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Sex, Drogen, Alkohol: Wie groß die "Generation Zügellos" wirklich ist

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"Spring Break" in Acapulco (2008): "Hier sind Dinge aus dem Ruder gelaufen" Zur Großansicht
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"Spring Break" in Acapulco (2008): "Hier sind Dinge aus dem Ruder gelaufen"

Sie trinken, rauchen und werfen sich Pillen ein, damit es schneller ins Bett geht und der Sex intensiver wird. Eine neue Studie zeichnet ein finster-verruchtes Bild der europäischen Jugend. Doch Forscher warnen vor schnellen Verallgemeinerungen.

London - Kulturpessimisten werden sich bestätigt sehen. Denn was ein europäisches Forscherteam um Mark Bellis von der John-Moores-Universität im britischen Liverpool über die Gewohnheiten junger Nachtschwärmer herausgefunden hat, klingt dramatisch. Die Wissenschaftler zeichnen das Bild einer "Generation Zügellos": Viele Jugendliche konsumieren demnach gezielt Alkohol und härtere Drogen, um Sexualkontakte zu vereinfachen - und später gezielt ihre Empfindungen beim Liebesakt zu beeinflussen.

So trinke sich ein Drittel aller männlichen Probanden und ein Viertel der jungen Frauen auf Betriebstemperatur, um die Suche nach einer Bettgefährtin oder einem Bettgefährten unkomplizierter zu machen. Drei Viertel der Befragten hätten schon einmal Cannabis probiert, fast ein Drittel Ecstasy oder Kokain.

Drogen dieser Art würden vor allem eingesetzt, um im Bett leistungsfähiger und empfindsamer zu sein. So nutze ein Viertel aller Kokainkonsumenten das Pulver mit der Hoffnung, beim Sex länger durchzuhalten.

Von "Drogenkonsum als Freizeitbeschäftigung" und vom "Komasaufen als normale Beschäftigung im europäischen Nachtleben" spricht Forscher Bellis. Millionen junger Europäer würden Drogen nehmen und so viel trinken, dass ihre sexuellen Entscheidungen stark beeinflusst würden - und sie Dinge täten, die sie später bereuten. "Ungeachtet dieser negativen Konsequenzen haben wir herausgefunden, dass viele Menschen gefährliche Substanzen gezielt konsumierten, um bestimmte sexuelle Effekte zu erzeugen."

Aussagen, die ins Bild zu passen scheinen - und zwar ins Bild vom Rausch als Massenphänomen: Anfang dieser Woche hatte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD), bei der Vorstellung ihres Jahresberichts zum Beispiel beklagt, dass die konsumierten Alkoholmengen vor allem bei Jugendlichen stark steigen. So habe ein 12- bis 17-Jähriger im vergangenen Jahr statistisch gesehen 50 Gramm Alkohol pro Woche zu sich genommen. Noch 2005 lag dieser Wert bei 34 Gramm.

Komasaufen liegt offenbar im Trend, ist das Fazit des Drogenberichts. Jeder vierte Jugendliche trinkt den Statistikern zufolge einmal im Monat fünf Gläser Alkohol oder mehr - und zwar quer durch alle sozialen Schichten.

Die aktuelle Studie scheint die Zügellosigkeit zu bestätigen. Wenn man sich die Methodik der Forscher ansieht, verlieren die Ergebnisse allerdings etwas an Dramatik: Die Wissenschaftler hatten insgesamt 1341 Jugendliche zwischen 16 und 35 befragt, und zwar in folgenden Städten:

  • Wien (Österreich)
  • Brno (Tschechische Republik)
  • Athen (Griechenland)
  • Venedig (Italien)
  • Lissabon (Portugal)
  • Ljubljana (Slowenien)
  • Palma (Spanien)
  • Liverpool (Großbritannien)

Dabei sprachen die Forscher allerdings nicht direkt mit den Jugendlichen, sondern ließen Fragebögen unter Besuchern von Discos und Clubs zirkulieren. Das Ganze funktionierte nach einer Art Schneeballsystem. In jedem Land wurden je zwei junge Männer und Frauen angesprochen. Diese sollten einen Fragebogen ausfüllen und drei weitere Freunde und Bekannte für die Studie anwerben und so weiter. Dadurch rekrutierten sich die Befragten aus einer sehr engen Gruppe.

"Hier sind Dinge aus dem Ruder gelaufen"

Jugendforscher Klaus Hurrelmann von der Universität Bielefeld hat trotzdem keine Zweifel daran, dass diese vergleichsweise kleine Gruppe von Menschen seit einiger Zeit wächst. "Hier sind Dinge aus dem Ruder gelaufen, herrschen Zügellosigkeit und Verwahrlosung", sagt er SPIEGEL ONLINE. Nach seinen Erkenntnissen gehörten zwei bis drei Prozent der Jugendlichen in diese Kategorie. Sie seien auch für den statistisch zu beobachtenden Anstieg des Alkoholkonsums verantwortlich.

