Skurrile Pilgerfahrt Mathe-Nerds tanzen um den Pi-Schrein

Mit den Ziffern 3,14159 beginnt die berühmteste Zahl der Welt, am 14. März Punkt 1.59 Uhr wurde sie gefeiert: 130 Pi-Pilger tanzten in San Francisco 3,14-mal um einen Schrein für die Kreiszahl und sangen "Happy Birthday" für Albert Einstein. SPIEGEL ONLINE feierte mit.

Von , San Francisco


Sie sind Pi. Die drei. Das Komma. Die ersten 130 Nachkommastellen. Jeder Partygast verkörpert eine Stelle der unendlichen Zahl. An langen Stöcken halten Menschen Ziffern in die Luft und schlängeln sich durch das Exploratorium, ein schrilles Wissenschaftsmuseum in San Francisco, das dort steht, wo die Stadt endet und der Ozean beginnt.

Seit 21 Jahren huldigen Wissenschaftler, Normalos und Computer-Nerds im Exploratorium der Zahl Pi mit einem skurrilen Mathe-Marsch. Der Höhepunkt des Rituals findet stets am 14. März um 13.59 Uhr statt. Wenn man Datum und Uhrzeit wie in Amerika üblich notiert - 3/14 1:59 p.m. -, sind zu diesem Zeitpunkt exakt die ersten sechs Ziffern von Pi zu sehen: 3,14159.

Laut Larry Shaw, dem Erfinder der Veranstaltung, soll die Pi-Party ironisch daran erinnern, dass die Kreiszahl auch im Computerzeitalter noch immer ein Mysterium ist. Denn zwar kennen Forscher die Zahl, die das Verhältnis des Umfangs eines Kreises zu seinem Durchmesser definiert, auf mehr als 1.241.100.000.000 Nachkommastellen genau. Doch noch immer suchen Wissenschaftler vergeblich nach Mustern in der Kreiszahl. Pis innerstes Wesen ist noch immer ein Geheimnis.

"3.14159265358979323846264338327950…"

Der mathematische Marsch bekommt musikalische Untermalung. Shaw hat einen Ghettoblaster angeschaltet, aus dem der Klassik-Evergreen "Pomp and Circumstance" scheppert. Eine Computerstimme singt zur Melodie die Zahl Pi. "Three, point, one, four, one, five, nine, two..." Die menschliche Zahlenkolonne bricht in gackerndes Gelächter aus. Museumsbesucher bleiben stehen, glotzen, fotografieren. "Bitte nicht stehenbleiben", sagt Shaw. "Wir müssen weiter. Um genau 13.59 Uhr müssen wir am Pi-Schrein eintreffen.

Larry Shaw läuft den 130 Pi-Aktionisten leichtfüßig vorweg, den Ghettoblaster in der einen Hand, ein Albert-Einstein-Banner in der anderen (der 14. März ist auch Einsteins Geburtstag). Mit seiner roten Pudelmütze und der Boombox, seinem psychedelischen Hemd und dem Rauschebart wirkt er wie eine Mischung aus einem Althippie und einem jüdischen Rapper.

Die Pi-Party des emeritierten Physikprofessors findet mittlerweile sogar im US-Kongress Beachtung. Der nahm sich am vergangenen Mittwoch eine Auszeit von Weltwirtschaftskrise und Irak-Krieg und erklärte den 14. März mit 391 zu zehn Stimmen offiziell zum Pi-Tag. "Ich denke mir das nicht aus", sagte der republikanische Senator Brian Baird nach der Sitzung dem Blog " Politico". "Schon als Kind war ich von Pi fasziniert."

"… 288419716939937510582097494459230781640628620899 …", singt die Computerstimme blechern zu "Pomp and Circumstance".

Hintereinander steigen die Ziffernträger die Treppe zum Pi-Schrein hinauf.

Nathan, Nachkommastelle zehn, trägt ein blaues Pi-Shirt. "Ich bin Pi-Man", sagt er, "ein mathematischer Superheld".

Michael, Nachkommastelle 76, arbeitet im Silicon Valley. "Ich programmiere Software, die Software programmiert", sagt er. "Aber das kann man jetzt nicht so einfach erklären."

Eugene Gonzales ist der letzte, der zum Schrein emporsteigt. Auf seinem Schild stehen statt einer Zahl drei Punkte, was andeuten soll, dass sich Pi unendlich fortsetzt, dass hinter ihm noch bis in alle Ewigkeit Menschen mit Zahlen-Pappschildern zum Pi-Schrein pilgern könnten.

Neben ihrer Unendlichkeit ist die Zahl Pi irrational, kann also nicht als Bruch zweier ganzer Zahlen dargestellt werden. Und sie ist transzendent, es gibt kein Polynom mit rationalen Koeffizienten, wie beispielsweise xn + an-1xn-1 + ... + a1x + a0, dessen Nullstelle Pi ist. Die ungefähre Größe der Kreiszahl indes ist seit mehreren tausend Jahren bekannt. Bereits in der Bibel taucht 3 als Schätzung für Pi auf, Archimedes gab die Zahl mit 3,14 an. Die erste exakte Formel zur Pi-Berechnung entwickelte 1593 der französische Mathematiker François Viète, weitere stammen unter anderem von John Wallis und Gottfried Leibniz.

"… 862803482534211706798214808651328230664709384460 …", scheppert die Computerstimme.

