Spektakuläre Transplantation Ärzte verpflanzen erstmals Gesicht und Hände zugleich

Gewagter Eingriff: In einer 30-stündigen Operation haben französische Ärzte einem Mann erstmals gleichzeitig zwei Hände und einen Teil des Gesichts verpflanzt. Ein Brandunfall hatte den 30-Jährigen vor fünf Jahren entstellt - jetzt erhielt er Spenderorgane von einem Hirntoten.


Paris - Bei einem Brandunfall vor fünf Jahren hatte der junge Mann schwere Verletzungen erlitten: Sein Gesicht und seine Hände waren entstellt, in die Öffentlichkeit hatte er sich seither kaum noch gewagt. Seit dem Wochenende hat der heute 30-Jährige jedoch ein neues Gesicht. Erstmals haben Chirurgen in Frankreich einem Patienten gleichzeitig Gesicht und Hände transplantiert.

An der 30-stündigen Operation im Pariser Henri-Mondor-Krankenhaus waren mehrere Dutzend Ärzte beteiligt, wie die Klinikverwaltung mitteilte. Dem Patienten wurde zuerst der obere Teil des Gesichts verpflanzt, darunter Nase, Ohren und Lider. Die untere Gesichtshälfte hatte er bereits bei einer früheren Operation erhalten.

"Die Operation ist besonders schwierig, weil die Nerven bei den Lidern sehr fein sind", erklärten die Ärzte. Außerdem sei es sehr kompliziert, die Tränenkanäle exakt zu verbinden. Für einen der Ärzte, Laurent Lantiéri, ist es bereits die dritte Gesichtsübertragung.

Die Hände wurden oberhalb der Handgelenke transplantiert. Dabei wurden alle wichtigen Nerven, Sehnen und Blutbahnen erfolgreich verbunden. Die Organe stammen nach Angabe der Krankenhausverwaltung von einem für hirntot erklärten Patienten, dessen Angehörige der Organspende zugestimmt hatten. Lantiéri erklärte, der Patient sei in einem allgemein guten Zustand. Der Mann wurde in ein künstliches Koma gelegt, um die Genesung zu fördern.

Operation nach erfolgreichem Vorbild

Im Jahr 2005 hatte weltweit die erste Frau eine Gesichtstransplantation bekommen: die Französin Isabelle Dinoire. Die damals 38-Jährige war von ihrem Hund angefallen und im Gesicht schwer entstellt worden. Bei der Operation erhielt sie das Unterteil des Gesichtes - ein Dreieck aus Nase, Mund und Kinnpartie - von einer hirntoten Organspenderin. Zehn Monate nach der Operation konnte Dinoire ihre Lippen ganz schließen, nach 18 Monaten wieder normal lächeln.

Als zweiter Mensch bekam der damals 30-jährige Chinese Li Guoxing - er war entstellt durch einen Kampf mit einem Bären - im Jahr 2006 zwei Drittel des Gesichtes erneuert: eine neue Wange, eine Oberlippe, eine Nase und eine Augenbraue. Als dritter Mensch erhielt ein damals 27-jähriger Franzose mit dem sogenannten Recklinghausen-Syndrom 2007 ein Dreieck aus Nase, Mund, Kinn und Wangenteilen. Er war damit der erste derartige Transplantationsempfänger, der nicht durch einen Unfall, sondern durch eine chronische Krankheit entstellt war.

Insgesamt gab es weltweit bislang sechs Gesichtstransplantationen - und noch nie zuvor wurden auch gleichzeitig beide Hände verpflanzt. Denn der zusätzliche Eingriff ist kompliziert: Neben der Anbindung von Haut und Knochen müssen auch Blutgefäße, Nerven und Muskeln miteinander verbunden werden, damit der Empfänger die transplantierten Extremitäten später auch spürt.

Linke Hand besser als die rechte

Wissenschaftler vom staatlichen Forschungszentrum CNRS (Centre National de la Recherche Scientifique) im französischen Lyon haben jetzt festgestellt, dass sich nach einer Transplantation beider Hände die linke möglicherweise schneller mit dem Gehirn verbindet als die rechte. Wie Angela Sirigu und ihr Team jetzt im Fachmagazin "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften ("PNAS") berichten, hatten sie zwei beidseitig transplantierte Patienten mehrere Jahre nach ihrer Operation untersucht. Mit Hilfe magnetischer Impulse hatten sie den sogenannten Motorkortex im Hirn der beiden Patienten angeregt und damit die Nervenverbindung zu den Hand- und Armmuskeln getestet.

Bei dem ersten Fall handelte es sich um einen 20-Jährigen, der im Jahr 2000 beide Hände verloren und drei Jahre später Spenderorgane erhalten hatte. Sein Gehirn hatte die Muskeln der linken Hand den Angaben zufolge 10 Monate nach der Operation erkannt. Bei der rechten Hand vergingen für ähnliche Resultate 26 Monate.

Der zweite Patient, ein 42 Jahre alter Mann, verlor beide Hände 1996, Anfang 2000 bekam er Spenderhände verpflanzt, zuvor hatte auch er eine Prothese getragen. Die Forscher untersuchten ihn 51 Monate nach der Operation. Dabei wurde deutlich, dass das Gehirn die Muskeln der linken komplett wahrnahm, für die rechte Hand galt das hingegen nicht.

Die Forscher schließen aus ihren Ergebnissen, dass Transplantationspatienten die für ihre Hände zuständigen Regionen in der Hirnrinde reaktivieren können. Dies gelte auch dann, wenn der Verlust bereits Jahre zurückliege. Der zweite Fall deute jedoch darauf hin, dass die Weiterleitung der von den Nerven aufgenommenen Reize bei den fremden Händen nur teilweise funktioniere.

Transplantation notwendig?

Trotz der erfolgreichen Eingriffe in den vergangenen Jahren gibt es unter Chirurgen immer wieder Diskussionen darüber, ob solche Operationen angesichts der möglichen Nebenwirkungen überhaupt vorgenommen werden sollten. Die Empfänger müssen nach Erhalt des Organs dauerhaft Medikamente schlucken, um zu verhindern, dass ihr Körper das fremde Gewebe abstößt. Durch das geschwächte Immunsystem sind die Patienten anfällig für Infekte, auch drohen chronische Schäden durch die Arzneien. Zudem sei auch die psychische Herausforderung, die von den fremden Gliedmaßen ausgeht, immens und werde oft unterschätzt, meinen Experten.

Berühmt ist der Fall des ersten Menschen, dem eine ganze Hand transplantiert worden war: Der 50-jährige Neuseeländer Clint Hallam bezeichnete das fremde Körperteil bald als "abscheulich und verblüht" und bat seine Ärzte, es wieder zu entfernen - er habe sich davon "mental gelöst". Der Fall hatte den US-amerikanischen Schriftsteller John Irving zu seinem Roman "Die vierte Hand" inspiriert.

Auch im Fall eines 44-jährigen Chinesen aus Guangzhou wurden Patient und Ärzte von der Heftigkeit dieser mentalen Abstoßung überrascht: Trotz der weltweit ersten erfolgreichen Transplantation eines fremden Penis, von dem die Chirurgen sich eine vollständige Funktionsfähigkeit versprochen hatten, bat der Patient nach kurzer Zeit um dessen Amputation.

