Sonnenfinsternis 18-jähriger "SoFi"-Fan fast blind

"Ich bin einer von den Blöden", sagte ein Kieler zu seinem Augenarzt, nachdem er ungeschützt in die Sonne geblinzelt und sich dabei leichte Verbrennungen zugezogen hatte. Einen 18-jährigen Berliner traf es schwerer: Er verlor 90 Prozent seiner Sehkraft.


Im Großen und Ganzen konnten einen Tag nach der Sonnenfinsternis Augenärzte und Psychiater aufatmen: Trotz der teilweisen Hysterie um das Jahrhundertereignis blieben in Deutschland dramatische Zwischenfälle aus. Auch der befürchtete Run auf Augenkliniken setzte nicht ein. In München und Frankfurt ließen sich mehr als 170 Menschen behandeln. Die meisten hatten aber Glück und kamen mit einem "roten Auge" davon.

Ein böses Erwachen gab es allerdings für mindestens drei unvorsichtige Zeitgenossen, die das Naturschauspiel ohne Spezialbrille verfolgt hatten. Besonders schlimm traf es einen 18 Jahre alten Berliner, der bis zu 90 Prozent seines Augenlichts verlor. Er hatte die Verdunkelung der Sonne ohne jeglichen Augenschutz beobachtet, berichtete die behandelnde Ärztin in der Berliner Augenklinik Marzahn. Dabei erlitt er schwerste Verbrennungen der Netzhaut. Der junge Mann werde noch stationär behandelt. Ebenfalls mit Folgeschäden rechnen müssen nach Auskunft zweier anderer Kliniken ein 15-Jähriger in Schwerin und eine junge Frau in Berlin, die ebenfalls ungeschützt in die Sonne geschaut hatten.

Ausgerechnet in den Regionen, in denen die Sonne nur teilweise vom Mond verdeckt wurde, meldeten sich die meisten Patienten mit Augenbeschwerden, wie mehrere Kliniken bestätigten. Die Ärzte im Saarland, in Bayern und Baden-Württemberg verzeichneten dagegen nur sehr wenige Anfragen zu leichteren Beschwerden oder "aus Übervorsicht", wie ein Kliniksprecher berichtete. Rund 20 Millionen Brillen waren verkauft worden. Offenbar hätten die Warnungen der Mediziner gefruchtet, sagte Anselm Jünemann von der Universitäts-Augenklinik in Erlangen. "Die Menschen waren vernünftig." Nach Angaben anderer Mediziner kann es allerdings bis zu zwei Tage dauern, bis Augenschäden auftreten.

Auch die Psychiatrie-Abteilungen in Deutschland und Frankreich verzeichneten keinen Ansturm verängstigter Menschen. Zur Lachnummer geriet die gewagte Katastrophen-Prognose des Pariser Modeschöpfers Paco Rabanne: Der 65 Jahre alte Designer hatte den Absturz der russischen Raumstation Mir vorhergesagt. Nachdem das Unglück ausblieb, war er am Donnerstag in Paris offenkundig abgetaucht. Ebenfalls als Flop erwies sich der Bunker-Bau einer Sekte in Spanien. Rund 500 Anhänger der dubiosen Glaubensgemeinschaft hatten für den Tag der Sonnenfinsternis eine Sintflut vorausgesagt und deshalb einen Unterschlupf auf einem Hügel in der Nähe der spanischen Stadt Tarragona gebaut. Weder die Flut noch die Sektenjünger seien gekommen, berichteten spanische Journalisten.



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