Skandal um Hwang Die Selbstzerstörung des Klon-Helden

Hwang Woo Suk war der Stolz Südkoreas und einer der berühmtesten Stammzellforscher weltweit. Jetzt hat er die Manipulation seiner Forschungsberichte eingestanden. Internationale Wissenschaftler sind entsetzt. In seiner Heimat ist von nationaler Schande die Rede.

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Er wurde als Nationalheld verehrt, Briefmarken trugen sein Antlitz, er war offiziell "oberster Forscher" Südkoreas und einer der berühmtesten Stammzellforscher weltweit: Hwang Woo Suk hatte mit einer Serie spektakulärer Studien für Aufsehen gesorgt. Scheinbar mühelos hatte er menschliche Embryos geklont, für Patienten maßgeschneiderte Stammzellen produziert und einen Hund kopiert - allesamt Meisterstücke, an denen seine internationalen Konkurrenten trotz jahrelanger Bemühungen gescheitert waren.

Ehemalige Partner Hwang und Schatten mit angeblichem Klon-Hund "Snuppy": Hwangs Forschung steht unter Generalverdacht
AP

Ehemalige Partner Hwang und Schatten mit angeblichem Klon-Hund "Snuppy": Hwangs Forschung steht unter Generalverdacht

Das zumindest glaubte man bis vor einigen Tagen. Jetzt aber steht fest, dass Hwang entscheidende Teile eines seiner Forschungsberichte gefälscht hat. Damit steht die Gen- und Stammzellforschung vor dem größten Skandal ihrer noch jungen Geschichte. Nach schweren Vorwürfen einiger Ex-Mitarbeiter Hwangs hat die Seoul National University, wo Hwang beschäftigt ist, eine Untersuchungskommission eingerichtet. Sie hat die Arbeit des Stars unter die Lupe genommen und jetzt niederschmetternde Ergebnisse präsentiert. Mindestens neun der elf maßgeschneiderten Stammzellenlinien, die Hwang im Mai im renommierten Fachblatt "Science" präsentiert hatte, seien gefälscht, erklärte der Ausschuss. Es handele sich nicht um versehentliche Fehler, sondern um gezielte Manipulationen. Und es sei unmöglich, dass Hwang nichts davon gewusst habe.

Damit bestätigten die Prüfer die Angaben eines Kollegen von Hwang, Roh Sung Il, der Mitautor des "Science"-Forschungsberichts war. Außerdem stellte die Kommission fest, dass Hwang für seine Arbeit wohl deutlich mehr als die angegebenen 185 menschlichen Eizellen verwendet hatte.

Entschuldigung für "Schock und Enttäuschung"

Hwang hat die Fälschungen mittlerweile zugegeben und seinen Lehrstuhl an der Universität abgegeben. "Ich entschuldige mich, dass ich einen so großen Schock und Enttäuschung verursacht habe", sagte er in einer kurzen Ansprache, die im Fernsehen übertragen wurde. Er bleibe aber dabei, dass seine Technik, für Patienten maßgeschneiderte embryonale Stammzellen zu gewinnen, funktioniere. "Das werden Sie sehen", sagte er.

Wissenschaftler, die sich vor der Bestätigung der Vorwürfe mit Äußerungen zurückgehalten hatten, reagierten fassungslos. "Das ist eine Katastrophe für Südkorea", sagte Hans Schöler, Direktor am Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin in Münster. Hwangs Arbeit habe vielen Südkoreanern das Gefühl gegeben, mit den Amerikanern nicht nur mithalten zu können, sondern weltweit an der Spitze der Wissenschaft zu stehen.

Hwang habe in seinem Heimatland im Zentrum eines Personenkults gestanden, der für Europäer nur schwer nachvollziehbar sei. "Jetzt stellt sich heraus, dass man dort auf einen Betrüger gesetzt hat", sagte Schöler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Ein Professor der Seoul National University sprach von einem "Tag der nationalen Schande".

Die südkoreanische Regierung erklärte, sie sei sehr unglücklich über die Entwicklung und werde eigene Ermittlungen aufnehmen. Choi Seong Sik, stellvertretender Minister für Wissenschaft und Technologie, hält es für unmöglich, die an Hwang gezahlten umgerechnet rund 34 Millionen Euro an Zuschüssen zurückzubekommen. Man werde jedoch die Finanzierung anderer Projekte prüfen und Hwang die Auszeichnung als "Top-Wissenschaftler" entziehen, die er als erster Forscher überhaupt erhalten hatte. Komplett zurückziehen aus der Stammzellenforschung will sich Seoul aber nicht.

Internationale Folgen möglich

Der Skandal um Hwang dürfte weit über die Grenzen Südkoreas hinaus Folgen haben. Schon ist unter Wissenschaftlern von schwerem Schaden für die gesamte Forschungsrichtung die Rede. "Wer die Stammzellforschung schon immer kritisiert hat, wird sich bestätigt fühlen", sagte Schöler. "Länder, die bisher der Forschung gegenüber positiv eingestellt waren, könnten ihre politische Position nun überdenken."

