Silberfund von Rügen Mehr als nur Schatzsuche

Auf Rügen haben ein Schüler und ein Dachdecker einen großen Silberschatz entdeckt. Dass der Fund der Hobbyarchäologen der Wissenschaft nicht verloren ging, ist die Folge einer schlauen Maßnahme.

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Es waren aufregende Tage für die Landesarchäologen von Mecklenburg-Vorpommern. Würden alle dichthalten und nichts von dem Schatz verraten? Das war die große Frage. Denn wenn jemand schon vor dem Grabungstermin im April mitbekommen hätte, dass man womöglich Silber in einem Acker auf Rügen finden kann, wäre der Schmuck vielleicht verschwunden gewesen, als die Archäologen ihn bergen wollten. Es wäre nicht das erste Mal.

Jeder, der im Besitz eines Metalldetektors ist, hätte den Fundort nahe des Dörfchens Schaprode leicht finden können und dann nicht einmal tief graben müssen. "40 Zentimeter unter der Oberfläche lag das Silber", sagt Grabungsleiter Michael Schirren. Dazu fanden die Archäologen noch weitere Kostbarkeiten - Halsreifen, Perlen, Fibeln, einen Thorshammer.

Zudem reichlich sogenanntes Hacksilber, damit wurde einst Handel getrieben, Münzen wurden zerkleinert, sie konnten nun mit ihrem eigentlichen Metallwert aufgewogen werden. Besonders viele dieser Silberstücke fanden Forscher in den zahlreichen Wikingerschätzen im Nord- und Ostseeraum.

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Münzen von Harald Blauzahn: Sie haben einen Schatz gefunden

Insgesamt bargen die Archäologen auf Rügen mehr als 600 Silbergegenstände, sie stammen aus dem 10. Jahrhundert nach Christus. Die Stücke hatten sich über die Zeit auf einer Fläche von 400 Quadratmetern verteilt, das passiert, weil der Acker immer wieder umgepflügt wurde. Den Behälter, in dem das Silber einst gelegen haben muss, entdeckten die Archäologen nicht mehr.

Rund hundert der gefundenen Münzen lassen sich einem Star der nordischen Geschichte zuordnen: Die Stücke wurden zur Zeit der Regentschaft von Harald Blauzahn geprägt. Der König, der einst Wikingerhorden in die Normandie führte, bekannte sich später zum Christentum. Unter seiner Regentschaft wurden die Dänen geeint, zudem herrschte er auch über Norwegen. Seine Bedeutung ist selbst heute noch derart groß, dass ein skandinavisches Technologieunternehmen einst den Funkstandard Bluetooth nach ihm benannte.

Dass der Silberschatz entdeckt und unter Geheimhaltung geborgen werden konnte, verdanken die Landesarchäologen einem 13-jährigen Jungen. Bereits im Januar war der Schüler Luca Malaschnitschenko zusammen mit dem Hobbyarchäologen René Schön bei einem Metalldetektor-Suchgang nahe einem bronzezeitlichen Grabhügel unterwegs. Irgendwann piepte das Gerät, kurz darauf hielt Luca ein Stück Metall in der Hand. Schön erkannte, dass es sich um etwas von archäologischem Wert handeln musste.

Die beiden hätten den Fund auch heimlich selbst ausgraben können. Doch Schön, der eigentlich Dachdecker ist, weiß, welcher Schaden der Archäologie durch solche Aktionen entstehen. Jedes Mal, wenn ein Artefakt nicht in seinem Zusammenhang ausgegraben und dokumentiert wird, fehlt der Wissenschaft ein Puzzlestück - am Ende ist das Bild, das sie von einer Grabung oder einer antiken Stätte bekommen, unvollständig.

Denn Forschern geht es um mehr als nur um die Silberstücke. Sie suchen im Boden nach weiteren Aussagen, wie sie etwa die Erdschicht geben kann, in der ein Stück gefunden wird.

150 aktive Ehrenamtliche

Dass Schön und sein jugendlicher Begleiter nicht selbst zur Tat schritten und so womöglich wertvolle Spuren zerstörten, war kein Zufall. Schön ist ehrenamtlicher Helfer der Landesarchäologie. Seit Jahren bieten Archäologen aus Mecklenburg-Vorpommern interessierten Laien Kurse an, in denen sie die Grundlagen der Archäologie vermitteln.

Interessierte lernen so etwas über die Systematik einer Ausgrabung und erfahren, auf welche Landschaftsdetails sie bei der Suche nach archäologischen Hinterlassenschaften achten müssen. Am Ende erhalten sie einen Ausweis, der sie als ehrenamtliche Mitarbeiter auszeichnet.

Zudem arbeiten sie auf Ausgrabungen mit. "Derzeit haben wir etwa 150 aktive Ehrenamtliche", erklärt Schirren. Die Erfahrungen mit den Archäologiefans seien durchweg positiv, so der Wissenschaftler. Doch nicht überall werde so viel mit Laien gearbeitet.

Mit dem Angebot erhalten Archäologiebegeisterte Zugang zu Wissen, das für sie früher nur mit großer Mühe zu erlangen war. Und die oft spärlich mit Geldmitteln ausgestatteten Landesämter profitieren trotz Betreuungsaufwand mehrfach. Denn nun suchen für die Archäologen so viele Leute wie nie zuvor die Landschaft nach möglichen Funden ab - das Blauzahn-Silber ist nur eines von vielen Beispielen.

Noch wichtiger ist aber: Die Archäologen sensibilisieren so zumindest einen Teil der Metallsondengänger für ihre Themen. In Deutschland soll es Tausende Menschen geben, die im Wäldern und auf Äckern auf Schatzsuche sind. Ein Teil davon bewegt sich am Rande der Legalität. Denn archäologische Funde müssen abgegeben werden, das ist gesetzlich geregelt, zudem dürfen Sondengänger nicht auf sogenannten Bodendenkmälern suchen. Bei Unterschlagung von Funden drohen Strafen. Bekannt wurde etwa der Fall von "Sonden-Benny", einem Schatzsucher, der den Barbarenschatz von Rülzheim entdeckte und seitdem mehrfach vor Gericht stand.

Doch ob Funde wirklich gemeldet oder auch nur als solche erkannt werden, dürfte in der Praxis nur schwer zu überprüfen sein. "Alle erreichen wir nicht, einige haben kein Interesse an unseren Kursen", sagt Schirren. Immerhin nutzten auch die Archäologen bei ihrer Grabung auf Rügen Metalldetektoren, um wirklich alle Silberstücke zu finden.

Als Nächstes soll der Blauzahn-Schatz akribisch katalogisiert werden - die Archäologen machen erst mal eine Bestandsaufnahme der Münzen, sie stammen teilweise aus dem orientalischen Raum. Dann sollen Experten Schmuck und Münzen genauer begutachten. Bis die wissenschaftliche Bedeutung des Fundes klar sein wird, könnte es aber noch lange dauern.

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