Smartphone-Etikette Fünf Handy-Regeln für ein besseres Leben

Smartphones sind nützlich - und sorgen gleichzeitig für eine Menge Ärger. Sie haben einfach zu schnell unseren Alltag erobert. Doch mit ein paar einfachen Regeln ließen sich viele Probleme vermeiden.

Geschwister mit Handys und Tablets
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Geschwister mit Handys und Tablets

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Echte Höflichkeit ist ein Ausdruck der Großzügigkeit des Herzens. Sie sorgt für Selbstlosigkeit, Wohlwollen, Freundlichkeit und die Einhaltung der goldenen Regel "Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest".

Aus dem "Gentlemens' Book of Etiquette" , erschienen 1860

Von den Kampfrufen der "Werfen Sie Ihr Smartphone weg!"-Fraktion wie Harald Welzer oder Hans-Magnus Enzensberger habe ich nie viel gehalten. Dieser Ratschlag ist in etwa so realistisch und zielführend wie der, doch ab jetzt bitteschön alle Wege zu Fuß zurückzulegen. Klar, das wäre gut für die Umwelt und vermutlich auch für die Volksgesundheit. Aber unser gesellschaftliches Zusammenleben hat ein höheres Maß an Mobilität eben längst eingepreist. Ohne sie würden weder das Berufsleben noch das Bildungssystem funktionieren.

Mit Smartphones ist es ähnlich, auch wenn sie in unserem Alltag erst seit weniger als zehn Jahren - 2007 kam das erste iPhone auf den Markt - eine nennenswerte Rolle spielen. Einem Teenager, Studenten oder Büroarbeiter 2017 vorzuschlagen, er solle auf sein Handy verzichten, ist so sinnvoll, wie einem Berufspendler das Auto wegzunehmen.

Gerade weil Smartphones unser Zusammenleben in so kurzer Zeit radikal verändert haben, ist dabei aber einiges auf der Strecke geblieben. Manieren zum Beispiel. Die ständigen Konflikte zwischen Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern, Chefs und Angestellten, die so entstehen, ließen sich mithilfe fünf einfacher Regeln fast vollständig aus der Welt schaffen. Die sind im Grunde nichts anderes als die Fortschreibung elementarer Höflichkeit.

1. Anwesenden ist im Gespräch der Vorzug zu geben

Diese erste Regel ist gleichzeitig die Basis für alle folgenden: Wenn Sie mit jemandem sprechen, seien es Ihre Kinder, Ihre Kollegen oder Ihre Freunde, dann haben diese Gesprächspartner Ihre volle Aufmerksamkeit verdient. Immerhin schenken sie Ihnen ihr wertvollstes Gut: Lebenszeit. Wer sich im Gespräch von jeder WhatsApp-Nachricht und jeder Eilmeldung ablenken lässt, wer zwischendurch mal nonchalant Facebook checkt, während das Gegenüber von seinem Urlaub erzählt, der signalisiert: Es gibt Wichtigeres als dich.

2. Vibrationsalarm ist nicht "lautlos"

Es muss gar nicht das klassische Konzert sein, in dem es alle paar Minuten aus irgendeiner Hand- oder Jackentasche "wrrrrrrrrrrrrrt!" schnarrt. Auch in einem persönlichen Gespräch kann ein vermeintlich lautlos gestelltes Smartphone, das bei jeder Kurznachricht oder Eilmeldung mit seinem Gesumme Dringlichkeit suggeriert, entsetzlich lästig sein. Unsere Telefone haben uns darauf konditioniert, ihren Signalen Aufmerksamkeit zu schenken. Man kann sich dem kaum entziehen, wie blinkender Werbung oder lautem Hupen im Straßenverkehr. Das hat evolutionsbiologische Gründe, Raubtier im Gebüsch und so weiter. Ein summendes Smartphone aber signalisiert in der Regel keine lebensbedrohliche Situation. Wer sich unterhält, wer mit Freunden oder Familie am Tisch sitzt, sollte sein Smartphone deshalb in den "Nicht stören"- Modus versetzen. Erst dann ist man wirklich vollständig anwesend. Auf iPhones geht das so, auf Android-Geräten so.

3. Wenn beim Meeting alle ihr Handy in der Hand haben, stimmt etwas nicht

Der Fall Meeting ist ein Spezialfall von Regel Nummer eins: Wenn Ihre Kollegen, Kooperationspartner oder wer auch immer Ihnen Zeit schenken, dann sollten Sie dieses Geschenk auch entsprechend würdigen. Wer währenddessen ständig auf seinen Touchscreen schielt, sagt damit einmal mehr: Es gibt Wichtigeres als das hier. Tatsächlich stimmt das in diesem Fall womöglich sogar: Ein Team, das feststellt, dass in Meetings alle auf ihre Smartphones starren, sollte vielleicht Sinn und Struktur der Sitzung überdenken. Vielleicht ist sie tatsächlich überflüssig, zu wenig fokussiert oder einfach zu lang?

