Siedlungsgeschichte Europas Vorfahren stammen aus dem Nahen Osten

Das Erbgut aus Knochen enthüllt die Siedlungsgeschichte Europas: Seit etwa 37.000 Jahren lebten Vorfahren heutiger Europäer auf dem Kontinent. Vor 14.000 Jahren mischten sie sich mit Einwanderern.

31.000 Jahre alte Schädel aus Tschechien
Martin Frouz/ Ji¿í Svoboda/ Nature

31.000 Jahre alte Schädel aus Tschechien


Aus der Erbgut-Analyse von Knochen von 51 Eurasiern hat ein internationales Forscherteam die bislang früheste Besiedlungsgeschichte Europas erstellt. Demnach hinterließen die ersten modernen Menschen, die den Kontinent vor etwa 45.000 Jahren erreichten, kaum Spuren im Erbgut heutiger Europäer.

Die folgende, eigentliche Gründerpopulation des Homo sapiens, von der sich die heutige Bevölkerung teilweise ableitet, lebte demnach vor etwa 37.000 bis vor etwa 14.000 Jahren relativ unverändert auf dem Kontinent.

In dieser Zeit sank der Anteil des Neandertaler-Erbguts im Genom des Homo sapiens deutlich. Das berichtet das Team von der Harvard Medical School in Boston sowie den Max-Planck-Instituten für Menschheitsgeschichte und evolutionäre Anthropologie im Magazin "Nature".

19.000 Jahre alter Kiefer aus Nordspanien
Lawrence G. Straus/ Nature

19.000 Jahre alter Kiefer aus Nordspanien

Nach dem Verlassen Afrikas erreichte der Homo sapiens Europa erst relativ spät - vor etwa 45.000 Jahren. Zu jener Zeit lebten auf dem Kontinent die Neandertaler, die in den folgenden Jahrtausenden aus bislang ungeklärten Gründen ausstarben.

Um die Entwicklung des modernen Menschen in Europa nachzuvollziehen, analysierte das Team, das aus Dutzenden Forschern besteht, das Erbgut von 51 Menschen die vor 45.000 bis vor 7000 Jahren zwischen Sibirien und dem heutigen Spanien lebten.

Die frühe Siedlungsgeschichte Europas unterteilen die Forscher in drei Phasen:

  • Die ersten Einwanderer hinterließen demnach keine ausgeprägten Spuren im Genom der heutigen Europäer. Allerdings stützt sich diese Annahme nur auf zwei Individuen, die in Sibirien (Fundort Ust-Ischim) und Rumänien (Oase1) gefunden wurden.
  • Die Menschen der folgenden Phase von vor 37.000 bis vor etwa 14.000 Jahren sind dagegen bereits Ahnen heutiger Europäer. Ihre Zusammensetzung blieb über die gut 20.000 Jahre anscheinend recht stabil. Das ist überraschend, da Europa in den folgenden Jahrtausenden Ziel etlicher massiver Wanderungswellen war. Funde aus Spanien bestätigen, dass sich diese Gründerpopulation auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit, also vor etwa 25.000 bis 19.000 Jahren, nach Südwesteuropa zurückzog und den Kontinent dann nach dem Rückzug der Eismassen wieder besiedelte.
  • Erst vor etwa 14.000 Jahren tauchten dann gänzlich neue Gruppen auf, die mit den heutigen Bewohnern des Nahen Ostens verwandt sind. "Bisher gingen wir davon aus, dass mit der Einführung der Landwirtschaft vor circa 8500 Jahren, als Bauern aus dem Nahen Osten nach Mitteleuropa einwanderten und die Jäger und Sammler verdrängten, eine genetische Durchmischung erfolgte", sagt Cosimo Posth vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. "Aber unsere Daten deuten auf eine weitere, 6000 Jahre frühere Einwanderung hin."
14.000 Jahre alter Schädel aus Norditalien
Matteo Romandini / Univ. of Ferrara & Italian Ministry of Culture

