Mahnmal in Nantes: Die späte Reue der Sklavenhandel-Metropole

Aus Nantes berichtet Stefan Simons

Vertuscht, verdrängt, vergessen: Die Sklaverei hat Frankreichs Atlantik-Metropole Nantes einst reich gemacht. Jetzt hat die Stadt am zentralen Ort des Schreckens ein Mahnmal errichtet. Die Widerstände waren noch fast 200 Jahre nach Abschaffung des Menschenhandels groß.

Sklaverei: Nantes' dunkle Vergangenheit Fotos
Chateau des ducs de Bretagne/ Musée d'histoire de Nantes

Der Schrecken trug poetische Namen: "Le Prudent", ("Der Umsichtige"), "La Légère" ("Die Leichte") oder "Les Trois Maries" ("Die drei Marien"). Die Schiffe, benannt in der Hoffnung auf gute Fahrt oder getauft mit christlichen Vornamen, waren im 18. Jahrhundert Mittel eines brutalen Geschäfts zwischen Europa, Afrika und Amerika: dem Sklavenhandel, bei dem binnen rund 400 Jahren mindestens 13 Millionen Menschen unter grauenvollen Umständen aus Afrika in die Kolonien der Neuen Welt verschifft wurden.

Nantes spielte bei der "größten erzwungenen Migration der Weltgeschichte" eine zentrale Rolle: Zwar stiegen ihre Kaufleute erst lange nach Portugiesen, Spaniern und Briten in den einträglichen Sklavenhandel ein; doch während des 18. Jahrhunderts wurde die Metropole an der Loire zur zentralen Drehscheibe des atlantischen Dreiecksgeschäfts - und zur wichtigsten Hafenstadt Frankreichs. Mehr als 40 Prozent des französischen Skavenhandels wurden hier abgewickelt - rund 450.000 Männer, Frauen und Kinder wurden von Afrika nach Amerika verschleppt. "Ein Handel, auf den sich nicht nur die großen Familien spezialisierten", sagt Marie-Hélène Jouzeau, Kuratorin für das historische Erbe der Stadt Nantes. "Daran war nicht nur die gesamte Kaufmannschaft beteiligt, die ganze Region profitierte davon."

Jetzt hat Nantes das "Mahnmal für die Abschaffung der Sklaverei" eröffnet - eine Premiere für Europa. Es steht an einem geschichtsträchtigen Ort: Am Quai de la Fosse legten die Sklavenschiffe an, bevor sie nach Afrika aufbrachen. Die Installation schneidet als schräge Wand aus mattem Glas durch die Uferpromenade: 1710 im Pflaster eingelassene Platten erinnern an die Namen der Sklavenschiffe.

Im Stockwerk darunter, einem dämmerigen, vom Flusswasser umspülten Gang, führt ein Holzsteg an den transparenten Schrägen vorbei. Neben dem Wort Freiheit, gesetzt in 40 Sprachen, geben die hier zitierten Gedichte, Dokumente und Fragmente Zeugnis vom mehr als 200-jährigen Kampf gegen Sklaverei und Unterdrückung. Ein "Erinnerungsparcours" verbindet das Denkmal zudem mit dem Geschichtsmuseum der Stadt, wo der Sklavenhandel mit ergreifenden Dokumenten belegt wird.

"Dunkles Kapitel in der Geschichte unserer Stadt"

"Eine Form der Gedächtnisarbeit" nennt Bürgermeister Jean-Marc Ayrault das Denkmal, mit dem sich Nantes bewusst seiner Vergangenheit stellt: "Eine Einladung zur Reflexion über ein dunkles Kapitel in der Geschichte unserer Stadt."

Die düsteren Ursprünge seines Reichtums hat Nantes lange vergessen, verdrängt, vertuscht. Dass der Wohlstand der großen Familien, wie der Michel, der Montaudouin und der Sarrebourse d'Audeville sowie die Pracht der Architektur auf den Sklavenhandel zurückgingen, blieb "quantité négligable" - ein vernachlässigtes Detail der Geschichte, zugedeckt von kollektivem Schweigen.

Die Stadt, heute bekannt für das Schloss der bretonischen Herzöge, für sein Kunstfestival und den Karneval, rühmte sich stets seiner Historie als großer Industrie- und Kolonialhafen. Nach dem Zweiten Weltkrieg noch ein Zentrum für Industrie und Schifffahrt, vollzog Nantes binnen der letzten Jahrzehnte die Wende zum Dienstleistungszentrum. Dabei blieb der Blick stets fest nach vorn gerichtet - auf Ausbau, Infrastruktur und Modernisierung.

200 Jahre zuvor luden die Segler an den Docks von Nantes bedruckte Stoffe, Schmuck und Schnaps, die an Afrikas Küsten eingetauscht wurden gegen Zucker, Kakao, Kaffee, Baumwolle, Indigo - und Menschen. Das erforderte eine komplette Infrastruktur: Schiffsbauer, Reeder und Ausrüster beteiligten sich, die lukrativen Fahrten wurden meist von mehreren Kaufleuten auf Pump vorfinanziert.

Menschliche Fracht in qualvoller Enge

Die Tauschwaren waren kein billiger Tand. Original-Ladelisten eines Dreimasters aus Nantes belegen, dass bis zu 80 Prozent der Fracht aus Textilien bestanden, dazu Pistolen, Säbel, Perlen, Spiegel. Gut zwei Monate brauchten die vollbeladenen Segler bis zu den Umschlagplätzen Afrikas: Rund 400 sogenannte Kontore zählte man damals zwischen Bissau und Mosambik. Hier verhandelten die weißen Kaufleute mit den Vertretern der afrikanischen Könige über den Ankauf der Sklaven - manchmal bis zu sechs Monate lang.

Anschließend wurden die Schiffe vor Ort für die lebendige Ware umgerüstet. Ein im Geschichtsmuseum erhaltener Plan aus dem 18. Jahrhundert zeigt das am Beispiel der "Marie Séraphique": In der Bilge direkt oberhalb des Kiels wurden Vorräte in Fässern gebunkert, genauso wie auf dem Oberdeck. Im Zwischenraum lagerte die menschliche Fracht in qualvoller Enge, in Männer- und Frauen-Pferchen getrennt, jeweils als Paar in Eisen gelegt. Je nach Schiffstyp wurden rund 300 Gefangene transportiert, zu zwei Dritteln Männer und zu einem Drittel Frauen.

Der Transport der Reeder aus Nantes führte in die Karibik, meist auf die Antillen oder in die spanische Kolonie Santo Domingo auf dem Gebiet der heutigen Dominikanischen Republik. Dort wurden die Arbeitskräfte aus Afrika von den heimischen Plantagenbesitzern und Kolonialherren erwartet. Nach genauer Begutachtung, so die historische Buchführung, wechselten "Neger, Negerinnen und Negerkinder" den Besitzer. Schiffseigner wie Kapitäne wollten, dass die Sklaven die wochenlangen Fahrten möglichst unbeschadet überstanden. Dennoch starben zwischen 13 und 19 Prozent der Gefangenen auf See - durch Krankheit, Selbstmord oder bei der Niederschlagung von Rebellionen.

Skrupellose Geschäftemacherei

Skrupel? Gewissensbisse? Moralische Bedenken? Nicht bei den Reedern, Bürgern von Nantes, die vom Handel profitierten. Ein eigenes Gesetzeswerk, der sogenannte Schwarze Kodex, hatte 1685 das Sklavengeschäft legalisiert: Es war vom Königshaus nicht nur autorisiert, sondern ausdrücklich gefördert und von der Kirche beschrieben als "gewöhnliche Beschäftigung". Die neureichen Familien schmückten sich ohne Scheu mit luxuriösen Stadtpalästen, exotischen Möbeln, sogar mit Freigelassenen, die als Bedienstete ausstaffiert wurden.

Noch in der Zeit nach der Französischen Revolution von 1789 leistete die Lobby der Kaufleute erbitterten Widerstand gegen die Abschaffung des Sklavenhandels - obwohl auch in Nantes eine Mehrheit der Bürger die neuen republikanischen Werte "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" unterstützte. Selbst nach einem ersten gesetzlichen Verbot von 1817 beteiligten sich Handelshäuser aus Nantes weiter am nun illegalen Sklavengeschäft.

Zurück blieb, so Kuratorin Jouzeau, ein "Gedächtnisverlust, gespeist von einem verzerrten Blick zurück auf das große Zeitalter des Sklavenhandels." Erst Anfang der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts begann ein Umdenken unter Historikern, Vereinen und Lokalpolitikern. Es folgte die Idee, die Erinnerung an den Sklavenhandel auch in der Stadt sichtbar zu verankern. "Kein einfacher Weg", resümiert Bürgermeister Ayrault. "Doch nach anfänglichem Widerstand einiger Reaktionäre fand sich unter Bürgern und Politik eine Mehrheit."

