Seuchenhilfe in Afrika Wie Jimmy Carter einen Wurm ausrotten lässt

Friedensnobelpreisträger Jimmy Carter führt einen einzigartigen Krieg gegen einen Parasiten. Der Guineawurm befällt Menschen und kann zu schwerem Siechtum und Tod führen - im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der ehemalige US-Präsident über sein Lebensprojekt: die Ausrottung der Plage.

AP

Ex-US-Präsident Jimmy Carter steht kurz davor, eine furchtbare Krankheit in Afrika ausrotten zu lassen - den Guineawurm, einen weißlichen Parasiten. Er kann mehr als einen Meter lang werden, befällt Menschen, kriecht zwischen Muskeln und Knochen durch. Übertragen wird er durch verschmutztes Wasser.

Millionen Menschen in Asien befiel der Wurm jährlich - das Entwicklungshilfeprojekt von Carter macht nun Hoffnung, die Seuche zu besiegen. Es wäre nach den Pocken die zweite Krankheit, die ausgerottet wird.

SPIEGEL ONLINE: Nachdem Sie das Weiße Haus verlassen hatten, gab es so viele Menschheitsprobleme, derer Sie sich hätten annehmen können. Warum haben Sie sich ausgerechnet für die Ausrottung des Guineawurms entschieden?

Carter: Das Carter Center hat einen Grundsatz: Wir machen nur das, was andere nicht machen wollen. Wir wetteifern nicht mit der Weltgesundheitsorganisation, den Vereinten Nationen oder der US-Regierung. Und niemand wollte mit dieser furchtbaren, widerwärtigen Krankheit zu tun haben. Die Krankheit ist uralt. Das Symbol für Ärzte, der Aeskulapstab, um den sich die eine Schlange windet, das ist ein Guineawurm. Die "feurigen Schlangen", die in der Bibel genannt werden, sind Guineawürmer.

SPIEGEL ONLINE: Hat der biblische Aspekt für Sie als Christ eine Rolle gespielt?

Carter: Ich kannte die Stellen in der Bibel. Aber Sie waren nicht der Hauptgrund. Wir haben uns für diese spezielle Krankheit entschieden, weil sie schlimm und grässlich war und die ärmsten Menschen auf der Erde traf.

SPIEGEL ONLINE: Warum wollte sich niemand anders den Guineawurm vornehmen?

Carter: Es gab die Krankheit nur in den entlegensten Dörfern. Es waren insgesamt 23.600, als wir anfingen. Die Ortschaften waren schwer zu erreichen, in viel zu vielen Ländern. Und es gibt weder Impfstoff noch Medikamente, mit denen man die Krankheit behandeln kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Zeit haben Sie persönlich in die Ausrottungskampagne investiert?

Carter: Eine Menge. Ich habe jedes Land mit Guineawurm besucht, 20 Länder alles in allem. Ich habe viel Zeit damit verbracht, Spenden zu sammeln. Aber als ehemaliger Präsident hören mir die Leute zu, wenn ich über vergessene Krankheiten rede. Nachdem wir acht Jahre daran gearbeitet haben, hat die Weltgesundheitsorganisation unser Ziel der Ausrottung übernommen.

SPIEGEL ONLINE: Was würde es für Sie persönlich bedeuten, wenn das Carter Center den Wurm wirklich auslöschen könnte?

Carter: Es wäre eine enorme Befriedigung. Wir haben 20 Jahre daran gearbeitet. Wir nähern uns dem Ende. Wir würden ein paar Tage feiern. Danach fangen wir mit einer neuen Krankheit an. Masern vielleicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie nah sind Sie Ihrem Ziel?

Carter: Wir haben nur noch 1700 Fälle weltweit. 98 Prozent davon sind im Sudan aufgetreten. Wir wissen, wo jeder einzelne ist. Aber gerade die letzten wenigen Fälle sind besonders schwierig. Wenn sie das nicht wären, wäre die Krankheit schon vor 15 Jahren ausgerottet gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind im Februar in den Sudan gereist. Welche Eindrücke haben Sie mit nach Hause gebracht?