Und genau deswegen dürfe man die Ergebnisse auch nicht verallgemeinern, sagt Hurrelmann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Das sind Fallstudien, mit Repräsentativität hat das nichts zu tun." Das Vorgehen der Forscher sei vollkommen in Ordnung. Man müsse sich aber klarmachen, dass vor allem Menschen im Blickpunkt gestanden hätten, die nicht in festen Beziehungen stünden und nach sozialen Kontakten suchten.

Mit Sicherheit gebe es eine Gruppe, die wie in der Studie beschrieben hoch risikoreich lebe, in einer Welt von Alkohol, unverbindlichem Sex und Drogen - "doch wie groß diese Gruppe ist, lässt sich aus der Studie nicht im geringsten ablesen".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 81 Beiträge
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1. Hey ... ganz locker durch die Hose ausatmen
Bembel137 09.05.2008
Ian Dury hat schon 1977 festgehalten: "Sex and Drugs and Rock'n Roll is all mein brain and body needs" ... also was soll die Aufregung? Das ist nix Neues! Alles schon dagewesen - und die Generation, die sich 1968 das Hirn mit Hasch weggeblasen hat, stellte vor ein paar Jahren die Regierung. Also mal keine unnoetige Aufregung!
2. Genau!
Gaara 09.05.2008
Zitat von Bembel137Ian Dury hat schon 1977 festgehalten: "Sex and Drugs and Rock'n Roll is all mein brain and body needs" ... also was soll die Aufregung? Das ist nix Neues! Alles schon dagewesen - und die Generation, die sich 1968 das Hirn mit Hasch weggeblasen hat, stellte vor ein paar Jahren die Regierung. Also mal keine unnoetige Aufregung!
Seh ich genauso =)
3. ...
Newspeak, 09.05.2008
Die vorgestellte Studie zeigt doch nur einmal erneut das vollständige Versagen des Staates in der Drogenpolitik. Dieser Staat hat doch gar kein ernstzunehmendes Interesse an einer Drogenpolitik, in der die Gesundheit der Konsumenten an erster Stelle stehen. Stattdessen verdient er an den Massendrogen Alkohol und Nikotin erheblich mit (natürlich nur, um die Folgeschäden für die Solidargemeinschaft tragen zu können) und andere Drogen werden verboten, obwohl die objektiven Risiken geringer und ein potentieller Nutzen unter beaufsichtigter Einnahme erwiesen sind oder möglich erscheinen (z.B. Cannabis in der Schmerztherapie, LSD in der psychiatrischen Forschung). In WIrklichkeit hat der Staat nur ein Problem damit, wenn seine Bürger zu mündig werden...es soll ja schon vorgekommen sein, daß jemand, der unter LSD Konsum zum ersten Mal gezwungen wird, seine ihn umgebende Wirklichkeit in Frage zu stellen, noch auf ganz andere subversive Ideen kommt. Nachher stellt noch jemand den Staat und unser Gesellschaftssystem in Frage. Kann man das denn zulassen? Es ist die Angst und Profitgier des Staates, die vernünftige Drogenpolitik unmöglich macht.
4. Berlin vergessen...
Nailray, 09.05.2008
Die haben ja gar keine Leute in Berlin befragt! Schwerer Fehler! Da wären die werte nochmal schön nach oben geschnellt... :)) Außerdem: Wir haben Überbevölkerung auf der Welt, der Arbeitsmarkt hat so seine Problemchen und die Politiker haben einen Diätenknall...warum sollen sich nicht ein paar Leute ins Koma saufen und den Kopf wegknallen? Gibt es nicht andere Dinge über die wir uns den Kopf zerbrechen können, als 3% der europäischen Jugend, die ein bißchen Spass haben?
5. Naja
royalb 09.05.2008
Zitat von Bembel137Ian Dury hat schon 1977 festgehalten: "Sex and Drugs and Rock'n Roll is all mein brain and body needs" ... also was soll die Aufregung? Das ist nix Neues! Alles schon dagewesen - und die Generation, die sich 1968 das Hirn mit Hasch weggeblasen hat, stellte vor ein paar Jahren die Regierung. Also mal keine unnoetige Aufregung!
Passt! Nur dass heutzutage zu dem Hasch noch "Komasaufen", Kokain und bunte Pillen kommen. Ich rede aus Erfahrung, nicht was die Drogen angeht, aber wenn es um meine Beobachtungen geht.
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