Spiegelneuronen Psychopathen besitzen den Schalter fürs Mitgefühl

Sie wurden vor zwanzig Jahren entdeckt und bleiben bis heute rätselhaft: Spiegelneuronen erzeugen Mitgefühl, sogar aus der Distanz. Diese Empathie nach Belieben ein- und auszuschalten, gelingt offenbar nur ganz speziellen Menschen: Psychopathen.

Von

Corbis

Stellen Sie sich vor, wie Ihrem Gegenüber ein Finger umgebogen wird: Die Fingerkuppe berührt fast das Gelenk, die Haut wird weiß, feine Äderchen treten hervor. Wer so eine Szene beobachten muss, dem wird selbst unbehaglich. Den Schmerz fühlen wir automatisch mit. Denn unser Gehirn übersetzt das Beobachtete direkt in eine Assoziation, die mit unserem eigenen Erleben zu tun hat. Schuld daran sind Spiegelneuronen: Diese Hirnzellen erzeugen die Fähigkeit zur Empathie.

Allerdings sind die Neuronen offenbar nicht bei allen Menschen permanent aktiv. Psychopathen haben mit einer solchen Situation keine Probleme, berichtet der deutsch-französische Hirnforscher Christian Keyers in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL. Mit einem Experiment konnte er zeigen: Liegen diese Menschen in einem Hirnscanner und sehen dabei Filme, in denen jemandem ein Finger umgebogen wird, passiert in dem Areal, das für Mitgefühl zuständig ist, wenig. Das war zu erwarten. Denn bislang glaubten Experten, dass Psychopathen zu Empathie nicht fähig seien. Doch diese Annahme hat Keyers nun widerlegt: "Sobald wir sie ausdrücklich darum baten, sich einzufühlen, zeigten sie völlig normale Reaktionen", sagt er. Offensichtlich verfügen Psychopathen über ein ganz besonderes Talent: Sie können ihr Mitgefühl anschalten.

Am Anfang war die Erdnuss

Auch mehr als zwanzig Jahre nach der Entdeckung der Spiegelneuronen lernen Forscher noch Neues dazu über dieses System im Gehirn, das Handeln, Gefühle und Stimmungen anderer Menschen auch beim Beobachter zum Erklingen bringt.

Begonnen hat alles im Jahr 1992 in der italienischen Stadt Parma: mit einem Affen, einem Versuchsleiter und einer Erdnuss. Eigentlich hatte die Forschergruppe um den Physiologen Giacomo Rizzolatti lediglich an Affen erforschen wollen, wie Handlungen im Gehirn geplant und umgesetzt werden. Griffen die Tiere nach Futter, konnten sie entsprechende Hirnströme messen. Doch plötzlich schlug das Messgerät auch aus, als einer der Forscher nach einer Nuss griff. Dabei saß der Affe ruhig da.

Die Nervenzellen des Affen sandten offenbar bereits Signale aus, wenn er die Bewegung nur beobachtete, sie spiegelten förmlich das Verhalten des Gegenübers. Die Nervenzellen, die im Primatenhirn diese Signale auslösten, nannten die Forscher Spiegelneuronen. Erst vor drei Jahren gelang der direkte Nachweis, dass auch Menschen über solche Zellen verfügen.

Lachen steckt an

In den ersten Veröffentlichungen zu Spiegelneuronen ist nur von Bewegungen und Absichten die Rede. Schon bald aber erkannten Forscher, dass wir auch Gefühle unserer Mitmenschen - etwa Freude oder Schmerz - spiegeln können.

2006 schrieb etwa die Neurowissenschaftlerin Sophie Scott vom University College London im "Journal of Neuroscience", dass Spiegelneuronen uns automatisch mitlachen lassen, wenn eine andere Person zu lachen beginnt. Die Nervenzellen seien besonders aktiv, wenn Menschen positive Gefühlsausdrücke beobachteten. Im Versuch hatte sie Probanden Laute vorgespielt, die Emotionen wie Triumph, Angst, Freude oder Ekel ausdrückten.