Der Fachwelt ist derweil eine verlockende Zukunftsaussicht abhanden gekommen. "Die Hoffnung, Krankheitsmodelle in der Kulturschale zu testen, ist jetzt nichtig", sagte Schöler. Hwang hatte im Mai berichtet, er habe das Erbgut von elf kranken Menschen mit überraschend wenig Aufwand in den entkernten Eizellen junger Frauen zu neuem Leben erweckt. Aus den Embryonen habe er elf Stammzelllinien gewonnen.

Mediziner waren elektrisiert. Plötzlich besaßen sie die Aussicht, Parkinson- oder Herzpatienten mit genetisch maßgeschneiderten Versionen der wandlungsfähigen Zellen behandeln zu können. Die stets zu befürchtende körperliche Abstoßungsreaktion wäre in diesem Fall wohl weggefallen.

Hwangs Forschung unter Generalverdacht

Mittlerweile droht der gesamten Arbeit Hwangs eine eingehende Prüfung. So hatte der Forscher im August im Fachblatt "Nature" berichtet, er habe einen Hund geklont. Der Untersuchungsausschuss der Seouler Universität überprüft nun auch dies. Blutproben von "Snuppy", einem Afghanischen Windhund, seien bereits zwecks Erbgut-Analyse an ein Labor geschickt worden, hieß es. Auch die "Nature"-Redaktion kündigte eine Überprüfung der Hunde-Studie an.

Das Klonen von Hunden galt vor Hwangs angeblichem Coup als äußerst schwierig. Nun ziehen Forscher die Echtheit der Studie in Zweifel. "Viele Wissenschaftler waren sehr beeindruckt vom Klonen eines Hundes", sagte der renommierte Fachmann Alan Trounson von der australischen Monash University. "Aber jetzt glaube ich kaum noch, dass dies ein geklonter Hund ist."

Der Skandal dürfte das Ende von Hwangs wissenschaftlicher Karriere bedeuten. Im vergangenen Monat war er bereits als Direktor des Forschungszentrums World Stem Cell Hub zurückgetreten. Er hatte eingeräumt, Eizellen seiner Mitarbeiterinnen für seine Arbeit verwendet zu haben, nachdem er dies zuvor geleugnet hatte. 20 weitere Frauen hatten für Eizellspenden jeweils rund 1200 Euro bekommen. Beides gilt als ethisch nicht vertretbar. Gerald Schatten, Hwangs engster Mitarbeiter in den USA, hatte sich deshalb als Erster öffentlich von seinem früheren Partner distanziert.

Rätselraten über Motive

Was bleibt, ist die Frage nach dem Wie und Warum. Wie konnte ein Forscher ein so renommiertes Magazin wie "Science" täuschen, das alle Artikel vor der Veröffentlichung von Experten prüfen lässt? "Wenn man es geschickt anstellt, genügt ein wahrer Kern, um mit einer Studie durchzukommen", erklärt der deutsche Forscher Schöler. "Wissenschaft beruht zunächst einmal auf Vertrauen." Der wahre Kern habe möglicherweise darin bestanden, dass Hwang tatsächlich eine oder zwei Stammzelllinien mit seinem im Mai vorgestellten Verfahren gewonnen habe - und dann die restlichen Linien erfunden habe.

Über die Motive Hwangs kann man zunächst nur spekulieren. Manche Experten führen sein Verhalten auf die südkoreanische Kultur zurück, die auf maximalem Erfolg in kürzester Zeit ausgerichtet sei. "Der Fall Hwang ist ein gutes Beispiel dafür, dass in der koreanischen Gesellschaft Reste der früheren Erfahrung des schnellen Wachstums existieren", sagte Park Gil Sung, Soziologie-Professor an der Korea University. "Das Verlangen nach schnellen Ergebnissen ist ein Problem unseres sozialen Systems."

Hwang hat sich aus einfachsten Verhältnissen zum Star der Wissenschaft hochgearbeitet und wurde im Februar 2004 über Nacht berühmt, als er den weltweit ersten geklonten menschlichen Embryo präsentierte. Damit schien er perfekt in das koreanische Bild von Fleiß und Erfolg zu passen.

Ulrike Beisiegel, Sprecherin des Ombudsgremiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), sieht noch eine weitere Ursache hinter dem Skandal: den erbitterten Kampf um Renommee und Forschungsgelder. "Die Forscher lassen sich viel zu stark unter wirtschaftlichen Druck setzen", sagte Beisiegel. "Die Fälschungen müssen zum Nachdenken über das Gutachterwesen in der Wissenschaft führen".

Beisiegel kritisierte auch die betroffenen Fachjournale. "Das Rennen um die schnelle erste Veröffentlichung zu einem wichtigen Thema, wie es 'Science' und 'Nature' austragen, widerspricht der Wissenschaft." Man solle überlegen, "ob Resultate wirklich mit dieser Geschwindigkeit veröffentlicht werden müssen". Hintergrund dieses Wettrennens der Journale sei der Kampf ums Geld: "Wer häufiger die besseren Arbeiten hat, wird häufiger gekauft und häufiger gelesen. Das ist der Markt."



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