Seuchenangst Forscher arbeiten mit Hochdruck an Schweinegrippe-Impfstoff

Der Kampf gegen die Schweinegrippe wird zum Wettlauf gegen die Zeit: Forscher müssen das Virus so schnell wie möglich analysieren - die Entwicklung eines Impfstoffs danach wird Monate dauern. Umstritten ist, inwieweit bisherige Impfstoffe gegen den neuen Erreger schützen.

Mikrobiologisches Labor (in den USA, 2005): "Die normale Produktionszeit für einen Grippeimpfstoff liegt bei zehn bis zwölf Wochen"
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Mikrobiologisches Labor (in den USA, 2005): "Die normale Produktionszeit für einen Grippeimpfstoff liegt bei zehn bis zwölf Wochen"

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Der Rekrut fühlte sich unwohl und matt. Einen Tag später war er tot, mehrere seiner Kameraden waren krank: In einer US-Kaserne in New Jersey kam es im Februar 1976 zu einem Grippeausbruch mit 200 Betroffenen. Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta identifizierten den Erreger als "A/New Jersey/76 Hsw1N1". Das bedeutet, dass der winzige Fiesling vergleichbar war mit dem Erreger der Spanischen Grippe aus dem Jahr 1918 - und demjenigen, der die Welt seit einigen Tagen in Atem hält und inzwischen auch Europa erreicht hat.

Die US-Öffentlichkeit war aufgeschreckt: War das der Anfang der großen Grippe-Pandemie, vor der Fachleute schon länger gewarnt hatten? Eine große Impfkampagne sollte die Amerikaner vor dem Schlimmsten, einer schnellen Ausbreitung der Grippe von Mensch zu Mensch, bewahren. Präsident Gerald Ford entschied, dass jeder Einwohner gegen das H1N1-Virus geimpft werden sollte. Medienwirksam ließ er sich selbst vor laufenden Kameras eine Spritze setzen.

Doch die Massen-Immunisierung geriet zum Desaster. Zunächst wurde die Aktion durch Verzögerungen und schlechte PR behindert. Doch noch viel brisanter war, dass schon bald Probleme durch Impfreaktionen bekannt wurden. Bei mehreren Dutzend Patienten wurde das Guillain-Barré-Syndrom diagnostiziert, eine neurologische Erkrankung, bei der es zu Lähmungserscheinungen kommt und die intensivmedizinisch behandelt werden muss. Die Aktion wurde abgebrochen, als etwa ein Viertel aller Amerikaner eine Schutzinjektion erhalten hatte. Jahrelange Rechtsstreitigkeiten folgten, in denen Impfopfer um eine Rente von der Regierung kämpften.

Schützt der in Deutschland eingesetzte Impfstoff?

Diese Erfahrungen liefern wichtige Erkenntnisse für die aktuelle Diskussion. "Die Firmen wurden gedrängt, den Impfstoff zu produzieren, ohne die üblichen Zulassungsbedingungen übernehmen zu müssen", sagt Franz Allerberger von der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Und schränkt ein: "Sachlich ist nicht ganz klar, ob die beobachteten Reaktionen wirklich mit der Impfung zu tun hatten."

Doch nach dem Impf-Debakel in den USA und dem Rückzug des Mittels gibt es keinen zugelassenen Impfstoff gegen die Schweinegrippe beim Menschen, nur für Tiere existiert ein Vakzin. Die Frage ist nun, ob möglicherweise auch aktuelle Impfstoffe gegen den neu aufgetauchten Virentyp wirksam sind. Denn gegen H1N1 wird eigentlich seit Jahren geimpft. Das Problem ist aber, dass sich im neu entdeckten Virustyp zum ersten Mal die Erbinformationen von Schweine-, Menschen- und Vogelviren mischen.

Weil sich die Grippeerreger ständig verändern, bieten aktuelle Impfungen nur vor bereits bekannten Erregern wirksamen Schutz. Eine universale Impfung gegen Grippe lässt dagegen noch auf sich warten. Ob die aktuell eingesetzte Schutzimpfung vor der aktuellen Schweinegrippe schützt, sei nicht klar, erklärte das Berliner Robert-Koch-Institut. Die CDC in den USA schreiben auf ihrer Website sogar ganz direkt, man gehe nicht von einer Wirksamkeit der aktuellen Impfung gegen die neuen Form von H1N1 aus. Forscher versuchen nun zu klären, wie sich der aktuelle Grippeimpfstoff hierzulande von demjenigen unterscheidet, der in Mexiko zum Einsatz kam - und nach Stand der Dinge nicht half.

Als Alternative bliebe die Produktion eines komplett neuen Impfstoffs, aber die braucht Zeit. Wie lange, ist derzeit noch vollkommen unklar. "Die normale Produktionszeit für einen Grippeimpfstoff liegt bei zehn bis zwölf Wochen", erklärt Susanne Stöcker, Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Und selbst nach dieser Zeit müsse ein Impfstoff gegen das aktuelle Virus nicht automatisch vorliegen. Zunächst gelte es aus aufgetretenen Viren einen sogenannten Impfstamm herzustellen. Daran arbeiteten die CDC derzeit. "Es handelt sich um einen neuen Virustyp, aber auf Grundlage eines Subtyps, den wir bereits kennen", sagt Stöcker.

Jahrzehntealtes Herstellungsverfahren

Grippeimpfstoffe werden normalerweise mit Hilfe von Hühnereiern hergestellt, die mit Viren infiziert werden. Die Eier werden drei Tage lang gebrütet. In dieser Zeit vermehrt sich das Virus in der äußeren Fruchthülle um den Hühnerembryo. Später wird das virushaltige Eiklar geerntet und zu verschiedenen Impfstoffen weiterverarbeitet.

Das jahrzehntealte Herstellungsverfahren mit den Hühnereiern ist erprobt, dauert jedoch seine Zeit. Außerdem könnten im Fall einer Pandemie die nötigen Wirkstoffmengen nur schwierig hergestellt werden. In jedem Fall muss der neue Impfstoff noch zugelassen werden, was selbst im Schnellverfahren normalerweise 73 Tage dauert. Der US-Pharmakonzern Baxter will mit einer neuen, zellbasierten Technologie einen möglichen Impfstoff schneller herstellen. Ein Firmensprecher erklärte, man habe bereits bei der WHO eine Probe des aktuellen Virentyps angefordert.

Bei dem Verfahren kommen sogenannte Vero-Zellen zu Einsatz, die aus Nierenzellen von Grünen Meerkatzen gewonnen werden. Die Zellen werden in großen Bioreaktoren mit Influenzaviren infiziert. Die zeitlichen Anforderungen an die Zulassung bleiben aber in jedem Fall. Wie wichtig die Kontrolle des Impfstoffs ist, wurde 1976 bei der Massenimpfung in den USA deutlich.

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