Raumfahrer Aufenthalt im All verändert Gehirn langfristig

Dass längere Flüge im All Spuren im Gehirn von Raumfahrern hinterlassen, ist bekannt. Wissenschaftler haben nun herausgefunden, dass diese Veränderungen nicht nur kurzfristig sind.

US-Raumfahrer Nick Hague unmittelbar vor seinem später fehlgeschlagenen Flug zur ISS
AFP

US-Raumfahrer Nick Hague unmittelbar vor seinem später fehlgeschlagenen Flug zur ISS


Zehn russische Kosmonauten hatten die Forscher untersucht - vor ihrem Flug, unmittelbar danach und später noch einmal mit monatelangem Abstand zur Reise ins All. Nun präsentieren sie ihre Ergebnisse: Längere Aufenthalte im Weltraum verändern demnach das Gehirn von Raumfahrern nicht nur kurzfristig, wie das internationale Team im "New England Journal of Medicine" berichtet.

Auch ein halbes Jahr nach der Rückkehr der Raumfahrer von Langzeitmissionen im All gebe es demnach noch "großflächige Volumenänderungen", heißt es von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München. Forscher von dort waren an der Studie beteiligt. Es gebe, so berichten die Mediziner, Hinweise darauf, dass die Auswirkungen auf das Gehirn größer sind, je länger die Menschen sich im Weltall aufhalten.

Die Forscher beobachteten bei den Raumfahrern auch noch rund sieben Monate nach deren Rückkehr zur Erde ein geringeres Volumen der sogenannten grauen Substanz. Das ist der Teil des Großhirns, der hauptsächlich Nervenzellen enthält. Dieser Effekt bildete sich im Verlauf des halben Jahres nach der Landung etwas zurück - aber nicht vollständig.

Untersuchungen im Magnetresonanztomographen zeigten außerdem, dass sich der mit Nervenwasser, dem sogenannten Liquor, gefüllte Raum im Großhirn ausgeweitet hatte. Und auch an der weißen Substanz, also dem Teil des Hirngewebes, der vor allem aus Nervenfasern besteht, ließen sich Veränderungen feststellen: Unmittelbar nach der Landung sah es zwar noch nicht danach aus, doch war sie dann ein halbes Jahr im Vergleich zu den früheren Untersuchungen geschrumpft.

Ob die Veränderungen relevant für das Denkvermögen der Raumfahrer sind, ist nach Forscherangaben noch unklar. Belegt sind den Angaben zufolge bislang nur Veränderungen des Sehvermögens, die - so vermuten die Forscher - durch den Druck des ausgedehnten Nervenwassers auf die Netzhaut und den Sehnerv entstanden sein könnten.

Die Forscher hatten zwischen 2014 und 2018 zehn russische Raumfahrer untersucht, die im Schnitt 189 Tage auf der Internationalen Raumstation verbracht hatten. Vor dem Abflug und nach der Rückkehr zur Erde wurden Scans durchgeführt; bei sieben der Kosmonauten rund ein halbes Jahr später noch einmal.

"Wir sind die ersten, die über einen längeren Zeitraum nach der Landung Veränderungen untersuchen konnten", sagte Peter zu Eulenburg, einer der beteiligten Forscher. Um die Risiken bei Langzeitmissionen zu minimieren, seien zusätzliche und längerfristige Studien unbedingt notwendig.

Dass längere Aufenthalte im Weltall die Gehirnstruktur von Raumfahrern verändern können, hatten bereits frühere Studien gezeigt. Dazu gehörte auch ein Projekt der US-Weltraumagentur Nasa, an dem auch das Universitätsklinikum Frankfurt beteiligt war.

Dabei hatten die Forscher beobachtet, dass Astronauten, die von der ISS zurückkehrten, häufig von Sehstörungen und Kopfschmerzen berichteten. Die Wissenschaftler entdeckten eine Verengung der Zentralfurche im Hirn der Astronauten, außerdem hatte sich bei allen das Gehirn nach oben verschoben.

chs/dpa

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