dem Betrieb auch die restlichen 14.000 Hühner, Puten und Gänse im Sperrbezirk getötet werden. Das sächsische Ministerium hatte diese Vorsichtsmaßnahme verordnet. Das Risiko, dass sich die Vogelgrippe von hier aus über Nutztierbestände in ganz Deutschland ausbreitet, soll so klein wie möglich gehalten werden.

"Hochwasser oder Vogelgrippe?"

Der Landkreis Torgau-Oschatz scheint darauf wesentlich besser vorbereitet zu sein. Nicht nur, dass die Dame beim Presseamt schon wie eine Verkäuferin fragt, welcher Katastrophenstab es denn sein dürfe: "Hochwasser oder Vogelgrippe?" Auch der zuständige Amtsveterinär Gerhard Meinecke weiß sofort Antwort auf alle Fragen. Minutiös kann er die Anzahl der Betriebe und Tiere in den einzelnen Zonen aufzählen. Insgesamt gibt es drei von unterschiedlicher Größe: einen Sperrbezirk, ein Beobachtungs- und ein Kontrollgebiet.

Die Pressesprecherin des Muldentalkreises hingegen kann nicht einmal eine Schätzung der Bestände insgesamt abgeben. Es gebe keine genauen Zahlen zu den Betrieben. "Das ist uns jetzt aufgefallen", sagt sie kleinlaut, "da haben sich damals bei der Befragung nicht alle zurückgemeldet." Stattdessen setzt sie auf eine psychologische Strategie: Die "lieben Nachbarn" würden es schon melden, wenn jemand versuche, Hühner zu verstecken. Außerdem sei so etwas bei der Kontrolle der Dörfer ja auch mit bloßem Auge zu erkennen. Dabei soll selbst der Hobbyhalter mit drei Tieren erfasst werden.

Eindämmung: Mit einem Radius von drei, zehn und noch einmal drei Kilometern ziehen sich Sperrbezirk, Beobachtungsgebiet und Kontrollgebiet um den Hof zwischen Wermsdorf und Mutzschen
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Eindämmung: Mit einem Radius von drei, zehn und noch einmal drei Kilometern ziehen sich Sperrbezirk, Beobachtungsgebiet und Kontrollgebiet um den Hof zwischen Wermsdorf und Mutzschen

Bei einer Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag wird klar, wie sehr die Offiziellen sich um rasches Handeln bemühen. Aber das ist angesichts der Aufgabenfülle nicht so schnell möglich. Sie arbeiten in drei Schichten, rund um die Uhr. "Fix und fertig", sagt eine Mitarbeiterin, seien die Beamten. Rote Augen, müde, fahle Gesichter im Lagezentrum. Als alle Fragen beantwortet sind, ruft Landrat Gey noch in den Raum: "Alle Mitarbeiter vom Krisenstab bitte hier bleiben, wir tagen gleich weiter."

Sie bemühen sich redlich, der geballten Präsenz der Medien gerecht zu werden. Nun wird vor dem infizierten Geflügelhof sogar ein direkter Ansprechpartner für die Presse abbestellt. Die Polizei spendiert ein Auto, damit er nicht frieren muss. Die Bewohner der Dörfer Mutzschen und Wermsdorf sind von den Berichterstattern langsam genervt. "Na, macht's euch Spaß?", fragt eine Mitarbeiterin des Geflügelhofes Eskildsen, als zwei Fotografen versuchen, sie durch den Zaun beim Überziehen des Schutzanzugs abzulichten.

Vogeltod am Fließband

Diese Menschen machen den wohl härtesten Job, den die Krise zu bieten hat. Sie müssen mit kleinen Schaufelbaggern die mit Kohlendioxid erstickten Puten verladen und vorher noch desinfizieren. Sie müssen die Gänse mit den Füßen in die Elektroschockmaschine einhängen, der Kopf wird durch ein Wasserbad gezogen.

Die Amtsärztin Regine Krause-Döring kümmert sich aber nicht nur medizinisch um die meist jungen Helfer. Sie bietet ihnen auch das Gespräch an, wenn sie sich den Anblick des Meers toter Vögel von der Seele reden möchten. Seine Mitarbeiter seien nach drei Tagen "ziemlich fertig", sagt Geflügelzüchter Lorenz Eskildsen.

Jetzt, wo massenweise getötete Tier aus Wermsdorf abtransportiert werden, verstärkt Landrat Gey nun doch die Desinfektion. Bislang konnten Autos ohne Probleme durch den Sperrbezirk fahren, weniger als ein paar hundert Meter an den Ställen des Geflügelhofs vorbei. Jetzt sollen an den zwei Kontrollpunkten an der Landstraße vor dem Hof Sprühgeräte mit Desinfektionsmittel eingesetzt werden. Zur Sicherheit. Gerhard Gey will aber klarstellen, dass dies nicht schon früher nötig gewesen wäre: "Das ist eine zusätzliche Maßnahme, die durchaus sinnvoll ist. Aber die wirklich wichtigen haben wir längst getroffen."

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