Sklavenhandel Friedhof der Verschleppten

Archäologen haben in Brasilien ein Massengrab aus der Hochphase des Sklavenhandels entdeckt. Der gruselige Fund zeigt, wie weit die Menschenjäger auf der Suche nach Opfern gereist sind - und wie würdelos deren Leichen entsorgt wurden.

FIOCRUZ/ Sheila Mendonça de Souza

Als Petrucio Guimaraes bei der Renovierung seines alten Hauses in Rio de Janeiro plötzlich jede Menge Knochen im Garten fand, dachte er sofort an ein Massaker unter Drogenbanden und rief die Polizei. Doch die gab den Fall schnell weiter an die örtlichen Archäologen, waren die Knochen doch weitaus älter, als dass sie von Drogenopfern der Jetztzeit stammen konnten.

Tatsächlich stammen die menschlichen Überreste aus den Jahren zwischen 1769 und 1830. Es sind die Gebeine Tausender afrikanischer Sklaven, die hier im Cemitério dos Pretos Novos, dem "Friedhof der neuen Schwarzen", würdelos in Massengräbern entsorgt wurden. Eine neue Untersuchung hat jetzt neue Details über die Toten ans Licht gebracht - und ihnen zumindest ein kleines Stück ihrer Identität wiedergeben können.

Die Schlüssel zur Herkunft der verstorbenen Sklaven waren ihre Zähne. Komplette Skelette sind in dem Massengrab nicht erhalten, die Knochen liegen wahllos durcheinandergewürfelt. "Es war sehr hässlich", sagt die Bio-Archäologin Sheila Mendonça de Souza von der Nationalen Schule für Öffentliche Gesundheit in Fiocruz. "Es war nur eine Grube, in die sie die Körper hineinwarfen und verbrannten." Aus diesem Durcheinander suchten die Wissenschaftler die Zähne von 30 Individuen heraus.

Isotop-Analyse zeigt: Die Opfer stammen aus ganz Afrika

Murilo Bastos von der Universität in Brasilia schaute sich die Verhältnisse der Strontium-Isotopen in den Zähnen genauer an - denn sie verraten, wo ein Mensch aufgewachsen ist. Das Verhältnis der verschiedenen Isotope des Erdalkalimetalls ist charakteristisch für jede Region dieser Erde und damit für die Nahrung, die dort aus dem Boden kommt. Jede Rübe, die dort wächst, nimmt das Strontium mit dem jeweils typischen Isotopenverhältnis auf, jeder Strauch, jeder Halm. Nimmt eine Kuh oder ein Schaf oder eine Ziege ausschließlich die Rüben und Früchte und Halme ihrer Heimat zu sich, so entspricht auch das Strontium-Isotopenverhältnis in ihrem Körper dem der Umgebung.

Für den Menschen gilt das Gleiche. Doch was passiert, wenn er seine Heimat verlässt und sich von Produkten ernährt, die in einer anderen Region gewachsen sind? Dann gleicht sich das Strontium-Isotopenverhältnis in seinen Muskeln, seinen Haaren und seiner Haut dem neuen Ort an. Nur das Strontium in seinem Gebiss wird bis zu seinem Tod genaue Auskunft darüber geben, wo er als Kind gelebt hat. Denn das Wachstum der Zähne endet im Jugendalter, danach baut der Körper kein neues Material mehr in die Zähne ein.

Das Ergebnis der Analyse erstaunte die Forscher: Das Verhältnis von Strontium-87 zu Strontium-88 hätte bei den 30 Individuen unterschiedlicher kaum sein können. "Die Bandbreite umfasst so gut wie alle Variationen, die in der Natur vorkommen", schreibt Bastos in der brasilianischen Zeitschrift "Revista de Arqueologia". Genaue Zuweisungen zu konkreten Orten sind aber noch schwierig. Denn noch ist die Geologie Afrikas nicht so eingehend erforscht, dass von vielen Orten Referenzwerte für Strontium-Isotopenverhältnisse vorlägen. "Aber allein die Vielfalt der Werte zeigt, dass die afrikanischen Sklaven in Rio de Janeiro von sehr vielen unterschiedlichen Orten kamen", sagt Bastos.

Analyse der Zähne zeigte typische afrikanische Feiltechniken

Eine andere Forschergruppe untersuchte die Zähne auf kosmetische Veränderungen. 13 der geborgenen Zähne aus dem Massengrab waren mit der Feile bearbeitet worden - in den meisten Fällen die oberen Schneidezähne. "Zwar ist es schwierig, die genaue Herkunft der Individuen zu bestimmen, weil viele verschiedene ethnische Gruppen mit ganz unterschiedlichen Motivationen dieselben Techniken benutzen, so dass am Ende ihre Zähne gleich aussahen", erklärt Sheila Mendonça de Souza SPIEGEL ONLINE. "Aber wir haben hier in Pretos Novos ein paar sehr ungewöhnliche und schön polierte, spitz zugefeilte Zähne gefunden, wie sie vor allem im heutigen Mosambik üblich sind."

Mosambik liegt an der Südostküste Afrikas am Indischen Ozean - weit entfernt von den großen Sklavenhäfen im Nordwesten des Kontinents. "In Rio kamen gerade in den letzten Jahrzehnten der Sklavenzeit mehr und mehr Gefangene auch von der Ostküste. Die Zahnmodifikationen aus dem Massengrab scheinen dies zu bestätigen." Auch Zähne, die nach im Sudan üblichen Mustern gefeilt wurden, fanden die Archäologen.

Bei Bauarbeiten für Olympia 2016 weitere Überreste entdeckt

"In einer Studie haben wir die wenigen Zähne, die wir aus Pretos Novos bergen konnten, mit der viel größeren Menge aus einem Friedhof in Salvador verglichen, der zur ersten Kathedrale Brasiliens gehörte", sagt Mendonça de Souza. Die Anteile der gefeilten Zähne seien fast identisch gewesen. "Und es waren in beiden Friedhöfen nur die originalen afrikanischen Feiltechniken verwendet worden - was dafür spricht, dass die Toten in Afrika geboren wurden." Im 19. Jahrhundert erlebte die Zahnmodifikation in Brasilien eine Renaissance unter den Brasilianern afrikanischer Abstammung - doch sie benutzen andere Techniken als ihre Vorfahren.

Neben dem Massengrab im Cemitério dos Pretos Novos wurde im vergangenen Jahr noch ein Zeugnis dieses traurigen Kapitels brasilianischer Geschichte gefunden. Bei Bauarbeiten für die Olympischen Spiele 2016 stießen Arbeiter auf die Überreste des berüchtigten Cais do Valongo - jenes Hafens, in dem die Sklavenschiffe anlegten. Hier wurden die Neuankömmlinge von Deck getrieben und in sogenannten Masthäusern so mit Essen vollgestopft, dass sie den Weitertransport auf die Zuckerrohrplantagen und in die Minen überleben würden. Anschließend wurden sie wie Vieh den Käufern angeboten.

Drei Millionen Sklaven gelangten zwischen 1550 und 1888 nach Brasilien - geschätzte 35 Prozent des gesamten transatlantischen Sklavenhandels. Der britische Geistliche Robert Walsh beschrieb 1828 den Zustand auf dem Cais do Valongo. Die Sklaven würden dort von den Käufern begutachtet "wie Hunde oder Maultiere". Sie seien dazu verdammt, sich nicht von der Stelle zu bewegen "wie Schafe im Pferch", schrieb Walsh. "Sie haben kein Zimmer, um sich zurückzuziehen, kein Bett zum Hinlegen, keinen Schutz über dem Haupt; sie sitzen nackt den ganzen Tag und liegen nackt die ganze Nacht, auf baren Latten oder Bänken, wo wir sie ausgestellt sahen."

