Siamesische Zwillinge "Ich mag nichts, was sie mag"

3. Teil


Mühsamer Alltag: Die Schappells wollen selbständig leben
Lynn Johnson

Mühsamer Alltag: Die Schappells wollen selbständig leben

Sind die zwei also ein Rätsel, eine Ausnahme? Oder nichts von beidem? "Jeder Mensch braucht das Gefühl, dass er ein Individuum ist", sagt die Psychologin und Zwillingsforscherin Nancy Segal von der California State University in Fullerton. "Ich glaube, dass besonders siamesische Zwillinge versuchen, sich so weit wie möglich voneinander zu unterscheiden." Damit würden Lori und Reba deutlicher noch als "normale" Menschen den Beweis liefern, dass es so etwas gibt wie einen freien Willen, ein Fleisch gewordenes Zeichen, dass der Mensch mehr sein kann als das Produkt von Genen und Umwelt. Und die Schappells sind nicht die Einzigen, die - gleichen Einflüssen oder Genen zum Trotz - darauf bestehen, verschieden zu sein.

Von den siamesischen Schwestern Ganga und Jamuna Mondal in Indien etwa hört man, dass sie sich zwar einen Unterleib und einen Ehemann teilen. Doch bei den Stars, für die sie schwärmen, und bei dem, was sie in ihrer Freizeit am liebsten machen, endet die Übereinstimmung.

Talent für Schauspielerei und Musik

Amerikanische Medien berichten von der zwölfjährigen Britty Hensel und ihren Plänen, Pilotin zu werden, obwohl sie - neben etlichen inneren Organen - nur einen Kopf, einen Arm und ein Bein ihr eigen nennt - den Rest teilt sie sich mit ihrer Schwester Abby, die Zahnärztin werden will. Und vom wohl berühmtesten Zwillingspaar, den siamesischen Brüdern Chang und Eng Bunker, ist überliefert, dass einer Alkoholiker, der andere Abstinenzler war. Sie zogen alle drei Tage vom Haus des einen ins Heim des anderen. Boss durfte sein, wer Hausherr war, und so eisern klammerten sie sich an dieses Ritual, dass sie nicht einmal bei Notfällen und Krankheiten dagegen verstießen.

Leben in einem Körper: Bei bestimmten Bewegungen müssen sich die Zwillinge abstimmen
Lynn Johnson

Leben in einem Körper: Bei bestimmten Bewegungen müssen sich die Zwillinge abstimmen

Das Arrangement der Schappells ist etwas geschmeidiger. Sind die Zwillinge in Reading, bestimmt Lori. "Möchte ich ausgehen, gehe ich aus. Wenn nicht, bleibe ich zu Hause und mache, was ich will, es sei denn, Reba hat einen Termin." Im Gegenzug begleitet Lori ihre Schwester ohne Murren zu Konzerten. Denn seit einigen Jahren arbeitet Reba an einer Karriere als Countrysängerin. Neuerdings hat sie ihr schauspielerisches Talent entdeckt. Einen Film hat sie ebenfalls gemacht, doch der ist noch nicht reif für die Öffentlichkeit. "Ich spiele eine Tochter", sagt Reba. Und Lori: "Ich bin nicht zu sehen, ich werde ausgeblendet."

Während Reba arbeitet, vertreibt sich Lori die Zeit mit Kreuzworträtseln oder Computerspielen. Und für Rebas Auftritte kauft sie sich ein Ticket "wie jeder andere Besucher auch". Einen eigenen Reisepass hat sie bisher allerdings noch nicht beantragt, nicht einmal, als Rebas Engagements sie nach Japan und Deutschland führten. "Dabei geht es ja nicht um mich", argumentiert sie, und bei keiner Einreisekontrolle hat bisher jemand gewagt, ihr zu widersprechen. Überhaupt wollen die Schappells das Staunen der Welt über ihr unzertrennliches Leben nicht verstehen: "Bei Ehepaaren ist es doch ganz ähnlich. Jeder Tag verlangt einen neuen Kompromiss."

Vertrautheit und alter Respekt

Wenn Lori morgens duscht, hüllt sich Reba in den Duschvorhang, um nicht nass zu werden. Sie wäscht sich lieber abends. Die Schwestern haben getrennte Telefonanschlüsse, unterschiedliche Freunde. Die Gefahr, dass sie sich auseinander leben, besteht ja nicht. Aus ihren Gesten spricht innige Vertrautheit und ein früh errungener Respekt für die Schwester.

Reba zupft einen Fussel von Loris Bluse, als sei es ihre eigene; Lori glättet Rebas Pferdeschwanz mit einer so unbewussten Geste, als würde sie sich selber eine Strähne aus der Stirn streichen. Ist Lori verliebt und trifft sich mit ihrem Freund - wie zur Zeit -, klinkt sich Reba mental aus. Romanzen interessieren sie angeblich nicht. Sogar der Freund vergisst angeblich, dass die zweite Schwester stets dabei ist. Die Kunst, ihre Umwelt auszublenden, beherrscht Reba perfekt, Lori nicht. "Ich bin zu neugierig", gesteht sie, "ich lausche."

Es kommt vor, dass eine Schwester die andere anlügt. Meist geht es dabei ums Geld, und gewöhnlich ist es Lori, die flunkert. Die Zwillinge führen getrennte Konten - Reba lebt von ihren Auftritten, Lori vorwiegend von staatlichen Zuschüssen. Die reichen nicht sehr weit, zumal Lori leidenschaftlich gern einkauft; Reba, wie zu erwarten, hasst Shopping. Sicherheitshalber verschweigt Lori so manche Ausgabe vor der ungleich sparsameren Schwester. "Reba sieht ja nicht, was ich kaufe."

Der Mann in Loris Leben

Es gibt Themen, bei denen selbst Loris Plappermaul verstummt. Über die Erfahrungen der Kindheit etwa, die das Zwillingspaar in einem Heim für Behinderte und nur gelegentlich zu Hause bei den Eltern und sechs Geschwistern verbrachte, "sprechen wir nicht", sagt Lori. Das "wir" sticht umso greller hervor, weil die Zwillinge es sonst tunlichst vermeiden. Auch über den Mann in ihrem Leben mag Lori nicht reden. "Die Beziehung ist jung, und ich will sie nicht ruinieren."

Beim Abschied stehen die Schwestern vor dem Foyer ihres Hochhauses und winken. Aus der Ferne wirkt es, als lehnten sie sich Trost suchend aneinander, zwei der ungewöhnlichsten Menschen auf dem Planeten, so unterschiedlich und untrennbar wie die Seiten einer Münze. "Gottgewollt" nennen sie ihr Schicksal. Aber sollten sie je in den Himmel kommen, dann - das wissen sie genau - als getrennte Wesen. Denn im Himmel ist alles perfekt. Und dann hätten endlich auch die neugierigen Fragen ein Ende.

Von Ute Eberle / "GEO WISSEN"



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