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Silberfischchen: Killer im Badezimmer

Von "natur"-Autor Peter Laufmann

Silberfisch (Lepisma saccharina): Nachts schlägt ihre Stunde Zur Großansicht
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Silberfisch (Lepisma saccharina): Nachts schlägt ihre Stunde

So ganz anders ist ihre Welt als unsere. Und doch sind sie uns ganz nah. Verdammt nah. Näher, als sich manch einer vorstellen mag. Vor allem nicht nachts. Doch genau dann schlägt ihre Stunde. Die Rede ist von Silberfischchen.

Wenn es dunkelt, kriechen sie nämlich aus ihren Ritzen, krabbeln hinter Schränken, aus Abflüssen und feuchten Ecken hervor. Sie gehen auf Jagd. Und begegnen uns beim nächtlichen Spaziergang zum Kühlschrank oder zur Kloschüssel.

Die Beute der nächtlichen Jäger aber ist uns erst recht ein Gräuel, denn deren Kot füllt unsere Matratzen, Kopfkissen und Teppiche. Selbst ausgefeilteste Staubsaugertechnik kommt nicht gegen Hausstaubmilben an. Doch sie können vielleicht uns entwischen, nicht aber einem hungrigen Silberfischchen. Denn die flügellosen Ur-Insekten sind enorm schnell, mit einem Design, das in 300 Millionen Jahren immer wieder auf Funktionalität und Tödlichkeit überprüft wurde.

Sie sind nicht nur im Bad

Sobald es hell wird, verziehen sich die Silberfischchen wieder. Licht hassen sie wie Dracula. Aber ein feuchtes, warmes Ambiente mögen sie sehr. Wie in einem Badezimmer. Dort weiden sie auch gierig den Schimmelrasen von den Fliesen.

Nicht nur im Bad gehen sie auf Jagd. Sie bevölkern auch die Küche, und selbst in Büchersammlungen fühlen sie sich wohl. Dort fressen sie Papier, Leder, Seide, nicht einmal Kunstfasern sind vor ihnen sicher. Silberfische bilden Cellulasen und können mit diesen Enzymen Cellulose verdauen, ohne auf Bakterien angewiesen zu sein. Das macht den Killern aus dem Badezimmer im restlichen Tierreich so schnell keiner nach.

Die Silberlinge übertragen keine Krankheiten

Menschen sind schon ganz schön naiv. Bauen sich schöne Häuser, stellen jede Menge Krempel einschließlich etwas Fressbarem rein und wundern sich dann, wenn sie damit hungrige Untermieter anlocken. Mit Klopapier und Gift kämpfen sie gegen das "Ungeziefer", Brutalität siegt über Vernunft. Dabei übertragen die Silberlinge keine Krankheiten; sie beißen nicht und rauben uns auch nicht die Butter vom Brot. Sie sind einfach da. Fakt ist, dass sie allenfalls ein Hinweis darauf sind, dass eine Wohnung zu feucht und/oder schimmelig ist. Hat man das verinnerlicht, kann man sich noch einmal der Faszination hingeben.

Denn Silberfischchen zeigen ein hübsches Paarungsverhalten: Das Männchen tänzelt vor dem Weibchen auf und ab, berührt wie zufällig seine Partnerin und testet so ihre Paarungsbereitschaft. Ist sie willig, spinnt er mit seinem Penis einen Faden und legt darunter ein Samenpaket ab. Berührt die Auserwählte so einen Faden, versteinert sie, senkt den Hinterleib und nimmt den Samen auf. Wenig Romantik, aber viel Effizienz.

Wen es trotzdem vor den harmlosen Krabbeltieren ekelt, der muss sich nur natürliche Verbündete in ausreichender Zahl in seine vier Wände holen. Ohrwürmer machen liebend gerne Jagd auf sie, genauso wie Spinnen. Blöd nur: Krabbeln tun die auch...

Dieser Artikel stammt aus "natur" 2/2014, dem Magazin für Natur, Umwelt, nachhaltiges Leben.

