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Spektakuläre Transplantation: Das Mädchen mit den zwei Herzen

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Jahrelang schlugen zwei Herzen in der Brust der kleinen Hannah: Als ihr eigenes versagte, bekam sie ein zusätzliches Organ von einem Spender. Dann geschah die medizinische Sensation: Während das neue Herz ermattete, erholte sich das alte - und arbeitet nun wieder allein.

London - Wie oft Hannah Clark schon lebensrettendes Glück hatte, kann die 16-Jährige nicht sagen. Vielleicht war es mehr als Glück, vielleicht Schicksal? Der ungewöhnliche Fall der jungen Britin mit den zwei Herzen lässt zumindest fast daran glauben.

Als Kleinkind überlebt Hannah eine unheilbare Herzkrankheit, weil Ärzte ein Spenderherz für sie finden. Das Organ, das die Mediziner zusätzlich zu ihrem kranken Herz in die Brust einpflanzen, hält sie zehn Jahre lang am Leben - obwohl es viel zu klein ist für ihren Körper. Mit Chemotherapien, ärztlicher Kunst und familiärer Unterstützung besiegt sie später bösartige Tumorzellen, die ihren Körper besiedelt haben, und übersteht den Angriff ihres Immunsystems auf das gespendete Organ.

Hannahs größtes Glück aber ist, dass sie heute wieder gesund ist. Nur noch ein Herz schlägt in ihrer Brust - ihr eigenes. Es hat sich im Laufe der Zeit erholt, und so konnten die Ärzte ihr das Spenderorgan wieder entfernen. "Ich bin wahnsinnig dankbar", sagte Hannah am Montag auf einer Pressekonferenz in London. "Ohne den Spender und die Chirurgen, die mich operiert haben, wäre ich nicht hier."

Auch ihre Ärzte schwärmen: Von "Magie" spricht der Herzchirurg Magdi Yacoub vom Imperial College in London, der dem Mädchen das Spenderherz implantiert und es zehn Jahre später gemeinsam mit Victor Tsang wieder entfernt hat. Tsang, Herzchirurg am Great Ormond Street Hospital in London, bezeichnet den Verlauf als "extrem ungewöhnlich" und "unerwartet". Die beiden Ärzte und ihre Mitarbeiter haben ihren außerordentlichen Fall jetzt online vorab im Fachblatt "Lancet" publiziert.

Ein totes Baby als Lebensretter

Hannah ist klein, hat lange hellbraune Haare und ein rundes Gesicht mit braunen Augen und einem vorsichtigen Lächeln. Sie mag Kinder, mit denen sie später beruflich arbeiten will, und sie mag Tiere. Sie hat jetzt einen Job - jeden Samstag darf sie sich um ein paar Tiere kümmern. Noch vor wenigen Jahren hätten die Ärzte ihr das verboten, denn das Fell hätte ihre empfindlichen Lungen reizen, ihr schwaches Immunsystem überlasten und ihr zerbrechliches Herz schwächen können.

Als Hannah acht Monate alt war, wurde ihr Herz immer schwächer. Es vergrößerte sich und konnte nur noch einen Bruchteil ihres Blutes durch den kleinen Körper pumpen. Dilatative Kardiomyopathie nennen Ärzte diese meist angeborene Herzmuskel-Erkrankung. Sie verstanden schnell, dass Hannahs einzige Chance ein Spenderorgan war.

Als ein fünf Monate altes Baby starb, wurde es im Tod zum Lebensretter des damals zweijährigen Kindes. Doch Hannahs Kreislauf hatte sich durch ihr krankes Herz schon stark verändert - das Spenderherz war zu klein. Auch das neue Organ wäre gegen den hohen Druck in ihren Gefäßen nicht angekommen.

