Simulierte Mission Mars-WG tritt aus der Tonne

Der virtuelle Flug zum Mars ist vorbei: Drei Monate waren sechs Männer in einer Raumschiff-Attrappe eingepfercht, um einen Flug zum Roten Planeten zu simulieren. Jetzt scheint klar: Astronauten können wochenlang auf engstem Raum zusammenleben und trotzdem funktionieren.


Um 12 Uhr deutscher Zeit öffnete sich auf einem Versuchsgelände in Moskau die Luke zum Isolationsmodul - nach genau 105 Tagen. Sechs Menschen entstiegen der metallenen Tonne, darunter der Deutsche Oliver Knickel.

Das Experiment "Mars-WG" ist vorbei, und es war offenbar erfolgreich: Lächelnd kamen der 29-jährige Bundeswehr-Ingenieur Knickel, der Air-France-Pilot Cyrille Fournier, die beiden russischen Kosmonauten Oleg Artemjes und Sergej Rijasanski, der Arzt Alexej Baranow und der Sportmediziner Alexej Schpakow aus dem Raumschiffnachbau. Die wie echte Astronauten in blauen Overalls gekleideten Männer schienen in guter körperlicher Verfassung zu sein.

Es war die Trockenübung für eine bemannte Mission zum Mars, die für das Jahr 2035 angepeilt wird. Der Weg zum Roten Planeten ist weit, rund eineinhalb Jahre würde eine solche Mission dauern. Neben all den zu klärenden technischen Fragen will auch der Faktor Mensch berücksichtigt sein. Kann man es auf so engem Raum über Monate hinweg miteinander aushalten?

Diese Frage sollte das Moskauer Experiment klären. Die Antwort: Drei Monate lang können sie es offenbar. Das Experiment sei ein Erfolg gewesen, sagte Rijasanski, der bei der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos arbeitet. Die europäische Raumfahrtagentur Esa und das Russische Institut für Biomedizinische Probleme (IBMP) wollten auf der Erde testen, wie sich Menschen unter den extremen Bedingungen eines Weltraumflugs verhalten. Wie in der Fernsehserie "Big Brother" wurde deshalb genau beobachtet, was die Versuchsteilnehmer in ihrem 550 Kubikmeter großen Container mit rund 200 Quadratmetern Wohnfläche taten.

"Ich muss zugeben, dass ich jegliche langfristige Wahrnehmung für Zeit verloren habe", schrieb Knickel kurz vor seinem Ausstieg aus dem Container-Komplex. Die Zeit an Bord des Raumschiffnachbaus verging für den deutschen Teilnehmer wie im Flug. "Mir erscheint es wie drei bis vier Wochen, aber der Kalender beweist, dass es 105 Tage waren", schrieb Knickel in seinem letzten Tagebucheintrag auf der Internetseite der Esa.

Leben in vier Zylindern

Als er Ende März mit vier russischen und einem französischen Kollegen in das Modul gestiegen sei, habe "auf den Straßen noch Schnee und Eis gelegen". Dass es jetzt bereits Sommer sei, könne er kaum glauben, nachdem er dreieinhalb Monate kein Tageslicht gesehen habe. Er freue sich jetzt darauf, seine Freundin wiederzusehen, schrieb der Bundeswehr-Ingenieur.

Merkwürdig sei aber, dass er noch überhaupt nicht darüber nachgedacht habe, was er in den nächsten Tagen und Wochen tun werde, ergänzte der 29-Jährige aus Hamburg, den die Esa unter mehr als 5600 Bewerbern für das Experiment ausgesucht hatte. Der Gedanke, dass der zur Gewohnheit gewordene Aufenthalt in den engen Modulen nun ein Ende habe, mache ihn "etwas melancholisch".

Bei dem Isolationsprojekt standen Knickel und seinen Mitbewohnern nur vier zylinderförmige Module zur Verfügung: Im Wohnbereich gab es neben den Schlafkojen ein Gemeinschaftszimmer, eine Küche und ein Bad. Hinzu kamen ein Medizin-Modul, ein Lager- und Sportraum sowie ein weiterer Container, mit dem eine Landung auf dem Mars simuliert werden sollte. Wegen des Platzmangels war auch die Nahrung strikt kalkuliert; die einzig frische Kost kam aus einem kleinen Gewächshaus. Mit der Bodenstation konnten die Teilnehmer wie bei einem echten Marsflug nur mit rund 20-minütiger Zeitverzögerung über Funk Kontakt aufnehmen.

Nächstes Jahr geht es in die zweite Runde: Im Frühjahr wollen Esa und IBMP eine andere Crew einsperren - dann allerdings nicht 105, sondern volle 520 Tage lang. Das entspräche einem Hin- und Rückflug zum Mars, einschließlich 30 Tagen Aufenthalt.

lub/dpa



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