14.000 Jahre alter Schädel aus Norditalien

Die Studie zeigt außerdem, dass im Genom des Homo sapiens der Anteil des Neandertaler-Erbguts nach deren Aussterben deutlich schwand. Im Genom der heutigen Nichtafrikaner liegt der Anteil bei etwa zwei Prozent, bei den frühen Europäern dagegen bei etwa drei bis sechs Prozent. "Über einen Zeitraum von 30.000 Jahren ist der Anteil der Neandertaler-DNA im Genom der modernen Menschen kontinuierlich zurückgegangen", sagt Svante Pääbo, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Eine Vermischung mit Menschengruppen ohne Neandertaler-DNA - also Zuwanderern aus Afrika - lasse sich nicht nachweisen. "Dies lässt darauf schließen, dass der Rückgang aufgrund natürlicher Selektion erfolgte. Es scheint, dass viele genetische Varianten, die in den Neandertalern vorkamen, für den prähistorischen modernen Menschen nachteilig waren."

Von Walter Willems, dpa/boj



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
knok 02.05.2016
1. Heißt mit anderen Worten
wir alle sind Nachfahren von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten. Hoffentlich hören es die Richtigen
silverhair 02.05.2016
2. Woher wir kommen
Zitat von knokwir alle sind Nachfahren von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten. Hoffentlich hören es die Richtigen
Sicherlich .. Die Entstehung des Menschen ist eindeutig in Afrika lokaliert, der zog an der Ostseite hoch, über den Süden der Arabischen Halbinsel nach oben, und von dort aus in die verschiedenen Himmelsrichtung in verschiedenen Auswanderungswellen! Interessant dabei: http://www.zdf.de/terra-x/deutschland-saga-ueber-deutsche-tradition-und-mentalitaet-mit-christopher-clark-35895900.html "Woher wir kommen!" Ist lohnenswert und zieht einigen in Deutschland dann doch mal die geifernden Zähne!
lupo44 02.05.2016
3. Wer will hier wem was beweisen.....
das ist einfach nicht den Tatsachen entsprechend was hier behauptet wird.Wir befinden uns hier auf den Spuren eines gewissen Herrn Sarazin. Dafür wurde er in Deutschland fast geächtet. Nichts anderese hat er damals behauptet um da ganz einfach Unterschiede her zu stellen. Ein sehr gefährlicher Weg.
geotie 02.05.2016
4. yoooh
Zitat von knokwir alle sind Nachfahren von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten. Hoffentlich hören es die Richtigen
Ob's hilft? Da gibt es Leute (unter anderem George W. Bush) die die normale Entwicklung abstreiten und lieber der Meinung sind, die Menschheit sei aus der Rippe von irgendwas geschnitten worden. Dann gibt es Leute, die können ohne Skrupel andere Menschen verurteilen, weil die schwarz, gelb, rot sind oder nicht den richtigen Stammbaum vorweisen können. Also, für etwas, was man vor und nach der Geburt nicht ändern kann und was einem so in die Wiege gelegt wurde. Und diese Leute wollen Sie ändern? Wie? Diese Leute müssen sich ändern können! Können die das?
Miere 03.05.2016
5. 50 Leute in 40000 Jahren
Schade, dass Sie keine Übersichtstafel haben, wie sich die untersuchten Personen in Zeit und Raum verteilen (und falls bestimmbar vielleicht auch Geschlecht). Wenn es stimmten sollte, dass die frühen anatomisch modernen Eurasier mehr Neandertaler-DNA hatten als wir heute, kann das übrigens auch daran liegen, dass unsere Vorfahren Neandertaler vielleicht nicht hübsch fanden. Nicht alles was aus einer Population rausgezüchtet wird entfällt weil nachteilig; es gibt auch sexuelle Zuchtwahl (Schön/hässlich).
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