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US-Studie: Sind Erstgeborene wirklich schlauer?

Kleine und große Schwester: Eltern sollten die Reihenfolge der Geburt nicht beachten Zur Großansicht
Corbis

Kleine und große Schwester: Eltern sollten die Reihenfolge der Geburt nicht beachten

In vielen Erziehungsratgebern heißt es, Erstgeborene seien intelligenter und gewissenhafter als ihre Geschwister. Aber stimmt das? Psychologen haben die Daten Hunderttausender Schüler verglichen.

Sie haben kleinere Brüder oder Schwestern? Und Sie dachten bislang, den jüngeren Mitgliedern der Familie etwas voraus zu haben? Dann müssen Sie nun ganz tapfer sein: In Sachen Intelligenz und Persönlichkeit bedeutet es keinen Vorteil, als Erster in eine Familie geboren worden zu sein. Das ist das Ergebnis einer neuen Untersuchung amerikanischer Wissenschaftler um den Psychologen Brent Roberts von der University of Illinois.

  • Demnach liegt der Intelligenzquotient der Ersten gerade einmal einen Punkt über dem der nachfolgenden Geschwister.
  • Das erste Kind ist der Studie zufolge zwar ein wenig verantwortungsbewusster, gewissenhafter und dominanter und leide seltener unter Ängsten als seine Geschwister. Allerdings seien die ermittelten Unterschiede "verschwindend klein" und im persönlichen Kontakt nicht spürbar, berichtet Roberts im Fachmagazin "Journal of Research in Personality".

Die ermittelte Korrelation beträgt durchschnittlich gerade einmal 0,2 Punkte. Bei Null würde gar kein Zusammenhang zwischen der Geburtsreihenfolge und Merkmalen wie Emotionalität, Dominanz oder Agilität vorliegen, bei Eins ein sehr starker Zusammenhang.

Unterschiede nicht zu spüren

"Die Reihenfolge der Geburt sollte das Verhalten der Eltern überhaupt nicht beeinflussen", schreibt Roberts in einer Pressemitteilung. Prägender für die Entwicklung eines Kindes seien eher andere Dinge, vor allem der soziale Hintergrund der Eltern und deren Einkommen.

Mit seinem Team hatte Roberts insgesamt 377.016 Biografien amerikanischer Schüler ausgewertet, die in der sogenannten Project-Talent-Studie gesammelt sind. Zwillinge und Mehrlingsgeburten wurden von der Analyse ausgenommen, genauso die Angaben von Einzelkindern. So flossen letztlich die Daten von 272.003 Schülern in die Studie ein, von denen 53,2 Prozent weiblich waren.

Für ihre Analysen verglichen Roberts und sein Team nicht die Geschwister innerhalb einer Familie miteinander, sondern die Angaben Gleichaltriger.

Die Frage bewegte schon Freud

Das Project Talent des American Institutes of Research (AIR) startete 1960, verzeichnet sind darin unter anderem Daten zur Gesamtgröße von Familien, zum Bildungsstand und zur Lebenssituation der Eltern. Es handele sich um eine der größten verfügbaren Datenquellen zu diesem Thema, schreibt Roberts. Die aktuelle Untersuchung habe drei Vorteile gegenüber früheren Studien: Neben der Größe der zugrundeliegenden Datenquelle wurden viele Faktoren verglichen, zum Beispiel der Hintergrund einer Familie und auch Persönlichkeitsmerkmale der Kinder. So konnten auch Angaben zu Emotionalität, Selbstvertrauen und Ordnungsliebe berücksichtigt werden.

Da eine derart umfassende Untersuchung bislang nicht möglich war, konnte die Frage, ob die Reihenfolge der Geburt Folgen für die spätere Entwicklung eines Kindes habe, bislang nicht eindeutig beantwortet werden, schreibt Roberts. Bereits Sigmund Freud und Alfred Adler hätten sich über diesen Punkt gestritten.

Zum Ärger Freuds hatte der Psychotherapeut Adler, selbst ein zweitgeborenes Kind mit jüngeren Geschwistern, erklärt, dass die mittleren Kinder unter den Neurosen der anderen Nachkommen einer Familie zu leiden hätten - Freud kam 1856 zur Welt und hatte sieben jüngere Geschwister.