Die Ärzte entschieden sich zu einem in der Herzchirurgie zwar bekannten, aber unüblichen Trick: Sie beließen Hannahs krankes Herz im Körper, um seine - wenn auch geringe - Pumpkraft auszunutzen. Das neue Organ schlossen sie quasi huckepack daran an. "Diese heterotope Herztransplantation kommt eher als Alternative für weniger geeignete Fälle in Betracht", erklärt der Herzchirurg Theodor Tirilomis von der Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie an der Universität Göttingen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Eine weitere Alternative wäre der Einsatz von Kunstherzen gewesen. Diese mechanischen Systeme stehen aber erst seit einigen Jahren für kleine Patienten zur Verfügung, und deren Einsatz ist wegen der Anfälligkeit der Materialien noch zeitlich limitiert."

Hannahs Abwehrkräfte werden schwächer

Um zu verhindern, dass Hannahs Immunsystem das neue Herz abstieß, musste das Kind jeden Tag Medikamente mit schweren Nebenwirkungen schlucken. Ihre Abwehrkräfte wurden schwächer, die Anfälligkeit gegenüber Infektionen stieg. "Es ist eine hohe Kunst, nach der Transplantation das ideale Gleichgewicht zwischen Nicht-Abstoßung und Infektionsschutz zu finden", meint Tirilomis.

Doch schon bald schlug das gefürchtete Ebstein-Barr-Virus zu. Während es bei Gesunden entweder gar keine Symptome oder Pfeiffersches Drüsenfieber auslöst, kann es bei Patienten mit gehemmtem Immunsystem eine Art Blut- und Lymphdrüsenkrebs verursachen. So war es auch bei Hannah Clark: In ihrem Körper breiteten sich Tumorzellen aus.

Das brachte das Mädchen und ihre Ärzte in eine verzwickte Lage: Einerseits brauchte Hannah eine Chemotherapie, andererseits mussten die Ärzte dafür die immunsuppressiven Medikamente reduzieren. Das wiederum erhöhte die Gefahr einer Abstoßungsreaktion.

Und tatsächlich mussten die Mediziner über Jahre hinweg zusehen, wie Hannahs Immunsystem immer wieder das Spenderorgan angriff. Doch die Ärzte beobachteten auch noch etwas anderes, überraschendes: Bereits viereinhalb Jahre nach der Transplantation begann Hannahs eigenes Herz wieder zu arbeiten. "Wir hatten nicht erwartet, dass sich ihr Herz erholen würde, doch als es wieder gesund wurde, waren wir begeistert", zitiert die britische BBC den Chirurgen Magdi Yacoub.

"Ich lebe ein normales Leben"

Doch auch wenn sich die Tumorzellen in Hannahs Körper im Lauf der Jahre mitunter zurückdrängen ließen, breiteten sie sich immer wieder aus und wurden zu einer ernsthaften Bedrohung. Zudem war das Spenderorgan durch die Abstoßungsreaktionen gefährdet.

Deshalb entschieden sich die Ärzte zu einem gewagten Schritt: Vor dreieinhalb Jahren entfernten sie Hannah das geschwächte Spenderherz wieder. "Die Operation verlief ohne Komplikationen, und das Ergebnis war exzellent", sagt Yacoub. Hannahs Fall sei lehrreich für die Biologie, für Transplantationen sowie für die Erforschung bösartiger Erkrankungen und der Herzregeneration. "Wir hoffen alle, dass unsere Erkenntnisse mehr Forschung und Fortschritte hervorrufen wird", so Yacoub. Herzchirurg Tirilomis ergänzt: "Es ist ein Einzelfall. Ein sehr glücklicher Einzelfall. Und ein indirekter Appell an die Entwickler von Kunstherzen und Herzunterstützungssystemen, die Forschung zu intensivieren, um Systeme mit längerer Haltbarkeit zu bekommen."

Vielleicht würde es dann mehr Kinder geben, deren krankes Herz sich wieder erholen könnte. Hannah lebt heute ein normales Leben, "genau wie meine Freunde", sagt sie. Sie muss keine Medikamente mehr schlucken, die Krebszellen sind seit der Operation nicht mehr aufgetaucht, und ihr Herz pumpt das Blut mit voller Kraft durch ihren Körper. "Ich bin so froh", sagt Hannah, "dass ich nicht mehr von lebensrettenden Medikamenten abhängig bin."

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Zwei Herzen in einer Brust: Lebensrettende Transplantation


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