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1. Ökosysteme
Layer_8 01.02.2014
Zitat von sysop 
Viele Leute kennen halt nicht den Unterschied zwischen "sauber und ordentlich" und "klinisch rein" in ihrem häuslichen Ökosystem. Naja, Silberfische würden mir auch zu denken geben, weil, wie im Artikel gesagt, möglicher Schimmel und Milben, aber sonst hab ich im Sommer nichts gegen die eine oder andere Spinne. Die halten dann so manch anderes Getier nieder.
2. Silberfischchen
angularm 01.02.2014
Schöner Artikel. Ich habe den Ekel vor Spinnen, Silberfischchen und Asseln nie verstanden. Solange sie in Maßen vorkommen, sehe ich sie als willkommene, teils sogar nützliche, Mitbewohner.
3. Symbiose
mat_yes 01.02.2014
statt Hass und Verfolgung. Viele Lebewesen haben ihren Platz und Sinn im Ökosystem. Man sollte ihre Rolle erst einmal überprüfen und dann urteilen. Nicht einfach blindwütig ablehnen. Wenn Silberfische auftauchen, dann halt besser putzen. Sie suchen sich dann von selber andere Ecken. Für mich sind sie schon immer ein positiver Indikator gewesen. Auch lasse ich immer einige Spinnen in meiner Wohnung exisieren, wo sie nicht stören. So hab ich weniger Fliegen und Ungeziefer in den wärmeren Jahreszeiten. Besonders witzig sind Jagtspinnne. Hatte letzten Sommer eine kleine, die immer meinen Schreibtisch heimsuchte und manchmal oben auf dem Monitor saß. Mich da dann scheinbar anschaute. Noch zwei weitere Beispiele. Schrebergartenmentalität, die ich mit dem Reinlichkeitswahn in manchen Wohnungen vergleiche bedeute ebenfalls das Ende vieler Arten. Ich lasse immer eine Ecke mit Brenesseln im Garten stehen. Denn diese sind für die Raupen des Kleinen Fuchs (Schmetterling) notwendig. Und ich werde durch diesen Schmetterling dafür belohnt. Ferner der weisse Hornklee. Ich lasse ihn auf ca. 10 m² meiner Wiese wachsen. Dafür kommen viele Arten von Wildbienen und Hummeln dorthin, die auf Blumen aus Züchtungen keine Nahrung mehr aufnehmen können, da die Kelche zu tief sind. Zusammenfassend, sollte der Mensch sich mehr mit der Natur auseinandersetzten. Was wie die Silberfische seit vielen Millionen Jahren existiert, hat bestimmt seinen Sinn und ist nützlich!
4. So ist es.
Alternator 01.02.2014
Zitat von Layer_8Viele Leute kennen halt nicht den Unterschied zwischen "sauber und ordentlich" und "klinisch rein" in ihrem häuslichen Ökosystem. Naja, Silberfische würden mir auch zu denken geben, weil, wie im Artikel gesagt, möglicher Schimmel und Milben, aber sonst hab ich im Sommer nichts gegen die eine oder andere Spinne. Die halten dann so manch anderes Getier nieder.
Diese nicht grade schönen Zitterspinnen sind einige der wertvollsten Verbündeten, die man im Haus haben. Mir sind meine kleinen Untermieter heilig, denn jeden Sommer sind es andere, die von Mücken zerstochen werden. Ich nciht. Bei mir pberleben Mücken, die in die Wohnung geschwirrt kommen, kaum lang genug, um mich auch nur einmal zu erwischen. Mehr als 2 der Spinnekens habe ich selten in einem Raum.. Was hoch unterhaltsam war, war eine kleine Springspinne, die etwas über ein Jahre lang bei mir gewohnt hat. Die hat mir beim Wäsche aufhängen interessiert von der Wand aus zugesehen, die hat mir Safariszenen am Fensterbrett geliefert-Die war einfach ein lustiger Mitbewohner. Sie hat leider den sehr langen Winter letztes Jahr nicht überstanden. Eventuell war zu viel Heizungsluft zu lange zu trocken, vielleicht war auch einfach ihr Lebenslichtlein abgelaufen.. Es ist jedenfalls schade, dass es sie nicht mehr gibt.
5. Die bösen Hausstaubmilben
wauz, 01.02.2014
sorgen ihrerseits dafür, dass unsere Wohnungen nicht "bazig" werden, denn sie fressen Hautschuppen, Haare, und was beim Menschen sonst so abfällt. Inzwischen sorgt man dafür, dass Raumstationen mit Hausstaubmilben bevölkert werden. Vielleicht sollte man auch noch ein paar Silberfischchen ansiedeln. Merke: auch Mensch braucht Ökosystem.
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