Kalzit statt Kompass Forscher enträtseln Sonnenstein der Wikinger

Wie konnten die Wikinger ohne Kompass auf dem offenen Meer navigieren? Geheimnisvolle Sonnensteine sollen den Nordmännern die Richtung gezeigt haben, doch ihre Existenz war lange umstritten. Jetzt wollen Forscher in einem Schiffswrack ein altes Original entdeckt haben.

Corbis

Den Wikingern gelangen verblüffende seemännische Leistungen. Sagenumwobene Sonnensteine sollen sie sicher über die Meere geführt haben - und jetzt sind französische und britische Forscher überzeugt, im Wrack eines gesunkenen britischen Segelschiffs aus dem 16. Jahrhundert einen solchen Stein gefunden zu haben. In einer am Mittwoch in der Fachzeitschrift "Proceedings of the Royal Society A" veröffentlichten Studie schreiben sie, der Stein sei wie vermutet aus dem Mineral Kalzit.

Seit Jahrzehnten wird über solch transparente Sonnensteine spekuliert, die den Wikingern dabei geholfen haben sollen, mit ihren Schiffen Tausende von Kilometern in Richtung Island und Grönland zurückzulegen. Die Steine sollen es ermöglicht haben, den Stand der Sonne zu ermitteln - auch bei Wolken und sogar eine zeitlang nach Sonnenuntergang.

Einen Beweis für die Existenz solcher Steine gab es aber nicht. Im November 2011 berichteten Forscher um Guy Ropars von der Universität Rennes in der Bretagne von dem Fund eines Steins in einem britischen Schiffswrack im Ärmelkanal, der in ihren Augen die Theorie erhärtet, dass solche Sonnensteine tatsächlich genutzt wurden.

Über eine chemische Analyse eines kleinen Teils des Steins wies eine Forschergruppe um Ropars nun nach, dass der jetzt gefundene, rund fünf Zentimeter lange Stein tatsächlich aus Kalzit ist. Das Mineral spaltet Licht in zwei Strahlen auf. Wenn man durch einen solchen Block blickt, sieht man Objekte dahinter doppelt - daher der Name Doppelspat. Der Stein kommt in Skandinavien häufig vor.

"Kalzit ist magisch"

Mit einem gleich beschaffenen Kristall konnten die Forscher auch bei schwachem Sonnenlicht den Stand der Sonne mit großer Genauigkeit feststellen. Dies gelang sogar 40 Minuten nach Sonnenuntergang. "Für uns gibt es keinen Zweifel: Kalzit ist magisch", sagte Ropars.

Kalzit bricht Sonnenlicht in Abhängigkeit von seiner Position zur Sonne. Beim Blick durch den Stein sind zwei unterschiedliche Bündel des Sonnenlichts zu sehen. Durch Drehen des Steins kann eine Position erreicht werden, in der die Intensität beider Lichtbündel identisch ist. In diesem Moment zeigt der Kristall genau die Richtung der Sonne an.

Dass der Sonnenstein im 16. Jahrhundert - und damit Jahrhunderte nach Erfindung des Kompasses - an Bord eines britischen Schiffes mitgeführt wurde, erklären die Wissenschaftler damit, dass über die Funktionsweise des Kompasses damals noch wenig bekannt war. Weil eine Kompassnadel in der Nähe von Kanonen an Bord stark ausschlägt, könnte der Sonnenstein als zweites Navigationsinstrument gedient haben.

Bereits 2007 hatte Ramón Hegedüs von der Lorand-Eötvös-Universität in Budapest mit Kalzit experimentiert. Zumindest bei leicht bewölktem Himmel funktionierte die Methode, bei Nebel hingegen nicht. So waren damals noch Zweifel geblieben, ob Sonnensteine den Wikingern tatsächlich geholfen haben könnten.

nik/afp

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mr.mauve 06.03.2013
1. Wikinger im 16. Jahrhundert?
Mal ernsthaft. Nur weil dieser Stein auf einem Schiffswrack des 16. Jh.s, also der frühen Neuzeit, gefunden wurde, heißt das nicht, dass die Wikinger (Wikingerzeit von 793 bis 1066 n.Chr.), also die Skandinavier des frühen Mittelalters diese Steine genutzt haben. Die Art des Rückschlusses ist in höchstem Maße spekulativ. In einigen altnordischen Texten, vor allem den sogenannten "Märchensagas", die durchweg alle im hohen und späten Mittelalter verschriftlicht wurden (in einigen Fällen trifft auch der Ausdruck "entstehen" zu), werden solche Sonnensteine erwähnt. Zu ihrer Anwendung wird nichts gesagt, nur dass sie die Richtung anzeigen können (meist ist nichtmal klar, welche Richtung gemeint ist). Nun findet man auf einem englischen Schiff des 16. Jh.s einen Kalzit und stellt fest, dass man damit den Stand der Sonne bestimmen kann. Und weil dieses Mineral in Skandinavien häufig vorkommt, wird geschlussfolgert, dass die Wikinger diese Steine genutzt haben... Wie gesagt, die Texte sind durchweg einige hundert Jahre nach der Wikingerzeit niedergeschrieben worden/entstanden. Es handelt sich dabei um sogenannte Märchensagas, in denen Gestaltwandler, Untote und sogar fliegende Teppiche im Dutzend billiger kommen. Das Wrack ist englisch, nicht skandinavisch (auch wenn das nicht viel zu sagen hat, die Kontakte waren z.T. recht eng) und stammt aus der frühen Neuzeot, ist also nochmal jünger als die ominösen Texte. Und einzig und allein aus dem Vorkommen der Steine ein "Aber es könnte so gewesen sein"-Szenario zu basteln, das ist schlicht und ergreifend unwissenschaftlich (wenn auch sehr publikumswirksam). Flokis Raben sind da aber ebenso wahrscheinlich.
kernspalter 06.03.2013
2. Das Wort Doppelbrechung erfolgreich vermieden
Liebe Spon Redaktion, von den seemännischen Leistungen der Wikinger weiß ich nicht sehr viel, aber wenn ihr das Wort "Doppelbrechung" in dem Artikel einmal erwähnt hättet, es würde naturwissenschaftlich interessierten Lesern dabei helfen, das Phänomen durch Nachlesen genauer zu verstehen.
McUtty 06.03.2013
3. Der Stein ist magisch
Zitat: "Für uns gibt es keinen Zweifel: Kalzit ist magisch", sagte Ropars Zitat Ende - Was, bitteschön, ist denn an Kalzit magisch? Da ist alles, aber auch wirklich alles, rein physisch. Ropars hätte vor solchen Aussagen mal die GWUP (dem hochgeachteten Wissenschaftsverband gegen Esoschwachfug) fragen oder mal bei Psiram bezüglich Magie nachschlagen sollen. Ich sehe schon Scharen von Esospinnern die Kalzitvorräte der Steinhändler plündern. Solche Vokabeln gehören einfach nicht mehr unkommentiert verwendet.
h.möw 06.03.2013
4. olle Kamelle!
http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/navigation-sonnensteine-koennten-wikingern-den-seeweg-gewiesen-haben-a-795396.html
unglaeubig 06.03.2013
5. Sogar noch ollere Kamellen...
Darüber dass und wie die Wikinger Kalzit zur Navigation verwendet haben, habe ich schon 2001 ein Referat gehalten - und da hab ich ein Buch von 1975 als Quelle genommen, das übrigens auch bei Wikipedia verlinkt ist. ( http://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenstein ) Mit 3 Minuten Wikipedia-Recherche hätte der Autor dieses Artikels deutlich fundierter und weniger reißerisch berichten können...
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