Das Mahnmal, geschaffen von den Künstlern Krzysztof Wodiczko und Julian Bonder, will mehr sein als ein Memento an eine vergangene Tragödie. Denn am Quai de la Fosse wird nicht nur die Gründungsakte der Uno-Menschenrechtserklärung von 1948 zitiert: "Niemand soll in Sklaverei oder Knechtschaft gehalten werden, Sklaverei und Sklavenhandel sind in jeder Form verboten." Eine Aufforderung zum Handeln - denn daneben steht der erschütternde Hinweis, dass noch heute 27 Millionen Menschen weltweit in Sklaverei leben.

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1.
Thomas Schröter 23.04.2012
Sarko sollte als "Widergutmachung" (und zu Sicherstellung eines bleibenden europäischen Einfluß in Afrika) ein panafrikanisches Entwicklungsprojekt initiieren. Man sollte entsprechende Initiativen nicht nur den Chinesen überlassen. Ein möglicher Anfang könnte ein panafrikanisches Hochgeschwindigkeitseisenbahnnetz auf der Basis des französischen TGV sein. Eine solche Initiative, die ganz nebenbei auch der europäischen Rohstoffversorgung dienen könnte, würde viele Arbeitsplätze in Frankreich sichern und könnte wahlentscheidend sein.
2.
Thomas Schröter 23.04.2012
Sarko sollte als "Widergutmachung" (und zu Sicherstellung eines bleibenden europäischen Einfluß in Afrika) ein panafrikanisches Entwicklungsprojekt initiieren. Man sollte entsprechende Initiativen nicht nur den Chinesen überlassen. Ein möglicher Anfang könnte ein panafrikanisches Hochgeschwindigkeitseisenbahnnetz auf der Basis des französischen TGV sein. Eine solche Initiative, die ganz nebenbei auch der europäischen Rohstoffversorgung dienen könnte, würde viele Arbeitsplätze in Frankreich sichern und könnte wahlentscheidend sein.
3.
w.o. 23.04.2012
"...Die Stadt, heute bekannt für das Schloss der Herzöge von Burgund, ..."! Wenn Herr Simons auch noch erklären könnte, wo in Nates oder überhaupt der Bretagne sich dieses Schloss befindet, wäre ich von seinem Wissen noch mehr beeindruckt.
4.
xRGBx 23.04.2012
Zitat von Thomas SchröterSarko sollte als "Widergutmachung" (und zu Sicherstellung eines bleibenden europäischen Einfluß in Afrika) ein panafrikanisches Entwicklungsprojekt initiieren. Man sollte entsprechende Initiativen nicht nur den Chinesen überlassen. Ein möglicher Anfang könnte ein panafrikanisches Hochgeschwindigkeitseisenbahnnetz auf der Basis des französischen TGV sein. Eine solche Initiative, die ganz nebenbei auch der europäischen Rohstoffversorgung dienen könnte, würde viele Arbeitsplätze in Frankreich sichern und könnte wahlentscheidend sein.
Sie kapieren es nicht! Die afrikanischen Machthaber wollen keine europäischen Projekte. Euopäer fragen zuviel und fordern zuviel. Die Chinesen zahlen ihre Rostoffe, bauen ihre Projekte und was mit dem Geld geschieht ist ihnen egal. Die afrikanischen Präsidenten bauen sich halt lieber neue Paläste, statt den Armen zu helfen.
5.
glasmilch 23.04.2012
Diese steht im Gegensatz zum Gesetz, das vor wenigen das frz. Parlament erlassen hat, das sagt, dass die Kolonisierung im Grossen und Ganzen positiv einzuschätzen ist. Dieser Versuch der Geschichtsschreibung von Politikern ist unverständlich und peinlich. Während das Land als grossartig dargestellt werden soll, wird genau das Gegenteil erreicht. Die Verbrechen der Einzelnen sind, selbst wenn sie im Namen des Landes geschehen, vor allem den Einzelnen zuzuschreiben. Anstatt sich abzugrenzen, verbindet das Gesetz diese jedoch direkt mit dem Land... Die Aufarbeitung der Sklaverei in Nantes ist dagegen sehr positiv. Es gibt dem Einzelnen die Klarsicht und die Kraft, in anderen Situationen das Richtige zu tun. Nur das ist geschichtliche Aufarbeitung.
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