Slowenisches AKW Erhöhte Strahlungswerte am Tag vor dem Störfall

Das Leck im Kühlkreislauf des Kernkraftwerks Krsko hat für Aufruhr gesorgt. Bereits Stunden vor Bekanntwerden des Störfalls haben Messstation in der Umgebung des slowenischen AKW einen Anstieg der Gammastrahlung registriert. Slowenische Experten haben dafür eine simple Erklärung.

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Noch ist nicht bekannt, was genau im Atomreaktor Krsko in Slowenien geschah. Am 4. Juni kurz nach 15 Uhr hatten die Betreiber nach eigenen Angaben ein Leck im primären Kühlwasserkreislauf festgestellt, der Reaktor wurde umgehend heruntergefahren. Der Störfall wurde per EU-Warnsystem "Ecurie" verbreitet, der Alarm sorgte in ganz Europa für Aufregung. Mittlerweile haben die Behörden Fehler in der Kommunikation eingestanden, denn der Zwischenfall war offenbar weniger schwerwiegend, als zunächst behauptet.

Strahlungspeak am Abend des 3. Juni: Freisetzung aus dem AKW Krsko?

Strahlungspeak am Abend des 3. Juni: Freisetzung aus dem AKW Krsko?

Wenn Betreiber von Atomkraftwerken widersprüchliche Meldungen verbreiten, dann werden Beobachter misstrauisch - zu Recht, wie beispielsweise die Störfälle in Brunsbüttel und Krümmel gezeigt haben. Im Fall Krsko wandte sich Rebecca Harms, Europaabgeordnete der Grünen, an SPIEGEL ONLINE. Es gebe Indizien dafür, dass das Leck nicht erst am Nachmittag des 4. Juni, sondern schon am Abend vorher aufgetreten sein könnte, erklärte sie und verwies auf Messdaten der European Radiological Data Exchange Platform - kurz Eurdep, auf der Ergebnisse von Stationen aus ganz Europa zusammengefasst sind.

In der Tat zeigen die Daten von Messpunkten im Umkreis von Krsko am Abend des 3. Juni, also knapp 20 Stunden vor dem Bekanntwerden der undichten Stelle im Kühlkreislauf einen Peak (siehe Grafik). Während die Hintergrundstrahlung in Skopice normalerweise um den Wert von 90 Nano-Sievert pro Stunde schwankt, stieg sie zwischen 20 und 22 Uhr auf rund 140 Nano-Sievert pro Stunde an. Ist das Leck womöglich schon früher aufgetreten als von der slowenischen Atomsicherheitsbehörde SNSA behauptet?

Diese Frage stellte sich auch Wolfgang Neumann, der für den atomkraftkritischen Verein Gruppe Ökologie in Hannover arbeitet. "Wenn es so einen Peak gibt, dann könnte er etwas mit einer Freisetzung zu tun haben", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Womöglich sei in dieser Zeit eine Leckage aufgetreten. Doch auch eine zufällig herangewehte radioaktive Wolke käme als Ursache in Betracht, betonte er.

Ein Leck im primären Wasserkreislauf kann tatsächlich auch in der Umgebung des Kraftwerks die Radioaktivität erhöhen, obwohl das verstrahlte Wasser sich dabei noch innerhalb des Reaktor-Schutzbehälters (Containment) befindet und nicht nach außen dringt. Über die Belüftung des Containments könnten geringe Mengen der Nuklide, etwa Cäsium oder Jod, nach außen gelangen, erklärt Helmut Hirsch, Experte für Nuklearsicherheit aus Hannover. Eingebaute Filter sollen dies zwar verhindern, hundertprozentig sicher arbeitet allerdings keiner.

An einen vertuschten Zwischenfall glaubt man in der slowenischen Atomsicherheitsbehörde SNSA nicht. Michel Cindro von der Strahlenschutzabteilung hat eine Erklärung für den Strahlungspeak vom 3. Juni: "Es hat an diesem Abend dort stark geregnet", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Regen wasche in der Luft befindliche natürliche radioaktive Nuklide aus, etwa Zerfallsprodukte von Radon. Dies führe zu erhöhten Strahlungsdosen am Boden, meist um Erhöhungen von bis zu 70 Prozent. "Wir messen Strahlung und Regenfälle immer gleichzeitig, um diesen Effekt herausrechnen zu können", erklärt er. "Ich bin mir absolut sicher, dass der Regen für den Anstieg an diesem Abend verantwortlich ist."



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