4. Nachts bleibt das Smartphone draußen

Dass das blaue Licht von Handy-Bildschirmen schlecht für den Schlaf ist, gehört mittlerweile fast zur Allgemeinbildung. Spezielle Apps oder Handy-Funktionen wie "Night Shift" können da zwar Abhilfe schaffen, aber ein Teenager, der bis vier Uhr morgens Messenger-Nachrichten verschickt, ist am nächsten Morgen trotzdem zu nichts zu gebrauchen, lernt schlechter und wird leichter krank. Und das tun erschreckend viele, wie schon diverse Studien gezeigt haben.

Hier sind die Eltern gefragt, und zwar am besten alle gemeinsam: Warum nicht mal beim Elternabend anregen, dass alle Jugendlichen in der Klasse künftig ihre Smartphones vor dem Schlafengehen im Wohnzimmer oder der Küche ablegen? Dann muss niemand das Gefühl haben, nachts wichtige Unter-der-Bettdecke-Chatrunden zu verpassen, es sind ja alle offline. Und schlafen hoffentlich.

Gesunde Handy-Etikette fehlt unserer Gesellschaft noch, warum sollten Elternrunden nicht die Keimzellen ihrer dringend notwendigen Entstehung sein, und sei es aus reinem Eigennutz? Am besten wäre es, wenn auch Erwachsene sich an diese Regel hielten, aber da bin ich wenig optimistisch.

5. Wer kein Vorbild ist, kann auch keine Manieren erwarten

Für Chefs, Eltern, Lehrer und andere mit Vorbildfunktion gilt: Wer sich an diese Regeln nicht hält, kann auch von den eigenen Untergebenen, Kindern, Schülern nicht erwarten, dass sie sie beherzigen. Eine gesellschaftsverträgliche Handy-Etikette zu entwickeln ist nicht schwer, und dabei ist es wie mit Höflichkeit ganz generell: Wer will, dass sich andere anständig benehmen, kann das nicht verordnen. Er muss es auch vorleben.

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insgesamt 146 Beiträge
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Seite 1
braumoeller73 05.03.2017
1. kein Handy beim Essen
Bei uns zu Hause gibt es eine Regel: Kein Handy während dem (gemeinsamen) Essen, ausser für Notfälle.
thelinguist 05.03.2017
2. genau!
Danke, genau so mache ich das seit etwa 2 Jahren. Ich könnte noch hinzufügen: - Nie außerhalb der Arbeitszeit Arbeits-E-Mails lesen. Vor allem nicht im Urlaub. (Ich habe mein Arbeits-E-Mail-Account auf meinem Smartphone übrigens abgemeldet.
Crom 05.03.2017
3.
Da mein Smartphone gleichzeitig mein Wecker und Kalender ist, werde ich das sicher nicht in der Küche oder sonstwo ablegen. Wer sich vom Brummen eines Smartphones gestört fühlt, sollte vielleicht in die Wildnis ziehen, zu dem kann es sein, dass die Nachricht dann doch wichtig ist, wichtiger als das aktuelle Blabla.
Dromedar 05.03.2017
4. In das Schema
gehört dann aber auch, das synchrone Kommunikation im Berufsleben eben die Ausnahme sein sollte. Sprich, direkte Störungen, wo es auch Slack oder ähnliches getan hätten, sind einfach sehr unhöflich, selbst wenn man gemeinsam im Büro gegenüber sitzt. Und ja, Meetings sind fast immer überflüssig - das meiste lässt sich mit dem richtigen Tools besser asynchron machen. Und wenn doch nötig, dann Teilnehmer-Anzahl auf das nötige begrenzen und dann aber auch alles sofort elektronisch erfassen, was besprochen wird (geht mit Laptop besser als mit Smartphone). Dann weiß man das später auch noch und kann auch die Nicht-Anwesenden davon informieren.
TheBear 05.03.2017
5. Eine Generation
Die guten Ratschläge sind natürlich alle sehr sinnvoll. Es wird aber eine Generation dauern - wenn wir uns alle anstrengen - bis sie umgesetzt werden. Vor allem, weil der einfachste Ratschlag nicht gegeben wurde: Das Handy während grosser Teile des Tages, und ganz bestimmt während der Nacht, einfach ganz ausschalten. Das bringt auch was gegen das "mein Akku ist leer"-Problem.
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