Sexuelle Vergehen Wo es in der Bibel drunter und drüber geht

Ist die Bibel voller sexueller Perversionen? Ein indischer Forscher behauptet, die nahezu erste Bestandsaufnahme über das pikante Thema vorgelegt zu haben. Herausgekommen ist ein skurriles Dokument.

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Anil Aggrawal wollte eigentlich ein Buch über Paraphilien schreiben, landläufig auch als sexuelle Perversionen bekannt. Zu denen zählt bekanntlich alles, was empirisch nicht zur sogenannten Norm gehört - und in dieser Hinsicht gibt es kaum etwas, das es nicht gibt. Die einen lieben es, sich zu zeigen (Exhibitionismus), andere haben Tiere gern (Sodomie), die nächsten mögen Objekte (Fetischismus). Geben soll es auch jene, die Erregung bei öffentlichen Reden verspüren (das heißt dann Homilophilie), beim Tanzen (Choreophilie) oder gar beim Haarewaschen (Tripsolagnie).

Katholische Gläubige mit Bibel: Buntes Treiben in der heiligen Schrift
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Katholische Gläubige mit Bibel: Buntes Treiben in der heiligen Schrift

Aggrawal, Forensik-Professor am Maulana Azad Medical College in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi, suchte nach den Wurzeln der Paraphilien und fahndete nach möglichst frühen Referenzen. Als eines der ältesten Schriftdokumente überhaupt drängte sich die Bibel als Quelle geradezu auf. Doch Aggrawal, so schreibt er, habe trotz langwieriger Suche nur eine einzige Forschungsarbeit über Paraphilien in der Bibel entdeckt: einen 1973 veröffentlichten Aufsatz in französischer Sprache. Also habe er sich die heilige Schrift selbst geschnappt und nach Hinweisen auf außergewöhnliche Praktiken durchsucht.

Was hätte man aus diesem Thema nicht alles machen können. Ein Sittengemälde der alttestamentlichen Sexualmoral im Nahen Osten vielleicht. Oder zumindest eine quantitative Bestandsaufnahme: Wie oft wird welche abnorme sexuelle Praktik in welchem Zusammenhang genannt? Was sagt das über die damaligen Gebräuche und das heutige Tun frommer Sittenwächter aus? Die erzählen ihren Zeitgenossen bekanntlich gern, dass Homosexualität und Ehebruch Werke des Teufels seien, und vergessen dabei, was sonst noch so zum Thema in der Bibel steht.

Funde von Voyeurismus bis Sodomie

Vieles von dem wäre heutzutage, vorsichtig ausgedrückt, problematisch. Leider kratzt Aggrawal in seinem Beitrag, der jetzt im "Journal of Forensic and Legal Medicine" des renommierten Elsevier-Verlags erschienen ist, bestenfalls an der Oberfläche - obwohl sich seine Fundliste von sexuellen Störungen und Vergehen zunächst beeindruckend liest. Ehebruch, Inzest, sexuelle Belästigung, Vergewaltigung (auch durch Gruppen), Transvestitismus, Voyeurismus, sexuelle Nötigung mittels Drogen, Sodomie, Exhibitionismus, Sadismus und Nekrophilie kommen in der Bibel vor, schreibt der Forscher.

Nur sind die Beispiele in dem sechs Seiten kurzen Beitrag, den Elsevier vollmundig als "ersten jemals veröffentlichten englischsprachigen Beitrag über Paraphilie-Referenzen in der Bibel" anpreist, nicht nur klein an der Zahl. Sie sind oft auch kaum aussagekräftig und zum Teil unfreiwillig komisch.

So nennt Aggrawal als ersten Inzest-Hinweis überhaupt die Geburt von Kains Sohn Enoch. Mit wem könnte Kain, laut Bibel der erste Sohn von Adam und Eva, seinen Nachwuchs gezeugt haben? "Zu dieser Zeit gab es keine anderen Frauen außer Eva", stellt Aggrawal fest. Allenfalls eine anonyme Tochter. Voilà, Inzest! Auch der biblische Held Mose sei die Frucht einer inzestuösen Beziehung zwischen seinem Vater Amram und dessen Tante Jochebed gewesen. Erst an späterer Stelle, schreibt der indische Mediziner, verbiete die Bibel die körperliche Liebe zwischen nahen Verwandten.