Einige Forscher schrieben der Entdeckung der Spiegelneuronen so viel Bedeutung zu wie der Entschlüsselung der DNA. Kritiker bemängeln aber, es klaffe ein Abgrund zwischen den öffentlichen Phantasien und dem, was experimentell belegbar sei.

Euphorie lass nach

Mittlerweile hat sich die Euphorie gelegt, Zweifel an der Existenz der Spiegelneuronen gibt es in der Fachwelt nicht. Inzwischen aber sprechen Forscher meist nicht mehr von einzelnen Zellen. Weil immer neue Areale mit der Spiegelfunktion in Verbindung gebracht werden, gehen Experten von einem komplexen System aus.

Denn obwohl wir uns zum Beispiel in nahezu jedes Gegenüber hineinversetzen können, bedeutet die Fähigkeit zur Empathie nicht, dass wir mit jedem Mitgefühl empfinden. Auch Vorerfahrungen spielen unter anderem eine Rolle. "Der Grad des Mitgefühls ist variabler als gedacht", sagt Keyers.

Die Erforschung des Empathiesystems geht also weiter: Experten wie der Neurowissenschaftler Eric Kandel sehen darin eine Chance, die Hirnforschung mit anderen Wissenschaften zu verbinden: Der Nobelpreisträger will herausfinden, wie Menschen Kunst wahrnehmen. "Was wir erleben, wenn wir ein Porträt anschauen, hat mit den Spiegelneuronen zu tun", schreibt er in der "New York Times". "Signale dieser Zellen lassen uns Handlungen anderer so empfinden, als wären sie unsere eigenen."



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insgesamt 93 Beiträge
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analyse 15.07.2013
1. ist es verwunderlich,daß die Gefühle die wir
spüren,auch eine materielle Basis haben,die an bestimmten Stellen im Gehirn lokalisiert sind ?
xcountzerox 15.07.2013
2. paul watzlawick
unbedingt ansehen. öffnet einem die augen. http://www.youtube.com/watch?v=M7aMmiMrYmU
spon-4f4-gpdi 15.07.2013
3. Identifikation nicht Empathie
Die Spiegelneuronen sind die Grundlage dafür, dass wir uns unbewusst mit der emotionalen Befindlichkeit des anderen identifizieren können. Identifikation ist die Grundlage von Empathie. Diese ist eine kognitive Fähigkeit und wird durch Spiegelungserfahrung in der Kindheit erworben. Soziale Lernprozesse und biologische Grundlagen, wie Spiegelneuronen ermöglichen im Zusammenspiel Empathie. Psychopathen verfügen nicht über die entsprechende kindliche Erfahrung.
tulius-rex 15.07.2013
4. sehr vorsichtig
Das "angeborene" Mitgefühl kann sehr schnell ins Gegenteil umschlagen, wenn unsere Regierenden und Vorbilder (z. B. Hoeneß) die Mitmenschlichkeit und Wahrhaftigkeit mit Füßen treten und sie nur dann anfordern, wenn es politisch opportun ist (Fluthilfe) und den Egozwecken dient. Der Ein-/Ausschalter für Mitgefühl heißt nämlich Gerechtigkeit und Glaubwürdigkeit. Wie viele Menschen in Syrien müssen tagtäglich leiden und sterben nur weil die Waffenlobby daran verdient. Die dortigen Männer sollen ihre Familien ernähren und nicht herumballern und alles zerstören.
spontifex 15.07.2013
5. Der Spiegel, die Neuronen
Zitat von sysopCorbisSie wurden vor zwanzig Jahren entdeckt und bleiben bis heute rätselhaft: Spiegelneuronen erzeugen Mitgefühl, sogar aus der Distanz. Diese Empathie nach Belieben ein- und auszuschalten, gelingt offenbar nur ganz speziellen Menschen: Psychopathen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/spiegelneuronen-psychopathen-koennen-mitgefuehl-anknipsen-a-910023.html
Stellt sich die Frage, was zuerst da war. Regierungen, die die Massen emotionalisieren und versuchen, sie damit zu an - und ausknipsbaren Psychopathinnen und Psychopathen zu machen, oder umgekehrt. Mir scheint das Erstere zuzutreffen.
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