Ausgegraben

Skelett-Sammlungen Neue Ordnung in alten Knochen

Schädel aus der Sammlung der Universität Freiburg
Biologische Anthropologie Universität Freiburg

Schädel aus der Sammlung der Universität Freiburg


Früher wurden Knochen gern gesammelt, aber selten mit all ihren Merkmalen katalogisiert. Nun wollen Wissenschaftler die Skelette in modernen Datenbanken katalogisieren - und stehen vor großen Herausforderungen. Denn so mancher Knochen gehört eigentlich ganz woanders hin.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte ein Anthropologe verschiedene Möglichkeiten, an Knochen für eine Sammlung zu kommen. Eine wissenschaftliche Ausgrabung, der heute übliche Weg, gehörte allerdings noch nicht dazu. Er konnte zum Beispiel Mitarbeiter losschicken, die in den deutschen Kolonien für ihn Knochen einsammelten. Vielleicht fuhr er zu diesem Zwecke sogar selbst los.

Alternativ konnte er den Katalog des Hamburger Kaufhauses Umlauf durchblättern. Vom Schädel bis zum kompletten Skelett konnte man dort alles bestellen, was das Forscherherz begehrte. Die meisten Lieferanten des Kaufhauses Umlauf waren jedoch selbst keine Wissenschaftler - sondern Weltreisende oder Seeleute: Mit einem Sack voll Knochen ließ sich der magere Geldbeutel aufbessern. Vor allem, wenn es zu den Knochen auch noch Geschichten zu erzählen gab: "Ein Häuptlings-Schädel brachte im Verkauf wahrscheinlich mehr Geld als der eines einfachen Mannes", vermutet Ursula Wittwer-Backofen, Anthropologin an der Universität Freiburg.

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Schildkrötenüberrest: Aus zwei Knochen mach einen

Heute wird der wissenschaftliche Wert eines Knochens anders gemessen. "Zunächst einmal sind da die Fundumstände", sagt Wittwer-Backofen. "Woher kommt der Knochen? Stammt der Knochen beispielsweise aus einem Grab oder von einem Schlachtfeld?" Hinzu kommen die biologischen Kriterien: Wie ist das Sterbealter? Was ist das Geschlecht? Wie war der Gesundheitszustand, gibt es Verletzungen?

Datenbank könnte internationale Forscher vernetzen

Daneben werden auch moderne Untersuchungsmethoden für derartige Kataloge relevant: "In einer sinnvollen Datenbank sollte es auch die Möglichkeit geben, Isotopenanalysen, 3-D-Aufnahmen oder vielleicht sogar DNA-Profile abzufragen", wünscht sich Wittwer-Backofen.

Der Spagat zwischen den alten Sammlungsbeständen und den modernen Anforderungen ist also gewaltig. Zumal bisher fast jede Sammlung alleine vor sich hin arbeitet und eigene Kriterien für ihren Katalog anwendet. "Deshalb arbeiten wir an einem allgemeingültigen Kriterienkatalog für Skelette - an einem Standard für anthropologische Sammlungen", erklärt Wittwer-Backofen. "Damit wir eine öffentlich zugängliche Plattform schaffen können, die allen nützt."

Wenn es einmal eine solche Datenbank gibt, die auch international vernetzt ist, ergäben sich für die Forschung ganz neue Möglichkeiten. So ließen sich zum Beispiel ganz gezielt Individuen mit einem bestimmten Strontiumisotopenprofil oder DNA-Marker herausfiltern. In den Daten könnte der Forscher untersuchen, wie diese Gruppe sich ernährte oder welche Landschaften sie bevorzugte. Bislang gibt es noch keine Möglichkeit, solche Vergleiche wirklich flächendeckend anzustellen - die untersuchten Gruppen sind meist klein und regional begrenzt.

Auf dem Rückweg nach Namibia

Doch nicht nur für Anthropologen und Archäologen ist eine öffentlich zugängliche Knochen-Datenbank ein wertvolles Werkzeug. "Auch für Mediziner ist das interessant", fügt Wittwer-Backofen hinzu. "Die Erforschung der Geschichte von Krankheiten wird in unserer globalisierten Gesellschaft immer bedeutender." Um die Entwicklung eines Krankheitserregers zu begreifen, ist es oft sinnvoll, sich seine Auswirkungen in der Vergangenheit anzuschauen. "Da ist eine gut geführte Skelett-Datenbank genau die richtige Quelle."

Und was passiert mit den Knochen der vielen alten "Häuptlinge" aus den deutschen Kolonien? "Um in den Sammlungskatalog aufgenommen zu werden, erfüllen diese Altbestände meist zu wenige Kriterien", sagt Wittwer-Backofen. "Wir forschen an ihnen nur zur Klärung ihrer Herkunft".

So mancher Knochen findet danach den Weg zurück in die Heimat. Erst vor wenigen Wochen besuchte eine Delegation aus Namibia die Freiburger Sammlung - und nahm mehrere Schädel mit zurück nach Afrika. Ähnliche Rückführungen gibt es auch in Australien und Nordamerika. Auch für die Wissenschaftler bedeuten sie eine gute Nachricht, bleibt doch in ihren Beständen nur noch übrig, was ethisch unproblematisch ist und sich für eine wissenschaftliche Datenbank auch wirklich eignet.

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ambulans 29.03.2014
burggen 03.04.2014
ambulans 03.04.2014

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