Sicherheitsrisiko Forschung Panik-Attacken im Labor

Deutsche Forscher bekommen keine Virenproben mehr aus den USA, amerikanische Labors vernichten ganze Erreger-Bestände. Die Sorge vor dem Bioterror erschwert die wissenschaftliche Arbeit. Die größte Angst: ein Pocken-Cocktail aus einem Terror-Labor.

Von Tobias Zick


Vor einigen Laboren schiebt die US-Army bereits Wache
AFP

Vor einigen Laboren schiebt die US-Army bereits Wache

Der Anrufer hatte klare Vorstellungen: Er brauche dringend ein bisschen Erbgut von Westnil-Viren; seine Firma müsse Schweineserum aus Afrika auf medizinische Reinheit prüfen, und deshalb werde in den nächsten Tagen jemand mit einer Kühlkanne im Hamburger Tropeninstitut vorbeikommen. Herbert Schmitz, Leiter der virologischen Abteilung, bat den Mann, sich erst einmal über Bundes-Seuchengesetz und Transportvorschriften zu informieren. Dann könne er sich gern wieder melden.

Der Austausch von Mikroben galt unter Forschern zwar über Jahrzehnte als Selbstverständlichkeit, die bürokratischen Hürden hielten sich in Grenzen. Seitdem aber die Milzbrandbriefe kurz nach dem 11. September 2001 die Angst vor Bioterror entfesselt haben, ist die wissenschaftliche Arbeit nicht mehr dieselbe. Die Deutsche Post weigert sich mittlerweile sogar, Blutproben oder Rachenabstriche zu befördern; speziell geschulte Kurierfahrer lassen sich ihre Dienste ein Vielfaches kosten. "Und virologisches Material aus den USA zu bekommen, ist zur Zeit so gut wie unmöglich", sagt Schmitz.

Zum Schutz gegen die Bakterien kommt der Schutz gegen Schurken-Forscher
REUTERS

Zum Schutz gegen die Bakterien kommt der Schutz gegen Schurken-Forscher

Eine seiner Mitarbeiterinnen, die derzeit am Westnil-Virus forscht, versucht seit Wochen vergeblich, Erregerstämme von der US-Seuchenbehörde CDC geliefert zu bekommen. Alle nötigen Dokumente sind längst unterzeichnet und eingesandt - doch jenseits des Atlantiks herrscht Funkstille. Ähnliche Probleme hat auch das Robert-Koch-Institut in Berlin. "Die Amerikaner übertreiben es ein bisschen mit ihrer Terrorangst", so Schmitz. Das sehen nicht nur europäische Wissenschaftler so.

Ein Doktorand der University of Connecticut etwa musste bis zu zehn Jahre Gefängnis fürchten, weil er vergangenen Herbst arglos Probenröhrchen aus dem schmelzenden Eis einer defekten Kühltruhe gerettet und in einem anderen Gefrierschrank seines Instituts untergebracht hatte. Was ihm entgangen war: Einige der Röhrchen enthielten Gewebeproben anthrax-infizierter Tiere. Einem Verfahren wegen "unrechtmäßigen Besitzes eines gefährlichen Erregers" entging der 26-Jährige nur, weil er sich mehrere Wochen lang für gemeinnützige Arbeit zur Verfügung stellte.

Einige US-Universitäten haben in vorauseilendem Gehorsam begonnen, Krankheitserreger aus Laborbeständen zu vernichten. Verglichen mit den Sicherheitsstandards, wie sie nicht allzu lang vor dem historischen Wendepunkt "Nine Eleven" auch in US-Labors herrschten, wirken einige der neuen Maßnahmen wie eine Panik-Attacke auf die wissenschaftliche Freiheit.

Früher kamen die gefährlichen Erreger per Post

Noch Mitte der neunziger Jahre lieferten Mikroben-Archive wie die American Type Culture Collection waffentaugliche Erreger in alle Welt, es genügte der Briefkopf eines Forschungslabors. Der Irak bezog einst Milzbrand- und Botulismus-Erreger von dort.

Selbst in Fort Detrick, der Forschungshochburg der US-Armee in Sachen Biowaffen, war Schlamperei offenbar der Normalfall. Die "New York Times" zitiert Dokumente, die belegen, dass im Jahr 1992 bei einer Inventur 62 Erreger-Proben fehlten; darunter nicht nur der Kampfstoff-Klassiker Anthrax, sondern auch höchst ansteckende Ebola- und Hantaviren. Erst zehn Jahre später, im Jahr 2002 also, gab das Institut bekannt, man sei der Sache kürzlich nachgegangen. Bis auf eine einzige, vermutlich harmlose Probe seien alle wieder aufgetaucht.

Zum Schutz vor Viren-Diebstahl müssen amerikanische Labore nun bis Februar 2003 Videokameras und elektronische Zugangssperren installieren. Auch in Europa wird aufgerüstet: Im Paul-Ehrlich-Institut in Langen etwa muss jeder Mitarbeiter seit einiger Zeit eine Magnetkarte am Körper tragen. Rings um ein französisches Hochsicherheitslabor patrouillieren neuerdings Hundestaffeln.

Besonderes Augenmerk gilt derzeit dem Erreger der Pocken. Ein Angriff mit dem Variola-Virus wird als schlimmstes bioterroristisches Szenario gehandelt. Die Seuche gilt seit dem Jahr 1980 offiziell als ausgerottet, heute existieren tiefgekühlte Proben des Erregers offiziell nur noch in zwei Laboren in den USA und in Russland.

Doch es regen sich immer mehr Zweifel, ob damals wirklich, wie von der WHO angeordnet, alle anderen Bestände weltweit vernichtet worden sind. Anthony Fauci etwa, Leiter des Nationalen Instituts für Allergien und ansteckende Krankheiten in den USA, hält die Annahme für "reinen Unsinn." In einem Bericht der CIA wird plötzlich sogar Frankreich als möglicher Pocken-Besitzer genannt.

Früher konnte Herbert Schmitz mit Kollegen einfach Proben austauschen
DPA

Früher konnte Herbert Schmitz mit Kollegen einfach Proben austauschen

Herbert Schmitz, damals frischgebackener Leiter der Virologie am Tropeninstitut, erinnert sich, wie er zu jener Zeit die hauseigenen Variola-Vorräte eigenhändig autoklavierte; ein Verfahren, bei dem die Erreger durch Hitze unschädlich gemacht werden. "Die WHO hat dann länderweise abgefragt, ob alle Pocken-Stämme vernichtet wurden. Kontrollen vor Ort gab es nicht, "an Bioterroristen dachte man damals gar nicht."

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