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Söldner im Dreißigjährigen Krieg: Handwerker des Todes

Von Johannes Strempel

Zwei Männer kämpfen im Herbst 1638 um die Rheinfestung Breisach. Der eine, Peter Hagendorf, schreibt ein Tagebuch. Der andere, Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, verfasst einen Roman. Beide sind Söldner, die im großen Krieg mordend und raubend durchs Land zogen - aus der Not heraus.

Seit Monaten schon liegt der Feind vor Breisach. Alle Versorgungswege dieser wichtigen Festung der Habsburger am Oberrhein sind versperrt, kein Sack Getreide, kein Schaf gelangt mehr auf den 246 Meter hohen Basaltfelsen, der hier den mächtigen Strom beherrscht. Längst schlachten die Eingeschlossenen Hunde und Katzen, jagen Ratten nach, zerlegen verendete Pferde, kauen Gras, Wurzeln, Schafshäute.

Teilnehmer der Wallenstein-Tage in Stralsund (Juli 2000): Die Erinnerung an den Heerführer der kaiserlichen Truppen wirkt bis in die Gegenwart
DPA

Teilnehmer der Wallenstein-Tage in Stralsund (Juli 2000): Die Erinnerung an den Heerführer der kaiserlichen Truppen wirkt bis in die Gegenwart

Wie ermattete Gespenster schleppen sich die Menschen durch die Gassen der Stadt. Im Stockhaus kratzen die Gefangenen mit den Fingern den Verputz von den Wänden und würgen den bloßen Kalk hinunter, auf dem Markt tauschen reiche Bürgersfrauen ihre Juwelen gegen den letzten Vorrat Mehl.

Gerüchte gehen um. Vor Tagen Gestorbene seien wieder aus der Friedhofserde gescharrt, ihre Leiber aufgebrochen und die Innereien verschlungen worden. Und den Sohn eines Pastetenbäckers, so erzählt man sich, habe ein Trupp Soldaten weggelockt, mit dem Versprechen auf einen Bissen Brot. Dann hätten die Männer den Knaben getötet und verspeist.Breisach, das hat der deutsche Kaiser aus Wien befohlen, muss unbedingt gehalten werden. Denn über Breisach laufen die Nachschubwege der vereinigten habsburgischen Truppen im Kampf gegen ihre Feinde, die aufständischen Niederlande im Norden, die Franzosen im Westen, die Schweden und die Protestanten im Reich.

Zweimal schon sind kaiserliche Heere an dem Versuch gescheitert, den Ring um die Festung am Oberrhein zu durchbrechen. Im Auftrag des französischen Königs hat der Heerführer der Belagerer, Bernhard von Sachsen-Weimar, die Stadt mit gewaltigen Schanzwerken und Gräben umzogen.

Am 25. Oktober 1638 rennen 14.000 kaiserliche Soldaten erneut gegen die Stellungen der Belagerer an. Unter gewaltigen Verlusten erobern die Kaiserlichen schließlich im fünften Versuch eine Schanze, dann eine Brücke über den Rhein. Jetzt wäre der Weg frei, die Hungernden hoch oben in der Stadt über dem Fluss mit Proviant zu versorgen.

Irgendwo in diesem Inferno aus Feuer und Pulverdampf, unter dem Geschützdonner der Feldschlangen, Mörser und Kartaunen kämpft auf Seiten der Kaiserlichen ein Mann, der bereits seit über einem Jahrzehnt als Söldner dient. Er war in den Schlachten von Breitenfeld und Nördlingen dabei, ist bei Straubing für kurze Zeit zu den Schweden gewechselt und in Magdeburg verwundet worden - ein Veteran des nicht endenden Krieges, der sich hochgearbeitet hat vom Gefreiten zum Hauptmann einer Kompanie. Sein Name: Peter Hagendorf.

Auch ein junger Mann aus Hessen schlägt sich an diesem Oktobertag auf Seiten der Habsburger: vielleicht 16 Jahre alt, der rothaarige Sohn eines Bäckers, bereits als Kind hineingerissen in den Krieg. Er ist mit einem kaiserlichen Leibdragonerregiment hierher an den Oberrhein gezogen. Sein Name: Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen.

Beide Männer sind, ungewöhnlich genug für Söldner, des Schreibens mächtig, und beide werden Jahre später, in einem Frieden, mit dem niemand mehr gerechnet hat, ihre Erlebnisse aufzeichnen. Der eine, Peter Hagendorf, ersteht unmittelbar nach Kriegsende zwölf Bogen feinen Papiers, das er zu Lagen faltet und mit starken Fäden zusammenbindet. In dieses Tagebuch überträgt er seine Notizen und Erinnerungen aus den Feldlagern. Es sind nüchterne Protokolle der Schlachten, Märsche und Plünderungen, abgefasst in schnörkellosen, einfachen Worten. Erst dreieinhalb Jahrhunderte später, Mitte der 1980er Jahre, wird ein Historiker das Schreibheft in der Preußischen Staatsbibliothek Berlin entdecken - als einzigartiges Zeugnis eines Mannes, der davon lebte, andere zu töten.

Grimmelshausen hinterlässt keinen Lebensbericht, die Nachwelt kennt nur Bruchstücke seiner Biografie. Aber er verwandelt das Erlebte in Literatur: In seinen Romanen, Erzählungen und Kalendergeschichten beschreibt der Dichter als einer, "der auch dabey gewesen", das Grauen des Krieges eindringlicher als irgendjemand zuvor. Die Geschichte des "Abenteuerlichen Simplicissimus Teutsch" macht ihn unsterblich.

Grimmelshausen und Hagendorf: zwei Namen von Hunderttausenden in dem Heer der namenlosen Kriegshandwerker, die in jenen Jahren schießend und stechend, raubend und mordend durch die deutschen Lande ziehen. Oft ist es bloßer Zufall, wer auf der Seite des Kaisers, wer auf der seiner Gegner ins Gefecht zieht. Die Männer treibt nicht die Liebe zum Vaterland oder Frömmigkeit auf das Schlachtfeld von Breisach, auf die vielen anderen Schlachtfelder im Reich, sondern Not und Hunger.Sie sind Söldner. Ihr tödliches Handwerk üben sie gegen Bezahlung aus, in der Hoffnung auf Lohn, Brot und Beute.

Diejenigen, die nicht im Kampf sterben, verbringen doch fast ihr ganzes Leben im Krieg. Das Volk hasst und fürchtet sie als Plünderer und Brandschatzer, dabei geht es den Soldaten kaum besser als ihren Opfern. Begleitet von einem Tross aus Ehefrauen und Kindern, Huren und Händlern, ziehen die riesigen Heere mit ihren oft in Lumpen gehüllten Söldnern durch das ausgemergelte Land, immer häufiger auf der verzweifelten Suche nach Nahrung als nach dem Gegner.

Auch vor Breisach leiden nicht nur die Eingeschlossenen in der Festung Not, sondern auch die Belagerer unter Bernhard von Sachsen-Weimar. Trotzdem finden sie am 25. Oktober noch einmal die Kraft, die kaiserliche Armee zurückzudrängen. Sie machen die Soldaten auf der eroberten Rheinbrücke und der Schanze nieder, schlagen den Rest in die Flucht. Die Festung bleibt eingeschlossen.

In seinem Tagebuch notiert Peter Hagendorf: "Wir haben wieder davon gemusst, mit Schand und Spott." Mitte Dezember 1638, nach fünf Monaten Belagerung, geben die Hungernden in der Festung von Breisach auf. Der Stützpunkt der Habsburger am Oberrhein ist nun in der Hand Bernhards von Sachsen-Weimar.

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