hei/AP/dpa



Forum - Gesichtstransplantationen- Wunder der Wissenschaft?
insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
superbiti 07.04.2009
1.
Zitat von sysopGewagter Eingriff: In einer 30-stündigen Operation haben französische Ärzte einem Mann erstmals gleichzeitig zwei Hände und einen Teil des Gesichts verpflanzt. Solche Operationen haben in der Vergangenheit häufig Komplikationen hervorgerufen. Sollen die riskanten Eingriffe trotz der möglichen Nebenwirkungen weiterhin durchgeführt werden? Diskutieren Sie mit!
Wenn es der Gesundheit dient, warum nicht?
Rainer Helmbrecht 07.04.2009
2.
Zitat von sysopGewagter Eingriff: In einer 30-stündigen Operation haben französische Ärzte einem Mann erstmals gleichzeitig zwei Hände und einen Teil des Gesichts verpflanzt. Solche Operationen haben in der Vergangenheit häufig Komplikationen hervorgerufen. Sollen die riskanten Eingriffe trotz der möglichen Nebenwirkungen weiterhin durchgeführt werden? Diskutieren Sie mit!
Solche Operationen haben nichts mit einer Brust OP zu tun, sondern da stehen ernsthafte Probleme dahinter. Wer Brandopfer seht denen anders nicht Helfen kann, wird wohl nicht an der Notwendigkeit zweifeln. Sowas kann man nicht einschränken und so lange eine Chance besteht, dass diese Operation eine Verbesserung für den Patienten bedeutet, spricht auch nichts dagegen, so etwas zu wagen. MfG. Rainer
rieberger 07.04.2009
3.
Zitat von sysopGewagter Eingriff: In einer 30-stündigen Operation haben französische Ärzte einem Mann erstmals gleichzeitig zwei Hände und einen Teil des Gesichts verpflanzt. Solche Operationen haben in der Vergangenheit häufig Komplikationen hervorgerufen. Sollen die riskanten Eingriffe trotz der möglichen Nebenwirkungen weiterhin durchgeführt werden? Diskutieren Sie mit!
Es werden die Patienten entscheiden, um welchen Vorteil Willen sie mögliche riskante Nebenwirkungen in Kauf nehmen werden. Wer will es sich anmaßen, einem leidenden Menschen eine auch risikobehaftete Behandlung zu untersagen?!
Softship 07.04.2009
4.
Zitat von sysopGewagter Eingriff: In einer 30-stündigen Operation haben französische Ärzte einem Mann erstmals gleichzeitig zwei Hände und einen Teil des Gesichts verpflanzt. Solche Operationen haben in der Vergangenheit häufig Komplikationen hervorgerufen. Sollen die riskanten Eingriffe trotz der möglichen Nebenwirkungen weiterhin durchgeführt werden? Diskutieren Sie mit!
JA! Sofern der Patient das wünscht. Zu den Komplikationen: der Patient ist sicherlich über die Risiken aufgeklärt worden. Es ist davon auszugehen, dass er sich nicht mehr in der Öffentlich zeigen konnte, vermutlich nicht richtig essen konnte - und ein Leben ohne Hände ist sehr, sehr schwierig. Deswegen hat der Patient vermutlich sich nicht nur einverstanden erklärt, sondern mit Elan "ja" gesagt, um wieder an Lebensqualität zu gewinnen. Es ist zwar richtig, dass Immunsuppression eine gewisse Gefahr beinhaltet, aber es leben nun Tausende Menschen mit diesen Medikamenten, weil a) die Medikamente immer besser werden und b) die Transplantations-Ärzte immer besser damit umgehen können. Mein Respekt hat auch die Familie des Spenders!
Frank Wagner, 07.04.2009
5.
Zitat von sysopGewagter Eingriff: In einer 30-stündigen Operation haben französische Ärzte einem Mann erstmals gleichzeitig zwei Hände und einen Teil des Gesichts verpflanzt. Solche Operationen haben in der Vergangenheit häufig Komplikationen hervorgerufen. Sollen die riskanten Eingriffe trotz der möglichen Nebenwirkungen weiterhin durchgeführt werden? Diskutieren Sie mit!
Ich verstehe den Sinn dieses Threads nicht, wenn ich das Problem hätte würde ich das Risiko vermutlich auch eingehen. Ich hoffe einfach mal, das die Gentechnik Brandopfern irgendwann man mit der Wiederherstellung der eigenen Haut helfen kann. bis dahin....
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