Shaw stemmt sein Einstein-Banner auf den Pi-Schrein, eine Messingplatte auf dem Boden, vielleicht zehn Zentimeter im Durchmesser, die sich genau im Zentrum des kreisrunden Exploratoriums befindet. Das Pi-Symbol prangt groß auf der Platte, dahinter 3,14 in großen Ziffern, dann schlängeln sich, kleiner graviert, die ersten hundert Nachkommastellen im Uhrzeigersinn um die Platte.

Die 130 Pi-Pilger folgen nun dieser Bewegung. 3,14-mal gehen sie um den Schrein herum, um der Kreiszahl zu huldigen. "Leute laufen in vielen Kulturen und Religionen um Dinge herum, um ihnen Respekt zu zollen", sagt Shaw und grinst sein sanftes Buddha-Grinsen. Dann stimmt er "Happy Birthday" an, aber nicht für die Pi, sondern für Albert Einstein.

" … 9550582231725359408128481117450284102701 …", scheppert die Computerstimme aus der Boombox kakophonisch dagegen.

In den Messingschrein sind neben der Kreiszahl noch zwei weitere Dinge eingraviert. Unter dem Pi-Symbol stehen die Zahl 42 und die Worte "Der interdimensionale Rotator". Die Zahl ist eine Anspielung auf Douglas Adams' Nerd-Bibel "Per Anhalter durch die Galaxis". In der Geschichte errechnet sie der Supercomputer "Deep Thought" als "die Antwort auf die große Frage nach dem Leben, dem Universum und allem".

"Der interdimensionale Rotator", erläutert Shaw, "ist eine Anspielung an den Unwahrscheinlichkeitsantrieb in Adams Buch." Dieser ist eine Art Reise-Zufallsgenerator, der ein Raumschiff per Knopfdruck an irgendeinen beliebigen Punkt in Zeit und Raum teleportiert. "Es gibt in der Physik die Theorie, dass die Raumzeit, grob gesagt, aus einem einzigen Photon besteht", sagt Shaw. "Wer die Koordinaten dieses Photons kennt, könnte theoretisch an jeden beliebigen Punkt in der Raumzeit reisen."

Was das mit dem Pi-Schrein zu tun hat, erklärt er nicht. Aber er erzählt, dass seine Kultstätte der Mathematik ursprünglich keine Messingplatte sein sollte, sondern ein mit Solarenergie betriebener Computer, der morgens, wenn die Sonne aufgeht, beginnt, Nachkommastellen von Pi zu berechnen, und sich abends, wenn die Sonne untergeht, schlafen legt.

"…6229489549303819644288109756659". Stille.

Shaw schaltet den Kassettenrecorder ab. Die Pi-Pilgerfahrt ist beendet. Nun fehlt nur noch ein entscheidendes Ritual. Auf einem großen Tisch im Exploratorium stapeln sich Erdbeer-, Brombeer-, Apfel- und andere Kuchen (englisch: Pie). "Um Pi wirklich zu verinnerlichen, muss nun jeder ein Stück davon essen", sagt Shaw und beißt selbst in ein Stück Nusstorte.

Und auch ein Unterhaltungsprogramm für den weiteren Nachmittag hat er organisiert. Es gibt Pi-zza-Bäcker, die Mathe-Nerds beibringen, wie man mit Teig jongliert und eine Bühne auf der Pi-Kus gedichtet werden - Gedichte, angelehnt an das Versmaß des japanischen Haiku, mit der Zahl Pi.

Ob man das Mysterium der Zahl jemals ganz ergründen wird? Shaw schwadroniert kurz über den Gödelschen Unvollständigkeitssatz, dann darüber, warum man während eines Acid-Rauschs manchmal die eigenen Körperteile mehrfach sieht.

Dann lächelt er und sagt: "Pi ist irrational und transzendent. Ähnlich wie die Wirklichkeit, die wir auch nur im Ansatz begreifen. Ich denke nicht, dass sich dieses Mysterium jemals lösen lässt."



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Seite 1
mavoe 15.03.2009
1. e
Dann vermisse ich immernoch ne alljährliche Party am 27.1. um 8.28 Uhr
gorge11, 15.03.2009
2. Industriezeitalter
Zitat von mavoeDann vermisse ich immernoch ne alljährliche Party am 27.1. um 8.28 Uhr
Die müsste dann der Spiegel(onl) erklären. Das ist etwas schwieriger (zu verstehen) als das Verhältnis eier Kreisinnenstrecke zum Umfang eines Kreises. Sie auch die Grundlage des Industriezeitalters.
mavoe 15.03.2009
3. Leonhard Euler
Ich sag nur: exp(I*Pi) + 1 = 0 Also existiert Gott! (Zitat von Euler)
DJ Doena 15.03.2009
4. Euler
Zitat von gorge11Die müsste dann der Spiegel(onl) erklären. Das ist etwas schwieriger (zu verstehen) als das Verhältnis eier Kreisinnenstrecke zum Umfang eines Kreises. Sie auch die Grundlage des Industriezeitalters.
Wieso? Mit Bierschaum geht alles zu erären. ;-)
nursoma, 15.03.2009
5. mal ne frage an die Profis :
Ist eingentlich ein Quadrat DENKBAR mit der gleichen Fläche eines beliebigen Kreises ?
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