Die These, Erstgeborene seien schlauer, weil ihnen die Eltern zunächst automatisch mehr Aufmerksamkeit schenken würden, habe sich irgendwann festgesetzt, schreibt Roberts. Ebenso wie die Annahme, dass Erstgeborene deshalb gewissenhafter seien, weil sie für die jüngeren Geschwister Verantwortung übernehmen müssen. Die Spätergeborenen würden gern als rebellisch, aber auch als offener im Umgang mit anderen Menschen beschrieben. In Erziehungsratgebern werden alle diese Dinge gern breit diskutiert, berichtet Roberts. Aber umsonst, wie nun feststehe.

nik

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insgesamt 51 Beiträge
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1. Auch euch ...
Websingularität 21.07.2015
möchte ich meinen IQ-Test nicht vorenthalten: https://www.youtube.com/watch?v=bPNWbrguF9o Ich bin Zweitgeborener :-D Nur ohne Ambitionen, daher kann man Karriere und Erfolg nicht vergleichen.
2. definitiv nicht
california2000 21.07.2015
wie der Artikel beschreibt, Erstgeborenes Kind zu sein bringt nichts. Denn erstens ist mein zweites Kind bei weitem intelligenter und zielstrebiger als mein erstgeborenes Kind (ich liebe beide dennoch gleich) und zweitens bin auch ich ein zweites Kind und habe IQ 130. Aber pure Intelligenz ist sowieso nicht alles, so wie auch pures Wissen nicht alles ist. Man braucht Beides und man muß in der Lage sein alles zu verknüpfen, also hinter die Kulissen, ins nächste Level zu schauen. Das ist Intelligenz.
3.
Frittenbude 21.07.2015
Zitat: "Für ihre Analysen verglichen Roberts und sein Team nicht die Geschwister innerhalb einer Familie miteinander, sondern die Angaben Gleichaltriger." Damit kann man die Ergebnisse dieser Studie dann ja wohl bestenfalls als ein schwaches Indiz einstufen. Nur ein Vergleich der Geschwister innerhalb einer Familie hätte eindeutige Antworten gebracht.
4.
Atheist_Crusader 21.07.2015
Überrascht mich jetzt nicht so. Und auch wenn persönliche Erfahrungen statistisch irrelevant sind: deckt sich vollendes mit meinen eigenen Beobachtungen. Erstgeborene sind nicht klüger. Aber sie halten sich gerne dafür und werden oft auch so wahrgenommen. Liegt ein bisschen an der zeitlich verschobenen Wahrnehmung. Das erste Kind das Sprechen lernt ist ein bisschen mehr besonders als das Zweite oder Dritte. Ähnliches gilt für andere Premieren: der Zeitvorteil trägt viel zum Eindruck bei. Erste Errungenschaft bleiben länger und deutlicher im Gedächtnis. Das ändert sich nur, wenn krasse Unterschiede auftreten. Etwa wenn der Erstgeborene nur Vieren in der Schule schreibt und der Zweitgeborene nur Einsen. Natürlich, Intelligenz hat viele Formen, von linguistischer bis zu motorischer und nebenbei gibt es ja auch noch Faktoren wie Bildung, Fleiß, etc. Von daher wäre selbst eine Bestätigung dieser veralteten Ansicht mit Vorsicht zu genießen. Menschen sind immer noch Individuen.
5. Zweitgeborene
Oberlon 21.07.2015
Hier melden sich ja nur zweitgeborene und posten gleich ihren iq, na da sitz ja der stachel tief :) Nein, nur scherz, klar werden erstgeborene auch familiär ein wenig bevorzugt, aber wie die studie auch sagt, blut ist dicker als wasser und erfolg hat manchmal was mit glück zu tun. Kenne beide extreme aus dem bekanntenkreis, mein bruder ist auch nicht dümmer bzw. verdient mehr geld als ich, aber familär ist man als erstgeborener schon der ansprechpartner nummer eins, hat sich halt so ergeben. Wir kommen klar:)
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