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Seuchen: Das mysteriöse Verschwinden der Vogelgrippe

Was macht eigentlich… die Vogelgrippe? Im Frühjahr grassierte die Angst, das H5N1-Virus könne auf den Menschen überspringen und eine globale Seuche auslösen. Inzwischen ist es still geworden um den Erreger - und Experten rätseln über die Gründe.

Erinnert sich noch jemand an die Angstwelle, die im Frühjahr durch Deutschland raste? Mitte Februar wurden die ersten Vogelkadaver mit H5N1-Viren auf der Ostseeinsel Rügen gefunden. Drei Tage später trat eine bundesweite Stallpflicht in Kraft; Ende Februar starb erstmals ein Säugetier in Deutschland - eine Katze - an der Vogelgrippe. Im April folgten der erste H5N1-Funde bei Nutzgeflügel und die Keulung Tausender Hühner. Sogar von einer Gefahr für die Ausrichtung der Fußball-WM war die Rede. Deutschland, ein Sommerhorror?

Geflügelkeulung in Wermsdorf(April 2006): Wo versteckt sich der Vogelgrippe-Erreger heute?
REUTERS

Geflügelkeulung in Wermsdorf(April 2006): Wo versteckt sich der Vogelgrippe-Erreger heute?

Die Seuche hatte sich von Asien über Europa und Afrika ausgebreitet, in Alaska mussten gar Strafgefangene nach infizierten Vögeln Ausschau halten. Es schien nur eine Frage kurzer Zeit zu sein, ehe sich die Geflügelseuche über den ganzen Planeten ausbreitet, sich in Säugetieren wie etwa Schweinen mit einem menschlichen Grippevirus vermischt und dann Millionen Menschen dahinrafft - wie die Spanische Grippe, der zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts bis zu 40 Millionen zum Opfer fielen.

Inzwischen aber ist es merkwürdig still geworden um die Seuche. Zwar gibt es immer neue Meldungen über einzelne Infektionen von Menschen in Asien; die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt inzwischen 154 Todesopfer. Doch die Sorgen über eine Pandemie scheinen sich nicht zu bewahrheiten. Was ist geschehen?

Experten nennen zum Teil saisonale Gründe: In kalten Monaten ist das H5N1-Virus wesentlich aktiver als in warmen. "Viele von uns halten den Atem an und warten, was im Winter passiert", sagt Malik Peiris, Mikrobiologe an der Hong Kong University. Andere Fachleute glauben, dass ausgerechnet die mancherorts intensiv betriebene Impfung von Geflügel das Aufspüren des Erregers erschwert: Durch die Impfung ist eine geringere Menge an Viren im Umlauf. Experten argwöhnen zudem, dass die Impfungen die besonders gefährlichen Varianten des H5N1-Virus sogar gestärkt haben.

Kein Grund für Entwarnung

Das aber bedeutet nicht, dass der H5N1-Erreger nicht wieder verstärkt auftreten kann. "Es ist jetzt schwieriger zu erkennen, was in den Körpern von Tieren und Menschen mit der Grippe geschieht", sagt Angus Nicoll, der am Zentrum für Krankheitskontrolle und -prävention der EU für den Kampf gegen die Influenza verantwortlich ist.

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Experten sehen daher keinen Grund zur Entwarnung. "Wir haben weiterhin ein sichtbares Risiko vor uns", sagte Keiji Fukuda, Koordinator des globalen Influenza-Programms der WHO. Derzeit sei alles möglich: Das H5N1-Virus könne eine verheerende Pandemie auslösen oder aber weniger gefährlich für Menschen werden.

Influenzaviren mutieren ständig, so dass die genetische Veränderung allein noch kein Grund für erhöhte Besorgnis ist. Das Problem ist nur herauszufinden, welche Mutationen den Erreger für Menschen gefährlicher machen. Dass ein Pandemie-Virus entstanden ist, werden Mediziner wohl erst an einem plötzlichen Anstieg der Übertragungen von Mensch zu Mensch erkennen. Zuletzt ist das 1968 geschehen: Die Hongkong-Grippe ging um die Welt und tötete unterschiedlichen Schätzungen zufolge zwischen 750.000 und zwei Millionen Menschen.

Lückenhafte Überwachung

Im Mai wurde auf Sumatra ein Fall bekannt, bei dem sich sechs Menschen gegenseitig mit der Vogelgrippe angesteckt hatten. Die WHO war sofort mit Spezialisten vor Ort und alarmierte gar den Pharmakonzern Roche, der im Notfall große Mengen an Medikamenten nach Indonesien liefern sollte.

Glücklicherweise blieb der sogenannte Sumatra-Cluster auf eine Familie beschränkt. Obwohl eine Ansteckung von Mensch zu Mensch stattgefunden hatte - wie auch in einigen anderen Fällen - war das Virus nicht leichter übertragbar geworden. Dennoch zeigte der Fall eines der Hauptprobleme der Seuchenbekämpfer: die lückenhafte Überwachung.

Selbst in China, wo H5N1 zuerst aufgetreten ist, gilt die Kontrolle nicht als ideal. "14 Milliarden Vögel in China zu beobachten ist eine enorme Herausforderung, insbesondere wenn viele dieser Vögel in Hinterhöfen leben", sagte Henk Bekedam, ranghöchster WHO-Vertreter in China. 20 von 21 bisher bekannten H5N1-Fällen unter Chinesen stammten aus Gebieten, in denen zuvor kein H5N1-Ausbruch unter Vögeln bekannt geworden sei. "Wir müssen genauer nach den Stellen suchen, an denen sich das Virus versteckt", meint Bekedam.

Allerdings sind die Gesundheitsbehörden von der Gnade der Regierungen und der Wissenschaftler anhängig. Die Forschung steht sich mitunter auch selbst im Weg: Mediziner horten Virenstämme und halten ihre Erkenntnisse zurück, weil sie auf die Veröffentlichung eines potentiell ruhmreichen Fachartikels warten. Entwicklungsländer sind zuweilen ebenso vorsichtig mit der Freigabe von Informationen: Nicht selten fürchten sie, dass die Impfstoffe, die aus ihren Virenproben entwickelt werden, für sie selbst anschließend unerschwinglich sind.

mbe/AP

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