Carter: Das Carter Center versucht, dem Sudan auch Frieden zu bringen. Aber im Südsudan gibt es immer noch viel Gewalt. Manche unserer Angestellten und Freiwilligen werden eingeschüchtert. Ihre Jeeps oder Fahrräder werden gestohlen. Die Gewalt und die Androhung von Gewalt sind bedeutende Hindernisse, die wir überwinden müssen.

SPIEGEL ONLINE: Was kann die Weltgemeinschaft vom Kampf gegen den Guineawurm lernen?

Carter: Menschen leiden seit 10.000 Jahren an dieser entsetzlichen Krankheit, und nie haben sie gewusst, woher sie kommt und was sie dagegen tun können. Aber mit ein bisschen Anleitung und einem einfachen Stück Filterstoff können sie den Wurm für immer aus ihrem Leben verbannen. Für viele dieser armen Leute ist es das erste Mal, dass sie Erfolg haben. Sie sehen, dass sie Ausländern wie den Leuten des Carter Centers vertrauen können. In der Vergangenheit haben Ausländer ihnen viel versprochen, aber diesmal waren es die Menschen selbst, die etwas erreicht haben, weil sie den Filter benutzt haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel würde den Sudanesen der Sieg über den Guineawurm bedeuten?

Carter: Es gäbe ihnen Stolz auf das, was sie erreicht haben. Selbstachtung. Vertrauen, dass die Zukunft besser wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst waren nach Ihrer Zeit im Weißen Haus unsicher, was Sie mit ihrem Leben anstellen würden.

Carter: Ja. Ich war gerne Präsident, aber der Kampf gegen den Guineawurm hat mir danach noch eine ganz neue Laufbahn eröffnet. Sie fordert mich heraus, ist unvorhersehbar, abenteuerlich und sehr erfüllend.

Das Interview führte Cordula Meyer

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Seite 1
diskus1723 17.12.2010
1. Grossartig
Grossartige Leistung, wenn es nur mehr solche Menschen wie J. Carter und sein Team gäbe.
elbröwer 17.12.2010
2. Wurm weg und dann
Es ist ein soziales Problem. Gesellschaftlicher Rückschritt hat immer im Gefolge bittere Armut und Gesundheitsprobleme. Schon ausgerottete Krankheiten wie die Pest treten wieder auf z.B. in den USA.
horst9876 17.12.2010
3. Augenwischerei
Schon blöd irgendwie, dass der Wurm nicht nur den Menschen sondern auch Hunde, Affen und andere Tiere befällt. Von Ausrottung kann keine Rede sein, wenn die Würmer auch andere Wirtstiere haben.
eikfier 17.12.2010
4. ...positiv und viel Pech
Zitat von diskus1723Grossartige Leistung, wenn es nur mehr solche Menschen wie J. Carter und sein Team gäbe.
...das sahen die Weizenfarmer der USA anders, die Carter nicht wiederwählten wegen seiner Weigerung, der Sowjetunion die üblichen Millionen Tonnen Weizen weiterhin zu verkaufen, an einen Staat, der die Menschenrechte nicht einheilt! Sonst stimme ich Ihnen aber gerne zu, Carter ist schon einer der bemerkenswert positivne Politiker, hatte auch viel Pech ( Befreiungsversuch der US-Geiseln seinerzeit!) und wurde von unserem heute hier fast heiliggesprochenem Helmut Schmidt stets verspottet oder von oben herab behandelt...
suum.cuique 17.12.2010
5. Peanut-Farmer
Zitat von eikfier...das sahen die Weizenfarmer der USA anders, die Carter nicht wiederwählten wegen seiner Weigerung, der Sowjetunion die üblichen Millionen Tonnen Weizen weiterhin zu verkaufen, an einen Staat, der die Menschenrechte nicht einheilt! Sonst stimme ich Ihnen aber gerne zu, Carter ist schon einer der bemerkenswert positivne Politiker, hatte auch viel Pech ( Befreiungsversuch der US-Geiseln seinerzeit!) und wurde von unserem heute hier fast heiliggesprochenem Helmut Schmidt stets verspottet oder von oben herab behandelt...
Schon beachtlich, dass ein dt. Kanzler mal einen amerikanischen Praesidenten von oben herab behandeln konnte. Davon sollten sich mal andere eine Scheibe abschneiden.
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