Auch die Schriftstellerin Maria Graham war entsetzt vom Horror, der sich ihr auf dem Cais do Valongo bot: "Da sitzen die Reihen junger Kreaturen, die Köpfe rasiert, die Körper ausgemergelt, die Narben der Krätze auf der Haut." Das Massengrab liegt nur unweit dieses berüchtigten Umschlagplatzes. Wer es nicht schaffte, endete auf dem Cemitério dos Pretos Novos.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Nonvaio01 14.02.2012
1. .
Zitat von sysopFIOCRUZ/ Sheila Mendonça de SouzaArchäologen haben in Brasilien ein Massengrab aus der Hochphase des Sklavenhandels entdeckt. Der gruselige Fund zeigt, wie weit die Menschenjäger auf der Suche nach Opfern gereist sind - und wie würdelos deren Leichen entsorgt wurden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,814602,00.html
wie kann man ueber sklaven haendler schreiben und dann auch noch darauf hinweisen das die Jaeger wuerdelos die leichen entsorgt haben. Wenn man Menschen als Sklaven jagt, dann setzt das vorraus das man diesen Menschen keine wuerde entgegenbringt, wenn nicht lebend dann schon gar nicht wenn die Tod sind.
maumi 14.02.2012
2. ***
Es erübrigt sich Vorgänge, die Menschen der damaligen Zeit mit ihren Maßstäben als "völlig normal" ansahen, mit den heutigen Moralmaßstäben zu verurteilen. Das ist einfach nur naiv. Die Menschheit entwickelt sich stetig und auch heute noch völlig normales, wird von unseren Nachfahren als verwerflich und falsch eingeschätzt werden.
sttn 14.02.2012
3. Wir sind viel besser als früher!!!
Wir blicken auf die Ereignisse vor vielen Jahren und wundern uns was damals passiert ist. Dann kommt natürlichauch ein geiwsser Stolz in uns auf, weil wir ja so viel besser sind. Aber schon der blick auf den Bildschirm, auf das Smartphone oder anderes sollte uns etwas anderes aufzeigen. Dort wo diese Teile gebaut werden, leben Menschen auf einer ähnlichen Unwürdigen Art und Weise wie die Sklaven früher. Ein Blick in Slums oder noch schlimmer in Rotlichvirteln zeigt den Sklavenhandel im Jahre 2012. Wer meint das sei weit weg und wir Deutsche sind so perfekt, der sollte einmal das nächstgelegene Pflegeheim besuchen. Dort sitzen die Menschen die unsere Eltern oder Großeltern waren bevor sie nutzlos und krank wurden. Viele warten dort Monate oder Jahrelang auf den Besuch ihrer Kinder und Enkelkinder und am schlimmsten ist es für die Menschen die geistig noch fitt sind. Wer meint das ist eine Ausnahme, der sollte mal schauen wie viele Pflegeheime es gibt. Wer nun meint das wir sonst gut sind, sollte mal in die Rotlichvirtel blicken und die Frauen ansehen die sich zur Befriedigung unserer Lust verkaufen. Wer nun meint, das dies nur wenige Männer betrifft, der sollte sich mal überlegen wie viele Männer es braucht damit so viele Frauen ein auskommen haben? Wer num meint das Frauen jetzt die besseren sind sollte sich die Statistiken ansehen und fragen warum der Bauch der Mutter der gefährlichste Ort für ein Kind ist. Warum wir Jahr für Jahr in der BRD 200000 Kinder umbringen (= Abtreibung), obwohl wir dringend Kinder brauchen und es uns nun wirklich sehr gut geht und für diese Kinder genügend Geld da wäre? Also sind wir Heute nun besser? Oder sind wir nur scheinheiliger?
simba00 14.02.2012
4.
Zitat von maumiEs erübrigt sich Vorgänge, die Menschen der damaligen Zeit mit ihren Maßstäben als "völlig normal" ansahen, mit den heutigen Moralmaßstäben zu verurteilen. Das ist einfach nur naiv. Die Menschheit entwickelt sich stetig und auch heute noch völlig normales, wird von unseren Nachfahren als verwerflich und falsch eingeschätzt werden.
es ist vielmehr einfach nur naiv anzunehmen, die Sklaverei sei als "völlig normal" angesehen worden. Immerhin sind die Funde aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Überall gab es bereits Anti-Sklaverei Bewegungen und in einigen Gebieten war der Sklavenhandel bereits verboten, die Sklaverei war keineswegs irgendetwas völlig normales, sondern bereits hoch umstritten und als antihumanistisch angesehenes. Ihre Rechtfertigungsversuche und Verharmlosungen können Sie sich also sparen.
Earendil77 14.02.2012
5. Maßstäbe
Zitat von maumiEs erübrigt sich Vorgänge, die Menschen der damaligen Zeit mit ihren Maßstäben als "völlig normal" ansahen, mit den heutigen Moralmaßstäben zu verurteilen. Das ist einfach nur naiv. Die Menschheit entwickelt sich stetig und auch heute noch völlig normales, wird von unseren Nachfahren als verwerflich und falsch eingeschätzt werden.
Nach welchen Maßstäben sollen wir denn diese Vorgänge sonst beurteilen, wenn nicht nach unseren? Das will ich doch stark hoffen! Aber für vieles muss man auch gar nicht auf spätere Jahrhunderte warten, da wissen wir an sich schon ziemlich gut, dass das verwerflich und falsch ist. So wie auch im 18. und 19. Jahrhundert schon Menschen wussten oder wenigstens wissen konnten, dass Sklaverei nicht so ganz in Ordnung ist. Wichtiger als die moralische Beurteilung ist sowieso das Wissen über Ursachen, Verlauf und Veränderung geschichtlicher Abläufe. Mit moralischer Empörung allein lässt sich aus der Geschichte nichts lernen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.