Sexuelle Belästigung nach US-Recht

Ein Beispiel für sexuelle Belästigung hat Aggrawal ebenfalls parat: Als Josef im Kapitel 39 der Genesis im Haus seines Chefs Potifar weilt, rückt ihm dessen Frau auf die Pelle: "Schlafe bei mir!" Als Josef von Sex nichts wissen will, packt die Liebestolle ihn beim Gewand. Josef kann sich herauswinden, die Frau des Chefs hält am Ende nur den Fetzen in den Händen. Aggrawal zitiert nun die Vorschriften der Equal Employment Opportunity Commission der USA von 1980. Sein Urteil: Der Satz "Schlafe bei mir" sei "ein klarer Fall von sexueller Belästigung". Denn Josef habe sich eindeutig an seinem Arbeitsplatz befunden.

Zu Homosexualität, Sodomie und Transvestitismus stellt Aggrawal lediglich fest, dass die Bibel sie verbietet - obwohl gerade homosexuelle Anspielungen in der Schrift zahlreich vorhanden sind. Aggrawals wenig überraschende Schlussfolgerung: "Diese Arten sexuellen Verhaltens waren auch zu biblischen Zeiten schon verbreitet."

Nekrophilie - bei Oscar Wilde

Das gelte auch für den Voyeurismus: Als Noah im Buch Genesis betrunken und nackt schlafend von seinen Söhnen vorgefunden wird, hilft es denen wenig, dass sie versuchen, ihren Vater zu bedecken. Noah ist sauer, verflucht aber nicht seinen (schwarzen) Sohn Ham, sondern dessen Sohn Kanaan und seine Nachkommen dazu, Knechte seiner Brüder zu sein. Die Bibelstelle wurde von Christen später dazu benutzt, die Versklavung von Schwarzen zu rechtfertigen. Aggrawal schreibt dazu: "Dies war der Beginn der Unterwerfung der Neger-Rasse."

Wo sich an dieser Stelle nun Voyeurismus versteckt, verrät Aggrawal nicht. Und Nekrophilie? "Direkte Referenzen gibt es in der Bibel nicht", räumt Aggrawal ein. Ein "sehr klares Beispiel" für eine indirekte Nennung sei aber der berühmte Schleiertanz der Salomé, Stieftochter und Nichte des Herodes Antipas. Die soll den Herrscher über Galiläa mit ihrem Striptease so bezaubert haben, dass er öffentlich versprach, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Salomé forderte der Bibel zufolge den Kopf von Johannes dem Täufer auf einem Tablett.

So weit, so nekrophiliefrei. Aggrawal führt jedoch den irischen Romancier Oscar Wilde ins Feld: Der habe über die biblische Intrige ein Stück verfasst und darin "gezeigt", das Salomé eine "perverse Schwäche" für Johannes den Täufer gehegt habe. Im Finale des Stücks nimmt Salomé den Kopf des Täufers und küsst ihn. "Damit offenbart sie ihre sadistischen und nekrophilen Interessen", meint Aggrawal.

Am Ende schlussfolgert der Forensiker gar, es sei "durchaus möglich, dass unser heutiges sexuelles Verhalten - wenngleich unterbewusst - von antiken Texten beeinflusst wird". Drei Forscher namens Kinsey, Pomeroy und Martin hätten "ziemlich treffend" geschrieben, dass "antike religiöse Schriften noch immer die Hauptquellen der Verhaltensweisen, Vorstellungen, Ideale und Rationalisierungen sind, nach denen die meisten Individuen ihr Sexualleben gestalten". Der Beitrag (Titel: "Das Sexualverhalten des männlichen Menschen") stammt aus dem Jahr 1948.



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