Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Soziale Epidemien: Fettsucht ist ansteckend

Religionen, politische Meinungen, Fettsucht und Alkoholismus breiten sich aus wie Krankheiten - das zeigen Computer-Auswertungen von Lebensdaten vieler Tausend Menschen. Der Soziologe Nicholas Christakis erklärt im Interview, wie die sozialen Epidemien entstehen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Christakis, Sie haben herausgefunden, dass Fettsucht ansteckend ist. Freunde sind dabei die wichtigsten Überträger. Was ist daran neu, dass Freunde uns beeinflussen können?

Christakis: Das Ziel war nicht zu zeigen, dass wir uns beeinflussen lassen von Leuten, die wir kennen – das versteht sich von selbst. Unsere Studie zeigt, dass wir auch dem Einfluss von Leuten unterliegen, die wir gar nicht kennen, die jenseits unseres sozialen Horizontes liegen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Beispiel?

Christakis: Manchmal genügt es, dass der Freund eines Freundes meines Freundes zunimmt - ich nehme dann mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ebenfalls zu. Ich muss dafür gar nicht wissen, dass der Freund meines Freundes fett geworden ist. Irgendwie teilt sich mir mit, dass mein Freund tolerant genug ist, die Fettsucht in seinen Kreisen hinzunehmen. Damit hat sich verändert, was in meinem Netz als akzeptabel gilt. Und das verändert auch mich.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, ich habe nach wie vor keinen Umgang mit Fettsüchtigen, und trotzdem steigt das Risiko, dass es mich erwischt?

Christakis: Ja, der Freund, mit dem ich Umgang habe, muss selbst nicht dick werden. Normen können übertragen werden, ohne dass sich das Verhalten des Überträgers ändert. Das gleiche gilt übrigens für die Trinkgewohnheiten. Wie viel wir trinken und sogar was wir trinken, hängt oft ab von Leuten, die in unserem sozialen Netz ein paar Stationen von uns entfernt sind.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich würde man ja erwarten, dass die Trunksucht mehr mit persönlichen Problemen oder der Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe zu tun hat. Stichwort: Langzeitarbeitslose trinken, oder frisch Geschiedene trinken.

Christakis: Das sind sicherlich starke Risikofaktoren, aber es gibt stärkere. Das zeigen die Daten von 12.000 Bürgern der Kleinstadt Framington, die uns zur Verfügung standen. Das soziale Gewebe, das wir untersuchten, wies viele Nischen oder Taschen auf, in denen ungewöhnliches Trinkverhalten akzeptiert wurde. Ob jemand trinkt oder nicht, hängt weniger von seiner Zugehörigkeit zu einem sozialen Typ oder zu einer Schicht ab als vielmehr von seinen Freunden und deren Freunden. Also: nicht arme Menschen trinken, sondern vernetzte Gruppen von Menschen trinken.

Das Interview führte Manfred Dworschak


Einen ausführlichen Artikel zum Thema lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL: "Selbstmord durch Ansteckung"

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: